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Web 2.0. : Internet zum Mitmachen

Erfolgsgeschichte des Web 2.0.: Wikipedia-Gründer Jimmy Wales Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Das Erfolgsmodell heißt Wikipedia, das größte Gemeinschaftswerk im Internet. Dort bestimmen die Nutzer den Inhalt. Sie bloggen, chatten und flirten. Doch jetzt entdecken auch andere das Prinzip. Die Wirtschaft wittert Geschäfte.

          3 Min.

          Ausgerechnet die BBC will bei der Revolution ganz vorn mitmarschieren. Das neue Online-Konzept des britischen Traditionssenders sieht vor, was bislang verpönt war: Surfer sollen Texte, Musik und kleine Videos selbst auf die Seite stellen und austauschen können. „BBC 2.0“ nennen Marketingexperten das ehrfürchtig.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Hamburger Versandriese Otto hat „E-Shopping 2.0“ ausgerufen. Über die Homepage des Konzerns sollen Kunden direkt miteinander kommunizieren können. „Sie können sich zum Beispiel über die Ware und den Service austauschen“, schlägt Firmenchef Michael Otto vor. Web 2.0 heißt das Etikett, das seit knapp zwei Jahren Unternehmer und Surfer gleichermaßen elektrisiert. Erfunden hat es der amerikanische Computerbuch-Verleger Tim O'Reilly. Mit dem einprägsamen Schlagwort wollte er deutlich machen, daß sich im Internet etwas Grundlegendes verändert hat.

          Wikipedia als Musterbeispiel für neues Konzept

          Statt des passiven Surfens von einer Homepage zur nächsten, statt des passiven Herunterladens von Daten auf den eigenen PC sah O'Reilly eine neue, aktive Ära angebrochen. Surfer wollen demnach nicht mehr nur konsumieren, was ihnen dargeboten wird. Sie wollen die Inhalte selbst bestimmen und sich darüber austauschen. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia definiert den Grundsatz des Phänomens so: „2.0“ mache es den Menschen möglich, Informationen online zu teilen.

          Bild: F.A.Z.

          Wikipedia ist selbst ein Musterbeispiel für das neue Internet-Konzept. Hier hat keine gut bezahlte Fachredaktion die Artikel geschrieben, sondern die Gemeinschaft der Surfer. Alles ist offen: Jeder kann und darf jederzeit sämtliche Texte verändern. Daß dieses Prinzip nicht im Chaos endet, erklären Wikipedianer mit der Selbstreinigungskraft des Projekts. Fehler werden angesichts von Millionen Nutzern in kurzer Zeit entdeckt und ausgemerzt, jede Veränderung wird genau registriert.

          Bekanntheitsgrad durch Mund-zu-Mund-Propaganda

          Wikipedia ist eine der großen Erfolgsgeschichten des Mitmach-Internets der vergangenen Monate. Das Lexikon ist inzwischen in 229 Sprachversionen erhältlich; allein die englischsprachige mit 1,3 Millionen Stichwörtern wurde im Juni von 56 Millionen Surfern besucht. Sie belegt damit in der Website-Top-ten den zehnten Platz. Nicht schlecht für ein „Unternehmen“, das eigentlich gar kein Unternehmen ist, keine Werbung macht und seinen Bekanntheitsgrad der Mund-zu-Mund-Propaganda verdankt.

          Auch für andere Projekte, die Fachleute dem Bereich Web 2.0 zuschlagen, gilt: Die Masse macht's. Beim Portal MySpace haben sich bis jetzt an die 95 Millionen Nutzer registriert. Jede Woche kommen rund 500.000 neue dazu, die sich über Musik- und andere Vorlieben austauschen. Schätzungen gehen von 400.000 Musikbands aus, die sich auf der Datenplattform präsentieren. Über die Videogemeinschaft YouTube werden täglich 100 Millionen Filmchen angeschaut; 65 000 neue kommen jeden Tag dazu - das Angebot reicht von der Privathochzeit bis zur Flucht vor dem Tornado.

          Medienfirmen und Internethäuser haben Angst

          Solche Zahlen machen die etablierte Wirtschaft hellhörig. Große Konzerne, vor allem Medienfirmen und Internethäuser, schauen sich genau an, was große und kleine Anbieter aus dem Bereich des „sozialen Internet“ beziehungsweise „Internet zum Mitmachen“ im Angebot haben. Und greifen gern und eifrig zu - in der Angst, ansonsten die Revolution zu verschlafen oder, noch schlimmer, von ihr überrollt zu werden.

          So bezahlte vor kurzem der Medienkonzern News Corp. des australischen Tycoons Rupert Murdoch die Fabelsumme von 580 Millionen Dollar für MySpace - eine Firma, die eigentlich nicht mehr produziert als eine überdimensionale Adressenliste. Das Internet-Traditionsportal Yahoo übernahm den Bildertauschdienst FlickR für einen Betrag um die 50 Millionen Euro. Und die Profi-Fotoagentur Getty Images schluckte den Amateur-Konkurrenten iStockphoto.

          „Mehr als eine ,Verbesserung des Webs'“

          Ausnahmen? Übertreibungen? Die Homepage web2list.com zählt derzeit 816 Services zum „neuen Internet“. Forscher wie Willi Schroll vom Prognoseinstitut Z-Punkt sind überzeugt, daß die meisten dieser Projekte Eintagsfliegen sind und „den Sommer 2007 nicht erleben werden“. Doch das heißt nicht, daß sich bestehende Anbieter in Sicherheit wiegen können.

          Mittelfristig dürfte Web 2.0 die Wirtschaft strukturell verändern, glauben Fachleute. Schon ist in Analogie auf das Auslagern von Arbeit - „Outsourcing“ - von „crowdsourcing“ die Rede. Statt Jobs nach China oder Indien zu verlagern, könnten Jedermann-Experten sie künftig online erledigen - zum Beispiel Übersetzungen machen oder Inhalte für Websites zuliefern.

          Das muß, anders als bei Wikipedia, nicht mehr kostenlos erfolgen und kann massive Folgen haben. Forscher Schroll ist sicher: „Sollte die vernetzte Masse sich tatsächlich zur Quelle von Wertschöpfung mausern und sukzessive mit etablierten Marktteilnehmern in Konkurrenz treten, dann würde hier viel mehr passieren als eine ,Verbesserung des Webs'.“

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