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Online-Handel : Ich will das Kleid der anderen Frau

Nur ein Foto oder doch ein Einkauf? Publikum auf der Berliner Modewoche Bild: dpa

Der Modeversender Zalando läutet die nächste Runde im mobilen Online-Handel ein: die Produkterkennung per Foto.

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          Auch für Internetnutzer können Worte nur Schall und Rauch sein - zumindest wenn sie bei verschiedenen Online-Händlern zum Beispiel den Suchbegriff „blau-weiß gestreift“ eingeben, um nach einem ebenso gestalteten Oberteil zu suchen. Der eine Händler bietet als erste Ergebnisse eine Müslischale, eine gestreifte Seidenkrawatte und diverse kurze Hosen an. Die andere Internetseite listet dagegen zwei Hemden auf und zwei Krawatten, eine davon ist sogar blau-weiß-schwarz gestreift.

          Um genau solche breit gestreuten Ergebnisse zu verhindern, wenn die Kunden nach Produkten suchen, hat der Berliner Modeversender Zalando nun die nächste Runde im mobilen Online-Handel eingeläutet. Seit der letzten Aktualisierung in der vergangenen Woche umfasst die Anwendung für Apple-Smartphones neben der Produktsuche per Text oder Barcode auch eine per Foto. Nutzer können nun zum Beispiel die blau-weiß gestreifte Bluse der besten Freundin fotografieren, die Anwendung zeigt dann ähnliche Textilien an - und mit etwas Glück sogar dieselbe.

          Dafür arbeitet im Hintergrund Bilderkennungstechnik, die das englische Unternehmen Cortexica zuliefert. Wenn es zu dunkel ist, passt sie zum Beispiel die Lichtverhältnisse an. Sie blendet störende Faktoren wie etwa Körperteile aus und gleicht das Ergebnis in einem letzten Schritt mit den Fotos der rund 150 000 verschiedenen Produkten in der Zalando-Datenbank ab. Man wolle die Beschäftigung der Nutzer mit der Anwendung erhöhen und ihnen dabei ein besseres Nutzungserlebnis verschaffen, heißt es bei Zalando. Das Kalkül dahinter: Verweilt ein potentieller Käufer länger in der Anwendung und findet genau das, wonach er sucht, erhöht sich auch die Kaufwahrscheinlichkeit - und damit der Umsatz für den Online-Händler.

          Die Beschäftigung mit den mobilen Internetnutzern ist derzeit ein Muss für jeden Online-Händler: Weil die meisten Konsumenten immer häufiger und länger mit internetfähigen Handys oder Tabletrechner ins Netz gehen, sind die Händler darauf angewiesen, sie dort auch zum Kauf zu bringen - vielleicht auch mit Mehrwertangeboten wie einer Bilderkennung. Nach einer Umfrage des Bundesverbandes E-Commerce und Versandhandel gaben im Frühjahr 2013 etwa 40 Prozent der Smartphone- und Tablet-Besitzer in Deutschland an, ihr Gerät auch zum mobilen Einkaufen zu benutzen. Im Frühjahr dieses Jahres lag die Quote dagegen schon bei 57 Prozent. Bei Zalando erfolgen inzwischen schon mehr als 40 Prozent der Zugriffe auf die Internetangebote über die hauseigene Anwendung oder über mobile Internetseiten.

          Dennoch ist das Unternehmen in Deutschland mit seiner Fotosuche mehr oder weniger allein auf weiter Flur. Otto, größter Versandhändler der Republik, bietet seinen Kunden auch eine App. Eine ähnliche Funktion sucht man dort bisher aber vergeblich. Die Anwendung sei aber Teil einer Strategie zum Testen und Lernen, heißt es bei Otto auf Anfrage. Das bedeute, dass das Angebot zusammen mit den Kunden stetig weiterentwickelt werde. Ob eine Bilderkennung zu dieser Entwicklung gehört, lässt Otto offen.

          Mit der Anwendung des Sportartikelhändlers Sport Scheck sollen App-Nutzer hingegen schon in naher Zukunft ganze Seiten aus dessen Katalog fotografiereren und die dort abgebildeten Produkte im Online-Shop wiederfinden können. Einen Schritt weiter ist dagegen schon der amerikanische Einzelhändler Target. Mit seiner App sei es möglich, Produkte direkt aus dem Katalog, aber auch aus Magazinen abzulichten und online zu kaufen.

          Nach eigenen Angaben will Zalando nun erst einmal abwarten, wie die Nutzer auf die neue Funktion reagieren. Mehrere tausend Suchabfragen per Foto habe es inzwischen schon gegeben. Zuallererst sollen die Nutzer mit der Anwendung Spaß haben, heißt es. Dass die Bilderkennung indes nicht nur eine Spielerei ist, zeigt sich an den derzeit immer weiter steigenden Bewertungen für die Anbieter der Technik. Der Zalando-Partner Cortexica hat erst Mitte Juni von seinem Investor Imperial Innovations eine weitere Finanzierungszahlung in Höhe von umgerechnet fast zwei Millionen Euro erhalten. Und im Frühjahr hatte auch das kanadische Bilderkennungtechnikanbieter Slyce von Investoren umgerechnet acht Millionen Euro eingesammelt. Das Unternehmen ist nun mit mehr als zehn Millionen Euro Wachstumskapital ausgestattet.

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