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Neue IP-Adressen : Das Internet wird umgebaut

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IPv6: Dem „Internet der Dinge“ wird nun der Weg bereitet. Bild: dapd

Von heute an stellen Google, Facebook und Co. das Internet auf neue Fundamente. „IPv6“ heißt die neue Technik. Bald sollen auch Tiefkühltruhen oder Waschmaschinen online gehen können. Datenschützer sind aber wenig begeistert.

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          Es hat kaum jemand bemerkt - aber an diesem Mittwoch haben Internet- und Technikunternehmen damit begonnen, das Internet umzubauen. Das geschieht hinter den Kulissen, hat aber große Wirkungen.

          Genauer: Es ändern sich die so genannten Internet-Protokoll-Adressen (IP-Adressen), die Computer bei ihrer Einwahl ins Internet benötigen. Bislang bestehen diese Adressen aus 32 Ziffern, künftig soll jede Internetadresse aus 128 Stellen bestehen. Im Fachjargon nennt sich der alte Standard „IPv4“, der neue Standard „IPv6“. Die Erweiterung der IP-Adressen dient dazu, dass insgesamt mehr Geräte mit dem Internet verbunden werden können, denn das momentane Adressspektrum geht langsam zur Neige. Statt vier Milliarden Zahlencodes, die Geräte bei ihrer Einwahl ins Netz brauchen, stehen nun 340 Sextillionen und so schier unendlich viele Adressen bereit - eine 340 mit 36 Nullen.

          Die Umstellung dient vor allem dazu, dem so genannten „Internet der Dinge“ den Weg zu bereiten. Mit IPv6 wird es vorstellbar, dass künftig auch Geräte wie zum Beispiel Tiefkühltruhen, Fernseher und Waschmaschinen lebenslang einen festen Zahlencode zugeordnet bekommen. So können die Geräte etwa mit dem Energieunternehmen der Nutzer kommunizieren und günstige Zeitfenster zum Stromsparen herausfinden.

          An diesem Mittwoch hat die Nichtregierungsorganisation Internet Society den „IPv6-Launch-Tag“ ausgerufen und prominente Unternehmen dafür gewonnen, ihre Produkte ab heute IPv6-fähig auszugestalten. Dafür hat sich die Organisation das symbolische Datum 6.6. ausgesucht. Einen IPv6-Tag hatte es auch im vergangenen Jahr schon gegeben. Damals war 24 Stunden lang getestet worden, ob alle Geräte im Internet mit dem neuen Protokoll noch funktionieren.

          Am heutigen IPv6-Launch-Tag sind unter anderem Facebook und Yahoo beteiligt. Als einer der ersten Konzerne hat Google bereits in der Nacht zu Mittwoch IPv6 dauerhaft eingeschaltet.

          „So wie einem Telefonnetz die Rufnummern ausgehen, so gehen dem Internet derzeit die IP-Adressen aus“, schrieb Google-Manager Vint Cerf, der für die Zukunftsarbeit des Konzerns zuständig ist, in einem Eintrag des Google-Firmenblogs. Weil mit der Umstellung ein mehrjähriger Parallelbetrieb von altem und neuem IP-Standard einhergeht, notierte Cerf: „Heute starten wir das Internet des 21. Jahrhunderts: Sie sehen noch nichts.“ Insgesamt haben mehr als 1400 Unternehmen zugesagt ihre Web-Angebote so auf den neuen Adressen-Standard IPv6 umzustellen, dass diese mit dem neuen wie auch weiter dem alten Standard IPv4 erreichbar sind. Die Netzleitungen zu den Endkunden sind bisher erst zu einem kleinen Bruchteil auf IPv6 umgestellt. Daher beträgt der Anteil des mit IPv6 abgewickelten Datenverkehrs bislang nur knapp ein Prozent. Die Deutsche Telekom will nach jetziger Planung zum Jahresende ihren ersten Endkunden IPv6 bereitstellen.

          Datenschützer haben Bedenken

          Datenschützer sind allerdings weniger begeistert von der Neuerung. Sie befürchten, dass die Privatsphäre der Internetnutzer künftig schlechter geschützt sein könnte. Der Hintergrund ist folgender: Bislang werden die IP-Nummern immer wieder neu vergeben, weil nicht ausreichend Adressen für alle Nutzer vorhanden sind. So weiß niemand, welcher Mensch gerade hinter einer bestimmten IP-Nummer steckt - nur der Internetanbieter kann das aus seiner Datenbank heraussuchen.

          Wenn es künftig deutlich mehr IP-Nummern gibt, wäre es theoretisch möglich, dass jeder Internetnutzer eine eigene, feste IP-Adresse erhält und damit identifizierbar wird, so die Befürchtung. Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar forderte deshalb einen sorgfältigen Umgang mit dem neuen Standard. „Die nach dem neuen Internetprotokoll IPv6 vergebenen Internetadressen haben das Potential, zu Autokennzeichen für jeden Internetnutzer zu werden und zwar unabhängig davon, wie viele Geräte der Einzelne im Internet verwendet“, erklärte Schaar.

          Schaar forderte die Industrie dazu auf, mit dem neuen Standard die „notwendige Sorgfalt“ an den Tag zu legen. Auch Schleswig-Holsteins Datenschutzbeauftragter Thilo Weichert warnte davor, dass mit dem neuen Internetstandard IPv6 leicht die Anonymität im Netz fallen könnte. „Das Risiko steigt“, sagte er der „Frankfurter Rundschau“. Die Industrie sei sehr an festen IP-Adressen interessiert, um die anfallenden Informationen für Werbezwecke zu nutzen und mehr über die Nutzungsgewohnheiten ihrer Kunden zu erfahren. Es drohe eine Auseinandersetzung zwischen den Verwertungsinteressen der Industrie an den zusätzlichen digitalen Spuren, die mit IPv6 möglich seien, und den Interessen von Datenschützern, Verbrauchern „und hoffentlich der Politik“, erklärte Weichert.

          Anonymisierung ist weiterhin möglich

          Um die technisch mögliche eindeutige Identifizierung jedes Internet-Teilnehmers zu verhindern und weiterhin eine anonyme Nutzung zu ermöglichen, können sogenannte Privacy Extensions in IPv6 genutzt werden. Dabei wird ein Teil der neuen IP-Adresse gewissermaßen ausgewürfelt. Schaar erinnerte an die Empfehlungen des Deutschen IPv6-Rats, wonach es auch künftig keine persönliche Identifizierung aufgrund der IP-Adresse geben soll. „Die Datenschutzbehörden in aller Welt werden darauf achten, dass die entsprechenden Anforderungen in der Praxis beachtet werden“, kündigte Schaar an. Der IPv6-Rat ist ein Forum der Internet-Wirtschaft mit Vertretern aus Wissenschaft und Verwaltung.

          Der Vorsitzende der IPv6-Rates, Christoph Meinel, sagte, die Hersteller von Internet-Geräten seien aufgerufen, Produkte mit solchen datenschutzfreundlichen Vorkehrungen anzubieten. Der Datenschutz sei dann auch bei der Entwicklung neuer Dienste auf der Basis von IPv6 zu beachten, sagte der Direktor des Hasso-Plattner-Instituts der Universität Potsdam. Die Umstellung von IPv4 auf IPv6 sei wie die Umstellung eines Stromnetzes mit einer Spannung von 120 auf 220 Volt. Der Strom selbst sei weder gut noch schlecht. „Die Unfälle, die Gefahren, die kommen mit den Gerätschaften, die mit diesem Strom betrieben werden“, sagte der Informatiker.

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