https://www.faz.net/-gqe-7mykb

Zukunftsforschung : Ein Abgesang auf das Smartphone

Wiederverwertung: Handy-Werkstatt in Indien Bild: AFP

In diesem Jahr werden vermutlich 1,2 Milliarden internetfähige Multimediahandys verkauft. Dennoch sagen Zukunftsforscher dem Gerät das Ende voraus.

          3 Min.

          Der Mobile World Congress glänzte auch in diesem Jahr mit vielen neuen Handys. Und doch enttäuschte die größte Mobilfunkmesse der Welt, die vergangene Woche in Barcelona zu Ende ging, so manchen Beobachter. Selbst die Highlights sorgten allenfalls für gepflegte Langeweile. Marktführer Samsung etwa präsentierte stolz sein neues Spitzenmodell Galaxy S5. Doch revolutionäre Änderungen im Vergleich zum aktuellen Topgerät S4 sucht man vergeblich. Ein Fingerabdrucksensor und ein Herzschlagmonitor müssen ausreichen, damit Tech-Herzen höher schlagen.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Da passt es ins Bild, dass mancher bereits das Ende der Smartphone-Ära dämmern sieht. Die Media-Agentur-Gruppe Zenith-Optimedia, die zum Werbekonzern Publicis gehört, konfrontierte die Besucher mit dieser These: Künftig ist alles an das Internet angebunden. Wir sind jederzeit und überall von onlinefähigen Objekten umgeben. Ein spezielles Gerät wie das Smartphone braucht es da nicht mehr. Eine allzu steile These? In diesen schnell drehenden Zeiten ist die Prognose vielleicht gar nicht übermäßig gewagt. Smartphones gibt es zwar schon seit mehr als einem Jahrzehnt, aber erst mit dem komfortablen Modell iPhone hat das Geschäft richtig abgehoben. Sechs Jahre nach den iPhone-Start wurden erstmals mehr als eine Milliarde Smartphones verkauft, 2014 dürften es schon 1,2 Milliarden sein. Inzwischen hat das internetfähige Mobiltelefon mit Touchscreen das gewöhnliche Handy verdrängt. Ihm ist es zu verdanken, dass das Internet mobil und sozial geworden ist. Wer hätte vor sieben Jahren darauf gewettet?

          Vom Smartphone zur Smartcity

          Wenn schon in nicht einmal zehn Jahren die Entwicklung so rasant fortgeschritten ist, gehört zu einem Prognosezeitraum von 25 Jahren zwangsläufig ein wenig Science-Fiction dazu. Zenith-Optimedia hat für ein „Zukunftsprogramm 2038“ sechs Schlüsseltrends ausgemacht. Das Internet, in dem alles angeschlossen ist („Internet of Everything“), ist einer davon.

          Für die Zukunftsauguren heißt das: Künftig sind wir umringt von Sensoren. Schon 2020 sollen 50 Milliarden „Objekte“ an das Internet angebunden sein, also im Schnitt sieben pro Mensch. Sensoren begleiten uns dabei von unserem Zuhause zur Arbeit und in die Freizeit; sie sind im Auto, in der U-Bahn, in Supermärkten und am Arbeitsplatz zu finden. Diese Sensoren verbinden die Menschen untereinander, und sie sammeln Daten: wie wir leben und was wir tun.

          Und was passiert mit den Daten, die diese Sensoren ermitteln? Heute noch ist alles konzentriert auf das kleine Gerät in unseren Taschen. Ob Online-Einkäufe, ob Trainingspläne, ob Navigationshilfen – alles läuft über das Smartphone. Bald angeblich nicht mehr: „Das Smartphone, wie wir es kennen, wird einfach nicht mehr nötig sein. Smartphones werden dann ersetzt von einer Vielzahl kleinerer Geräte, Bildschirme und Verbindungspunkte.“ Vom Smartphone zur Smartcity, so verläuft nach Ansicht von Zenith die Entwicklung. Im Jahr 2050 lebten 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten. In Städten, in denen drahtlose Sensor-Netzwerke die Daten dafür liefern, die meisten Aspekte des Lebens effizient zu managen.

