https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/neue-konfliktlinien-die-lokfuehrer-im-nebel-des-krieges-1491082.html

Neue Konfliktlinien : Die Lokführer im Nebel des Krieges

Schon 1922 eskalierte ein Arbeitskampf der Lokführer

Schon 1922 eskalierte ein Arbeitskampf der Lokführer Bild: DPA

Jetzt reden sie wieder, die Bahn und die Lokführer - ein kurzer Waffenstillstand in einem langen Krieg. Früher verliefen die Fronten zwischen Arbeit und Kapital. Jetzt kämpfen auch Arbeiter gegen Arbeiter. Seltsame Bündnisse entstehen und die Gewerkschaften befördern ihre eigene Abschaffung.

          5 Min.

          Eine kleine Gewerkschaft schert aus. Am 24. Januar 1922 übermittelt die „Reichsgewerkschaft deutscher Eisenbahn-Beamten und -Anwärter“ der Regierung ein auf fünf Tage befristetes Ultimatum, mit dem sie die sofortige Erfüllung ihrer Maximalforderungen verlangt. Weil die Regierung das Ultimatum ignoriert, kommt es zum erbitterten Streik, da die kleine „Reichsgewerkschaft“ das Gros der mächtigen Lokführer organisiert.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Arbeitskampf eskaliert, als per Notverordnung die Beschlagnahmung von Streikkasse und Flugblättern angeordnet wird. Hunderttausende Eisenbahner, die Kommunisten sprechen von 800.000, beteiligen sich am Kampf; die Zeitgenossen klagen über „Chaos und Anarchie“. Zuletzt sind es die Großgewerkschaften und nicht die Regierung, welche die Reichsgewerkschaft („eine einzelne undisziplinierte Gruppe, die auf unverantwortliche Weise mit dem Schicksal der gesamten Bevölkerung spielt“) mit großzügigen Zusagen am 7. Februar 1922 zur Kapitulation zwingen.

          Die Macht erfolgreich nutzen

          „Bonn ist nicht Weimar“, heißt die oft zitierte Formel, die der Schweizer Journalist Fritz René Allemann prägte. Aber vielleicht wird Berlin jetzt wieder ein bisschen Weimar? Jedenfalls hat es die kleine Lokführergewerkschaft GDL in der vergangenen Woche geschafft, „den größten Eisenbahnerstreik in der Geschichte der Bundesrepublik“ anzuzetteln und tagelang Nah-, Fern- und Güterverkehr auf der Schiene lahmzulegen. Jetzt wird zumindest wieder geredet bei Bahn und GDL. Ein neues Angebot liegt anscheinend auf dem Tisch. Wie es weitergeht, ist dennoch völlig offen. Bloß soll niemand sagen, die Erpressungsmacht kleiner Arbeitnehmereliten wie der Lokführer sei ein neues Phänomen. Schon in den zwanziger Jahren wussten sie ihre Macht erfolgreich zu nutzen.

          Ein ihre Streikmacht kastrierendes Gesetz und nicht etwa ein abhandengekommenes Elitebewusstsein ist der Grund, warum die Nation von der Stärke der Lokführer mehr als 80 Jahre lang nichts mehr gespürt hat. Es war der Eisenbahnerstreik des Winters 1922, der die Reichsregierung veranlasste, fortan den Beamten das Recht zu streiken kategorisch abzusprechen. Erst die Privatisierung der Bahn (sie ist heute eine privatrechtliche AG in Staatsbesitz), die Beamte zum Auslaufmodell gemacht hat, lässt das Erpressungspotential der Lokführer wiederaufleben.

          Neue Verteilungskämpfe

          Der jüngste Eisenbahnerstreik wirbelte Deutschland ziemlich durcheinander. Nicht nur, weil die Bürger sich ärgerten, wenn sie zu spät zur Arbeit kamen, sich im Hamburger Hafen die Container stapelten und bei Audi die Ersatzteile nicht rechtzeitig ans Band kamen. Ungewohnt ist auch der neue Wettbewerb zwischen den Gewerkschaften. Die Lokführer der GDL blasen zum Angriff auf die Großgewerkschaft Transnet, die bislang das Feld dominierte, und versprechen den Eisenbahnern, für sie bessere Konditionen auszuhandeln als die Platzhirsche. „Der Verteilungskampf der Zukunft findet weniger zwischen Arbeit und Kapital statt, er spielt sich immer mehr innerhalb der Gruppe der Arbeitnehmer ab“, sagt der Würzburger Ökonom Norbert Berthold.

          Arbeitnehmer unterschiedlicher Qualifikationen kämpfen um das möglichst größte Stück vom volkswirtschaftlichen Kuchen. Die Lokführer haben sich immer schon als Arbeiteraristokratie gefühlt. Jetzt rächen sie sich dafür, dass sie von der Großgewerkschaft Transnet lange Zeit ignoriert und Lohndifferenzen innerhalb des Konzerns nivelliert wurden. Qualifizierte Arbeiter sind heute immer weniger bereit, einfache Arbeit zu subventionieren.

          Seltsames Bündnis

          Ist das schlimm? Plötzlich fällt halb Deutschland über die Lokführer her und befürchtet „Chaos und Anarchie“. Ein seltsames Bündnis zwischen DGB, Bahnchef Hartmut Mehdorn, den Arbeitgeber- und Industrieverbänden und der SPD hat sich in den vergangenen Wochen zusammengefunden. „Entsolidarisierung“ heißt das Schimpfwort, mit dem sie gemeinsam auf die Lokführer eindreschen. Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer warnt vor der „Spaltung der Arbeitnehmerschaft“. Die „Tarifeinheit“ müsse gewahrt werden, rufen sie unisono. Die soll ihnen jetzt der Gesetzgeber garantieren.

          Weitere Themen

          Kuriere in Qatar warten weiter auf Gehalt

          Delivery Hero : Kuriere in Qatar warten weiter auf Gehalt

          Zwei ehemalige Partnerunternehmen von Delivery Hero in Qatar haben Fahrer monatelang nicht bezahlt. Der Konzern setzt nun auf die Behörden vor Ort – die Gehälter selbst nachzahlen will er nicht.

          Topmeldungen

          Manches braucht Zeit.

          Überlastung : Das Dilemma der Steuerberater

          Die Deutschen müssen so viele Steuererklärungen abgeben wie selten. Doch wer dabei Hilfe braucht, hat schlechte Karten. Denn seit ein paar Jahren haben die Steuerberater mehr zu tun als sie bewältigen können.
          Wo bitte geht’s hier entlang? So sieht ein M1-Chip von Apple aus der Nähe aus.

          IT-Fortschritt : Was Sie jetzt über Computerchips wissen müssen

          Fortschritt in der Informatik hängt immer auch von schnelleren Rechnern ab. Das ist wirtschaftlich und militärisch wichtig. Hier kommt eine Übersicht über diese Schlüsseltechnologie. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.