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Online-Spendenaktion : Wikipedia kassiert

Altbackenes Design mit maximalem Erfolg: Alleine in Deutschland existieren rund 1,9 Millionen Einträge. Bild: dpa

Das Online-Lexikon Wikipedia hat alle anderen Lexika abgehängt – und zählt zu den Top-5 unter den Internetportalen. Wozu braucht es dann noch Spenden?

          Klaus Seidel wurde schwach, als der Handelsvertreter vor seiner Tür stand. 30 Bände der neusten Auflage der begehrten Brockhaus-Enzyklopädie bot er feil. Im schwarzen Halbledereinband und mit staubabweisendem Kopfgoldschnitt. So ein Exemplar hatte Seidel selbst noch nie in der Hand gehabt und, ehrlich gesagt, als Arbeiter in einer DDR-Vorzeigefabrik für Leuchtmittel wohl auch nicht gebraucht. Aber nun war er Rentner, verdiente sich ein Zubrot als Hausmeister und hatte eine Tochter, die ihren 16. Geburtstag feierte und noch dazu bald eine Bäckerlehre anfangen sollte. So ein neuer Lebensabschnitt erfordert eine besondere Würdigung, fand er, deshalb schreckte ihn auch nicht der stolze Preis: 5000 D-Mark sollte das edle Ensemble kosten. Er schlug zu.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Dieses Geschäft hätte Klaus Seidel sofort widerrufen können, ohne Angabe von Gründen, das weiß jeder Jurastudent. Aber einen dezenten Vorschlag in diese Richtung wies er brüsk zurück. Nie äußerte er den leisesten Zweifel an seiner Kaufentscheidung, nur eine kleine Bitte an die Nachbarin: „Zeig doch meiner Tochter, wie man den Brockhaus benutzt.“ Diese schaute nur verwundert auf die Lederbände mit dem Goldaufdruck, die fortan das Bücherregal in ihrem kleinen Zimmer verzierten, und ließ sich geduldig aufklären über diesen Grundpfeiler bildungsbürgerlichen Elitestrebens.

          Schnelles Ende für den Brockhaus

          Das war im Jahr 2001. Was Klaus Seidel zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Etwa zur gleichen Zeit gründeten der eigenwillige Amerikaner Jimmy Wales und sein Geschäftspartner Larry Sanger das Online-Lexikon Wikipedia. Am 15. Januar 2001 wurde die erste englischsprachige Seite ins Internet gestellt, zwei Monate später auch die deutsche. Damals konnte niemand ahnen, dass diese Erfindung Klaus Seidels außergewöhnliches Investment in die Bildung seiner Tochter ad absurdum führen würde. Dazu war die Idee schlicht zu absurd: ein Lexikon von Internetnutzern für Internetnutzer, mit universalen Qualitätsansprüchen, aus dem Nichts geschaffen - und dann auch noch kostenlos.

          Doch die Online-Enzyklopädie, anfangs wenig beachtet, mitunter sogar verspottet, hat die Wissenswelt revolutioniert und den Brockhaus-Verlag in eine schwere Krise mit bösem Ende gestürzt. Noch 2002 verzeichnete die Gesellschaft Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG einen Gewinn von 11,7 Millionen Euro. Doch in den folgenden Jahren ging es drastisch bergab, im Jahr 2008 summierte sich der Verlust auf 32,8 Millionen Euro. Nach 200 Jahren und 21 Auflagen starb der Brockhaus einen erschreckend schnellen und unspektakulären Tod. Inzwischen werden auf Ebay selbst Jubiläumsausgaben für 164,99 Euro verschleudert.

          Alternative Finanzierungsmodelle

          Wikipedia hingegen kann zwar erst auf magere 15 Jahre Tradition zurückblicken, aber schon auf eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht - auch wenn sie nicht völlig ohne Turbulenzen verlief. Im vergangenen Jahr gehörte Wikipedia hinter Google, Microsoft, Facebook und Yahoo zu den fünf größten Internetportalen der Welt mit knapp 500 Millionen Nutzern im Monat. Allein die deutschen Seiten werden jeden Monat eine Milliarde Mal angeklickt. Inzwischen umfasst das Werk in deutscher Sprache rund 1,9 Millionen Einträge, Tendenz steigend, was angeblich schon jetzt für etwa 1800 Brockhaus-Bände reichen würde - wenn es den Brockhaus denn noch gäbe. Übertroffen wird das nur noch vom eigenen Anspruch: Ziel ist es, das „gesamte Wissen der Menschheit jeder Person frei zugänglich zu machen“, heißt es unbescheiden bei Wikipedia. Und das auch noch auf eine nie da gewesene Art und Weise: Das Graswurzel-Lexikon hält sich für nichts weniger als „eine Blaupause für gesellschaftliche Veränderungen und kollaborative Zusammenarbeit“.

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