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Öl und Gas : Warum die Iran-Sanktionen die Wirtschaftskrise in der Türkei verschärfen

Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoglu, hier mit seinem iranischen Kollegen Javad Zarif, wies das Embargo gegen den Iran zurück. Bild: AFP

Die Ausweitung der Sanktionen gegen Iran behindert die Öl- und Gasausfuhr und treibt die Preise in die Höhe. Besonders hart trifft das die Türkei. Das könnte gefährlich werden.

          Der Nato-Partner Türkei leidet besonders heftig unter der Entscheidung aus Washington, die Sanktionen gegen Teheran auszuweiten. Nach Informationen dieser Zeitung bezieht kein anderes Land einen so großen Anteil seiner Rohstoffe aus Iran, außerdem verschärft der gegenwärtige Ölpreisanstieg die Wirtschaftskrise in der stark importabhängigen Türkei.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Der amerikanische Außenminister Mike Pompeo hatte am Ostermontag angekündigt, die Ausnahmeregelung für iranische Öl- und Gaslieferung in acht Länder nicht zu verlängern: Von Mai an drohen deshalb der Türkei, China, Indien, Japan, Südkorea, Taiwan, Griechenland und Italien die gleichen Sanktionen wie allen anderen Handelspartnern, falls sie weiterhin Rohstoffe aus Iran beziehen.

          China und Indien sind die größten Käufer iranischer Energieträger. Die Türkei aber ist am meisten von dieser Quelle abhängig. Nach Angaben der türkischen Energie-Regulierungsbehörde EMRA bezieht das Land 27 Prozent seines Öls und 17 Prozent seines Erdgases aus Iran. Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoglu wies deshalb die Ausweitung des Embargos zurück. Ankara werde sich nicht diktieren lassen, mit wem es handeln dürfe.

          Auch China widersetzt sich

          Das gelte auch für Pompeos Empfehlung, die Lieferausfälle aus Iran durch Importe aus Saudi-Arabien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) zu kompensieren. Saudi-Arabien liefert nur ein Sechstel so viel Öl wie Iran in die Türkei. Ankara führte 2017 rund 11,5 Millionen Tonnen Öl aus Iran ein, mehr als aus den nächstplatzierten Lieferländern Irak und Russland zusammen. Beim Gas ist zwar Russland wichtiger, aber der Import aus Iran steigt schneller.

          Wie die Türkei, so widersetzt sich auch China der Ausweitung der Sanktionen. Man habe dagegen formell Protest eingelegt, sagte ein Sprecher des Außenministeriums. Washington gefährde die Stabilität im Nahen Osten und an den Energiemärkten. Unklar ist allerdings, ob die Empörung nicht Spiegelfechterei ist. Denn weder Peking noch Ankara haben angekündigt, die Sanktionen zu umgehen. China hatte das in der Vergangenheit getan, schreckt aber jetzt offenbar davor zurück, Öl ins Feuer des Handelskonflikts mit Washington zu gießen. Auch die Türkei, die in einer Wirtschaftskrise steckt, hat kein Interesse an einer Eskalation.

          Wegen verschiedener Streitigkeiten mit Amerika hatten sich im vergangenen Jahr internationalen Investoren aus der Türkei zurückgezogen und der Landeswährung stark zugesetzt: 2018 hatte die Lira gegenüber dem Dollar fast 30 Prozent an Wert verloren. Nachdem sie sich im laufenden Jahr etwas erholen konnte, steht sie jetzt wieder unter Druck. „Die Türkei steckt in einer Rezession, die Lira ist schwach. Was das Land am wenigsten gebrauchen kann, sind neue Verwerfungen mit Amerika, die abermals Investoren verschrecken würden“, sagt Richard Grieveson, Türkei-Ökonom am Wiener Institut WIIW.

          Preis wichtiger als Herkunft

          Anders als Russland könne sich die stark importabhängige Türkei gegen allfällige amerikanische Sanktionen nicht isolieren. Zwar sei es Ankara möglich, Öl außerhalb Irans zu beziehen. Wichtiger als die Herkunft sei aber der Preis, und dieser steige wegen der Iran-Sanktionen immer weiter. Ein Fass (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete im frühen Handel am Dienstag 74,43 Dollar. Das war so viel wie seit fast einem halben Jahr nicht. Die Verteuerung ist für Ankara so gefährlich, weil das Land sein Leistungsbilanzdefizit nur mit Mühe über ausländische Kapitalzuflüsse decken kann.

          Für Deutschland ist die Verschärfung des Konflikts wirtschaftlich von geringer Bedeutung. 2018 importierte Deutschland lediglich Erdöl und Erdgas im Wert von rund 116 Millionen Euro aus Iran (Statistisches Bundesamt). Der Warenhandel mit dem Land ist seit vergangenem November stark eingebrochen. Im Februar exportierten deutsche Unternehmen noch Waren für rund 120 Millionen Euro nach Iran – 42 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

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