          Mancher Schritt könnte sich als Fehltritt erweisen

          Diese Vorhersagen sind allzu phantastisch? Kann gut sein. Fakt ist jedoch, dass die technologische Basis grundsätzlich gelegt ist. Vom „Internet überall“ ist die Welt zwar noch ein paar Schritte entfernt. Nach und nach umgesetzt wird dafür das „Internet der Dinge“. Immer mehr Geräte – vom Kühlschrank bis zum Industrieroboter – gehen online. Und die großen Smartphone-Unternehmen konzentrieren sich längst nicht mehr nur auf ihr vermeintliches Kerngeschäft, sondern gehen den Trend mit. Apple, Google, Blackberry und Nokia setzen ihre Hoffnungen auf den großen mobilen Computer: Jeder hat seine Handy-Software längst für den Einsatz im Kfz angepasst. Autos werden zu Smartphones auf Rädern, sie warnen sich gegenseitig vor Glatteis oder suchen im Parkhaus eine Parklücke. Die Technik dahinter bietet die Basis für dicke Geschäfte, und das in deutlich weniger als einem Vierteljahrhundert. Mit Services für das vernetzte Auto will Bosch binnen sechs bis acht Jahren ein „Milliardengeschäft“ erzielen.

          Allerdings könnte auch mancher Schritt auf dem Weg zur allumfassenden Vernetzung sich als Fehltritt entpuppen. Mit Nachdruck bewirbt Google derzeit seine Computerbrille Glass. Doch gegen diese Datenbrillen, mit denen sich unter anderem überall fotografieren und filmen lässt und möglicherweise sogar das automatische Erkennen von Gesichtern kein Problem mehr darstellt, regt sich Widerstand. Datenschützer warnen vor allgegenwärtiger Überwachung. Und selbst Tech-Fans glauben nicht an den Durchbruch: „Die Menschen wollen neue Technologien, aber sie soll unsichtbar sein“, sagt Mike Bell, der beim Chipkonzern Intel für die Zukunft zuständig ist, den Bereich neue Geräte.

          Vielleicht hemmt gerade dieser Wunsch das Zenith-Szenario. Vielleicht ist es auch die schon jetzt virulente Sorge vor einer allumfassenden Überwachung. Und vielleicht wünschen wir uns in 25 Jahren sogar unser Smartphone wieder zurück.

          Weitere Themen

          Anwärter auf Chefsessel sollen sich diese Woche erklären Video-Seite öffnen

          CDU-Nachfolge : Anwärter auf Chefsessel sollen sich diese Woche erklären

          Ursprünglich sollte ein Nachfolger für CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer erst bei einem Parteitag Ende des Jahres gewählt werden. Nun geht es offenbar doch schneller: Bereits Ende April will die Partei nun eine neue Spitze wählen. Alle Bewerber sollen sich noch in dieser Woche erklären.

          Topmeldungen

          Coronakrise : Kein „Tschernobyl-Moment“

          Chinas Führung kämpft gegen unliebsame Informationen über das Coronavirus. Jetzt hat Staatschef Xi gesprochen. Das zeigt, dass die Lage ernst ist. Problem: Wenn Xi im Spiel ist, muss alles besser werden – zumindest offiziell.
          Offenbar gehört der Mensch doch nicht sich selbst, jedenfalls nicht im Sinne eines frei verfügbaren Eigentumsverhältnisses zum eigenen Körper.

          Organspende-Entscheidung : Wem der Mensch gehört

          Das Parlament hat die Organspende unlängst im Sinne der erweiterten Zustimmungslösung geregelt. Aber was wurde damit eigentlich genau entschieden? Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.