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Neuer Nachrichtendienst Snapchat : Milliarden für den Moment

Yahoo will 20 Millionen in Snapchat investieren – und damit die eigene Position stärken Bild: Picture-Alliance

Mit Snapchat kann man Bilder verschicken, die sich nach Sekunden selbst löschen. Investoren reißen sich um die hippe App - woran auch der jüngste Fall von millionenfachem Datenklau bei Nutzern wenig ändern dürfte. Wird der Dienst die nächste ganz große Erfolgsgeschichte im Netz?

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          Die Internetbranche und ihre Blogger sind in heller Aufregung: Yahoo hat Interesse an Snapchat. Wird das der nächste große Deal im Silicon Valley?

          Inge Kloepfer
          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Für Uneingeweihte: Yahoo ist ein Internetkonzern der ersten Stunde, der gemeinsam mit seinen Kunden ein bisschen in die Jahre gekommen ist, was die neue Chefin Marissa Mayer jetzt mit allerlei Zukäufen wettzumachen versucht, um die Firma wieder hip und jugendlich zu machen. Snapchat aus Los Angelese passt da genau ins Profil. Die Firma hat eine beliebte Instant-Messaging-App mit dem gleichen Namen erfunden, mit der man von seinem Smartphone oder Tablet aus gerade aufgenommene Bilder oder Kurzfilmchen an Freunde schicken kann.

          Das besondere daran: Wenige Sekunden nachdem der Empfänger die Bilder gesehen hat, verschwinden sie wieder und sollen im Gegensatz zu Aufnahmen bei Facebook oder Twitter auch nicht im Datensatz des Unternehmens landen: digitale Momentaufnahmen. Seit dem NSA-Skandal liegt Datenschutz offenbar auch bei Teenagern im Trend.

          Yahoo will sich im Rahmen der aktuellen Finanzierungsrunde beteiligen und 20 Millionen Dollar investieren – auf Basis einer Bewertung von Investoren, die den Wert des Unternehmens unlängst auf rund 10 Milliarden Dollar taxierten.

          Ein Kick in 10 Sekunden

          Yahoo liegt mit seinem Ansinnen ziemlich im Trend: Das mobile Internet gilt als Zukunftsmarkt. Und Messaging-Apps, also Anwendungen für das Versenden von Nachrichten, erzielen zurzeit am schnellsten üppige Zuwächse. Snapchat steht dabei an vorderster Stelle. Wie bei einigen ähnlichen Apps ist die Nutzung kostenlos. Nutzer brauchen nur einen Internetzugang und können sich dann den Dienst als App für das Betriebssystem von Apple oder auch als Android herunterladen.

          Aber anders als bei WhatsApp sind Nachrichten bei Snapchat nicht für die Ewigkeit gemacht. Der Clou an der Sache ist, dass die versandten Dokumente binnen Sekunden vom Display des Empfängers wieder verschwinden. Sie löschen sich selbst – und zwar genau in der Zeit, die der Absender dem Betrachter damit zugesteht. Maximal zehn Sekunden sind möglich, danach ist das voyeuristische Vergnügen schon wieder vorbei. Das ist der Kick.

          „Der Kniff mit dem Bildern, die in kürzester Zeit verschwinden, trifft den Zeitgeist ganz genau“, erklärt Jan-Hinrik Schmidt das Phänomen. Er ist Soziologe beim Hans-Bredow-Institut für Medienforschung und spezialisiert auf Entwicklungen in der digitalen Kommunikation. „Es ist die geradezu perfekte Umsetzung der Idee des Teile-den-Moment“, sagt er: die ultimative Betonung der Flüchtigkeit, in der eine Nachricht mit ihrem Verschwinden schon wieder die nächste herausfordert.

          Für ein Schwätzchen mit den echten Freunden

          Kein Wunder, dass die Zahl der über Snapchat versandten Bilder und Filmchen exponentiell steigt. Noch im März vergangenen Jahres waren es 100 Millionen versandte Bilder und Filme am Tag, zwei Monate später 200 Millionen, im Juli dieses Jahres 700 Millionen, die etwa 100 Millionen Nutzer rund um den Globus jagen. Andere Dienste hat Snapchat längst überholt.

          Doch neben der Flüchtigkeit hat Snapchat noch einen anderen Reiz: Abgrenzung. „Distinktion“ sagt Soziologe Schmidt dazu. Auf WhatsApp organisieren sich die Jugendlichen in Gruppen: Klasse 10b tauscht sich über die Hausaufgaben aus. Snapchat ist persönlicher, der Dienst für die echten Freunde. Da ist auch nicht jeder dabei – eigentlich nur zwei. Die Nutzer sind jung und – nach Studien der Universitäten von Washington und Seattle – in der Regel freundliche Zeitgenossen.

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