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Neue Bertelsmann-Strategie : Später Triumph für Middelhoff

  • -Aktualisiert am

Thomas Middelhoff war von 1998 bis 2002 Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG. Bild: DPA

Bertelsmann macht sich fit für die Börse - so wie Thomas Middelhoff es einst geplant hat. Damals wurde er dafür entmachtet. Jetzt stichelt er.

          Zehn Jahre ist es her, dass Thomas Middelhoff Vorstandschef von Bertelsmann war. Gehen musste er im Streit um die Strategie des größten deutschen Medienkonzerns. Nun werden seine Pläne doch Realität. Der neue Chef Thomas Rabe macht Bertelsmann fit für den Börsengang, wie Middelhoff es zwischen 1998 und 2002 vergebens versuchte. Rabes Plan sieht folgendermaßen aus: Zum 30. Juni soll die Bertelsmann AG mit 100.000 Mitarbeitern und 15,3 Milliarden Euro Umsatz ihre Rechtsform ändern in eine SE & Co. KGaA. Die Buchstabensuppe bedeutet, dass aus Bertelsmann eine Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) wird, die von einer europäischen Aktiengesellschaft (SE) gesteuert wird.

          Angst vor Kontrollverlust

          An die Börse soll nur die KGaA gehen. Dann könnten die Gütersloher dringend nötiges Kapital einsammeln, müssten aber den Geldgebern keine Mitspracherechte gewähren. Kein KGaA-Aktionär könnte der Bertelsmann SE in die Strategie funken. „Der Spagat zwischen Familienprägung und Kapitalzuführung von außen ist geschafft“, jubelt Bertelsmann-Boss Rabe. Zuvor waren alle Börsenpläne an der Furcht der Gründerfamilie Mohn gescheitert, gegenüber Investoren die Kontrolle zu verlieren.

          Fühlt sich Middelhoff als später Sieger? Nein, so weit will der Mann nicht gehen, der jetzt Partner einer Beteiligungsgesellschaft ist: „Ich sehe die Entwicklung bei Bertelsmann mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagt er. „Weinend, weil dieser Konzern zehn Jahre Stillstand hinter sich hat. Lachend, weil endlich umgesetzt wird, was mein Führungsteam schon vor einem Jahrzehnt als richtig und wichtig empfohlen hat.“ Allerdings erfolge der Strategiewechsel wohl nicht bei allen Beteiligten aus Überzeugung, vermutet er, sondern auch unter großem Druck.

          Gedanken an Hausmeister Krause

          Tatsächlich braucht Bertelsmann frisches Geld für Wachstumspläne. Man will so gern ein zweites Google werden. „Ich würde es von Herzen wünschen, aber ich bezweifele, dass Bertelsmann noch mal das weltweit führende Medienunternehmen werden kann“, urteilt Middelhoff. „Dafür ist zu viel Zeit verstrichen.“ Er habe Bertelsmann „als verschworene Gemeinschaft mit elitärem Selbstverständnis“ erlebt, „deren Ideengeber rund um die Uhr und rund um den Globus für ein großes Ziel arbeiteten“, sagt der einstige Chef-Ideengeber. „Wer jetzt nach 17 Uhr an der Bertelsmann-Zentrale vorbeifährt, denkt unwillkürlich an Hausmeister Krause.“

          Die Vermutung, er habe Familie Mohn bloß nicht die geeignete Rechtsform für den Börsengang gezeigt, weist Middelhoff zurück: „Sie können davon ausgehen, dass ich eine Vielzahl gesellschaftsrechtlicher Modelle präsentiert habe - die KGaA wurde nicht erst vor ein paar Wochen erfunden.“ Nur die SE als Steuerungsinstrument der KGaA habe er nicht empfohlen. „Aber die ist unwichtig für das Ziel, das Reinhard Mohn zeitlebens so wichtig war, nämlich die kontrollierende Mehrheit in der Hauptversammlung“, betont Middelhoff.

          „Tommy reloaded“

          Er selbst hat, behutsam gesagt, seit Bertelsmann tiefe Täler durchschritten: Unter Middelhoffs Führung ging der Warenhauskonzern Arcandor auf die Pleite zu; der Insolvenzverwalter verklagte ihn, und Staatsanwälte ermitteln. Auch seine Immobilien-Deals mit dem zwielichtigen Investor Josef Esch scheiterten. Doch stets verfolgte Middelhoff alle Wendungen bei Bertelsmann. Bis heute hat der 59-Jährige einen Wohnsitz in Bielefeld, also um die Ecke des Konzerns. „Bertelsmann ist ein soziales System mit vielen Fraktionen. Ich habe mit Vertretern mehrerer Fraktionen noch ein freundschaftliches Verhältnis.“ Mit anderen sei er aber auf „non-speaking terms“ - vor allem mit denjenigen, die für die Chronik zum 175. Firmenjubiläum verantwortlich zeichnen. Middelhoff empfindet es als „Frechheit“, wie darin seine Rolle gezeichnet wird. „Die Schilderung steht im krassen Gegensatz zu der Tatsache, dass sich Bertelsmann jetzt auf meine Strategie besinnt.“

          Da tröstet es ihn nicht, dass die Bertelsmänner den heutigen Chef Rabe in Anlehnung an ihn „Tommy reloaded“ nennen: „Ich finde das amüsant - aber es entspricht nicht der Realität. Herr Rabe und ich haben offensichtlich deckungsgleiche Strategien, sind aber als Menschen völlig unterschiedlich.“

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