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Wikileaks : Amazons Rauswurf nährt die Zweifel an der Cloud

Internetseite Wikileaks: Nicht mehr auf dem Server von Amazon Bild: dpa

Die Enthüllungsplattform Wikileaks verliert einen amerikanischen Partner nach dem anderen und ist auf andere Länderadressen ausgewichen. Die Vorgänge könnten Zweifel bei anderen Unternehmen schüren.

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          Die Enthüllungsplattform Wikileaks verliert einen Partner nach dem anderen aus der amerikanischen Internetbranche und sieht sich zu Ausweichmanövern gezwungen, um erreichbar zu bleiben. Nachdem der amerikanische Internetkonzern Amazon die Plattform aus seinen Rechenzentren verbannt hat, hat ihr nun der Dienstleister Everydns.net ihre Internetadresse „wikileaks.org“ entzogen. Wikileaks war vom späten Donnerstag abend amerikanischer Zeit nicht mehr über diese Adresse erreichbar, sondern nur noch über die zugrundeliegende IP-Adresse, also einen weniger leicht merkbaren zwölfstelligen Zahlencode.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Everydns.net ist ein sogenannter „Domain Name System“-Dienstleister, der als eine Art Telefonbuch für das Internet fungiert und die von Nutzern eingegebenen Adressen in den Zahlencode umwandelt. Everydns.net begründete seine Entscheidung damit, dass es Attacken von Hackern auf die Wikileaks-Adresse gegeben habe, und dies habe die eigene Infrastruktur gefährdet. Wikileaks kündigte am Freitag an, auf die Schweizer Adresse „wikileaks.ch“ ausgewichen zu sein. Aber auch unter anderen Länderkennungen wie dem deutschen „de“ oder dem österreichischen „at“ war Wikileaks erreichbar.

          Vor allem der Rauswurf von Wikileaks bei Amazon wirft grundsätzliche Fragen mit Blick auf einen der wichtigsten Trends in der Technologiebranche auf, das sogenannte „Cloud Computing“. Immer mehr Unternehmen lagern Teile ihrer Informationstechnologie in die Datenwolke des Internet (Cloud) aus. Diese Wolke hat in der Realität die Form von großen Rechenzentren, die oft von externen Unternehmen wie Amazon oder Google betrieben werden. Amazon, sonst als Online-Händler bekannt, hat Cloud-Dienste vor einigen Jahren als Geschäftsfeld aufgebaut.

          Nach Auffassung der Electronic Frontier Foundation (EFF) sollten die Vorgänge um Wikileaks und Amazon anderen Unternehmen zu denken geben. Die amerikanische Organisation, die sich für Meinungsfreiheit und Datenschutz im Internet einsetzt, ist enttäuscht, dass Amazon die Verbindung zu Wikileaks gelöst hat, nachdem es Druck aus der Politik gab. „Andere Kunden sollten Amazon jetzt harte Fragen stellen. Sie sollten erfahren, ob sie genauso schnell fallen gelassen werden können“, sagt eine EFF-Sprecherin. Nach ihrer Meinung sollten sich Unternehmen auch grundsätzlich überlegen, inwiefern sie Amazon und anderen Dienstleistern ihre Daten anvertrauen wollen.

          Viele Unternehmen setzen auf die „private Cloud“

          Wikileaks hat die Amazon-Server erst vor wenigen Tagen in Anspruch genommen. Zuvor hatten Attacken von Hackern, die mutmaßlich von der jüngsten Veröffentlichung vertraulicher Dokumente des amerikanischen Außenministeriums durch Wikileaks motiviert waren, den Zugang zu der Seite erschwert. Nach dem Wechsel zu Amazon regte sich schnell Unmut in der amerikanischen Politik. Joe Lieberman, der einen Senatsausschuss für innere Sicherheit führt, trat an Amazon heran und übte Druck aus, und nur einen Tag später schloss das Unternehmen Wikileaks aus. Amazon bestreitet aber offiziell, auf politischen Druck hin gehandelt zu haben. Vielmehr habe Wikileaks gegen die Geschäftsbedingungen des Amazon-Dienstes verstoßen, zum Beispiel die Forderung, dass Kunden alle Rechte an ihren Inhalten besitzen oder anderweitig kontrollieren.

          Unternehmen, die über eine verstärkte Nutzung von Cloud-Dienstleistern nachdenken, müssen sich nach den Worten der EFF-Sprecherin bewusst sein, dass sie im Prinzip das gleiche Schicksal treffen kann wie Wikileaks. „Die Entscheidung war im Ermessen von Amazon. Jedes Unternehmen muss wissen: Wer seine Aktivitäten an Dritte auslagert, unterwirft sich deren Geschäftsbedingungen.“ Die Sorge, mit einer Verlagerung in die Cloud Kontrolle über die eigene Informationstechnologie zu verlieren, gab es schon vor der Wikileaks-Affäre, und sie hält noch immer manche Unternehmen davon ab, Dienstleister wie Amazon in Anspruch zu nehmen. Viele Unternehmen setzen stattdessen darauf, innerhalb ihrer eigenen Rechenzentren eine sogenannte „private Cloud“ zu entwickeln.

          Auch Privatpersonen verlagern Daten in die Cloud

          Trotzdem wird in der Branche ein gigantisches Wachstum für an Dritte ausgelagerte Cloud-Dienste erwartet. Das amerikanische Marktforschungsinstitut IDC sagte vor wenigen Tagen voraus, dass dieser Markt im nächsten Jahr um 30 Prozent wachsen wird, während die gesamten Ausgaben für Informationstechnologie nur um 6 Prozent zulegen. Bis zum Jahr 2014 werde der Cloud-Markt ein Volumen von 55,5 Milliarden Dollar erreichen, 2009 waren es noch 16 Milliarden Dollar.

          Die Cloud stellt indessen nicht nur Unternehmen vor Herausforderungen, sondern auch Privatpersonen. Menschen vertrauen immer mehr Daten, die sie früher auf ihrer eigenen Festplatte abgelegt haben, an die Cloud von Internetunternehmen wie Google, Yahoo oder Facebook, etwa indem sie deren Email- oder Fotoangebote nutzen. Daten aus der Cloud sind aber zum Beispiel für die amerikanische Regierung per Gesetz viel leichter zugänglich als auf dem Computer gespeicherte Dokumente. Google und andere Unternehmen fürchten, dass dies viele Menschen davon abhält, Aktivitäten ins Internet zu verlagern, und kämpfen für eine Änderung der Datenschutzgesetze. In der Zwischenzeit hat die EFF-Sprecherin für Privatpersonen den gleichen Rat wie für Unternehmen: Sich die Risiken vor Augen halten und mit dem Nutzen abwägen.

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