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Offene Stellen : Ohne Polen und Rumänen hätten wir ein Problem

Viel stärker würden die Löhne auch ohne Osteuropäer nicht steigen. Bild: dpa

Jede zweite neue Stelle in Deutschland wird von Ausländern besetzt – und zwar in erster Linie von Osteuropäern. Ohne sie würden kaum noch Häuser gebaut oder Pakete ausgeliefert.

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          Vor Weihnachten sind bei den Paketboten die Fahrer knapp, so viel ist schon seit Jahren bekannt. Doch dabei bleibt es nicht mehr. Die Konjunktur brummt, der Online-Handel blüht – in Deutschland werden immer mehr Pakete verschickt. Allein in den nächsten fünf Jahren brauchen die Kurierdienste mehr als 40.000 zusätzliche Mitarbeiter. Woher sollen sie kommen, wo die Unternehmen allseits schon über Fachkräftemangel klagen? Die Antwort ist eindeutig: Immer häufiger kommen sie aus Osteuropa.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bei der Gewerkschaft Verdi versucht Patrick Fois immer wieder, höhere Löhne für die Zusteller herauszuhandeln. Doch er stellt fest, dass Spediteure wie Hermes, DPD und andere auch zum aktuellen Lohn immer wieder neue Mitarbeiter finden. Er hat beobachtet: „Da sind auch Menschen aus dem Ostblock dabei, die kaum Deutsch sprechen.“

          Die Beobachtung des Gewerkschafters wird von der offiziellen Statistik untermauert. Während die Politik über das Einwanderungsgesetz für Arbeitskräfte jenseits der EU-Grenzen diskutiert, kommen Menschen aus den östlichen Mitgliedsländern in großer Zahl nach Deutschland. Im Vorjahresvergleich wuchs die Zahl der Beschäftigten in Deutschland bis Juli um rund 700.000, meldet die neueste Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Die Zahl der Deutschen unter ihnen wuchs um 330.000, die der Ausländer um 370.000.

          Deutschland gehen vielerorts schon die Arbeitskräfte aus

          Dabei geht es nicht um die Flüchtlinge, über die Deutschland seit Jahren diskutiert. Sie kommen tatsächlich nur ganz allmählich im Arbeitsmarkt an. Es geht auch nicht um Leute aus den Ländern der Eurokrise, über die mal spekuliert worden war: Innerhalb der EU könnten doch Italiener oder Griechen in Deutschland arbeiten, wenn es daheim keine Jobs gibt. Nein, am stärksten wuchs die Zahl der Beschäftigten aus Osteuropa: aus Rumänien und Polen, in kleinerem Maß auch aus Kroatien, Bulgarien und anderen osteuropäischen Staaten. In Deutschland sind mehr Polen beschäftigt als Flüchtlinge aus allen Herkunftsländern zusammen, für Rumänen gilt das gleiche.

          Dabei zählt die Bundesagentur nicht etwa scheinselbständige Fleischarbeiter im Schlachthof. Die Zahlen beziehen sich auf vollwertige sozialversicherungspflichtige Stellen, inklusive Lohnsteuer und Rentenversicherungsbeitrag. Die Statistik zeigt auch: Wenn Leute aus Osteuropa nach Deutschland kommen, dann haben sie meistens Arbeit. Ihre Arbeitslosenquote ist deutlich niedriger als die anderer Ausländer, fast so niedrig wie bei den Einheimischen.

          Deutschland gehen vielerorts schon die Arbeitskräfte aus. Mag es auch immer noch viele Leute geben, die sich umschulen lassen müssen oder die keine passende Stelle finden: In weiten Landstrichen Deutschlands herrscht Vollbeschäftigung. Bayern und Baden-Württemberg haben Arbeitskräftemangel praktisch überall auf dem Land, nur in einigen Städten ist die Vollbeschäftigung noch nicht angekommen. Auch in der Eifel, an der Mosel und im Emsland fehlen Arbeitskräfte. Weite Teile von Hessen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein stehen kurz davor. Unter den Deutschen zieht nicht jeder um, damit er eine Stelle findet. Wer aber sowieso aus Polen oder Rumänien kommt, der geht oft in die Regionen, in denen es an Arbeitskräften mangelt – und erledigt so die Arbeit, für die sich sonst niemand findet.

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