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Web 2.0 : Aus E-Commerce wird Social Commerce

  • -Aktualisiert am

„Shoposphäre” neben Nachrichten: Vorreiter Yahoo Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Eine neue Generation von Online-Händlern drängt auf den Markt. Unternehmen suchen die Interaktion mit ihren Kunden. Shoppen und Bloggen sollen sie: Web 2.0 hält Einzug in den elektronischen Handel.

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          Die Zeit der Monotonie im Electronic Commerce, als wenige große Anbieter wie Ebay, Amazon oder Otto den Handel im Netz beherrschten, ist vorbei. Denn jetzt drängt eine neue Generation von Online-Händlern auf den Markt, die auf die Mechanismen des Web 2.0 setzen: Nicht mehr die Shoppingseite des Händlers ist die zentrale Anlaufstelle, sondern die Produktangebote verteilen sich auf viele kleine Internetseiten und Blogs, die eine persönliche Beziehung zu ihren Nutzern aufgebaut haben. Alle Nutzer können dann eigene Shops eröffnen und sich die Umsätze mit dem eigentlichen Shopbetreiber teilen. Händler wie Etsy.com in Amerika oder Spreadshirt.net in Deutschland führen diese Welle an, die unter dem Schlagwort des „Social Commerce“ diskutiert wird und gerade aus Amerika auf den deutschen Markt schwappt.

          Die großen Internetunternehmen sind schon auf die Welle aufgesprungen. Einer der Vorreiter ist das Portal Yahoo, das seine „Shoposphere“ schon im vergangenen November ins Netz gestellt hat. Shoposphere ist eine Wortkreation aus Shop und Blogosphere. Dort können Einkaufslisten mit Lieblingsprodukten angelegt werden. Diese Listen können die Nutzer dann leicht in ihre Blogs übernehmen. Kauft ein Nutzer das Produkt, erhält der Blogger einen Bonus oder einen Erlösanteil, erklärt Volker Glaeser von Yahoo-Deutschland das Konzept. Eine Gefahr für die großen Händler sieht Glaeser in dieser Entwicklung nicht, eher eine Chance: „Die großen Shopping-Seiten im Internet wird es lange geben. Aber der Traffic wird künftig an anderen Stellen im Netz besorgt“, sagt Glaeser. Der Erfolg der Shoposphere, die bisher nur in Amerika eingeführt ist, hätte selbst Yahoo überrascht. Eine Einführung in Deutschland sei durchaus möglich.

          „Amazon Connect“

          Der Internethändler Amazon läßt derweil seine Autoren bloggen. Unter dem Titel „Amazon Connect“ treten die Autoren der Bücher, die bei Amazon verkauft werden, in Interaktion mit ihren Lesern. Davon profitieren beide Seiten: Amazon bekommt interessante Inhalte, die Autoren erhalten eine hochwertige Werbeplattform in eigener Sache. Dort können die Autoren über ihre neuen Bücher erzählen und die Leser an der Entstehung der Geschichte teilhaben lassen. Mit diesen Instrumenten läßt sich die Wahrscheinlichkeit, daß die Leser das Buch später auch kaufen, erhöhen. Zusätzlich ist Amazon mit seinem Affiliate-Programm im Web 2.0 vernetzt; wer über ein Blog ein Buch bei Amazon bestellt, beteiligt auch den Blogger an den Erlösen.

          Zur neuen Generation der Online-Händler gehört auch Etsy.com, wo handgefertigte Produkte aller Art verkauft werden. Die vier Gründer haben alles an moderner Web 2.0-Technik, was es gibt. Ihr Lohn: Nach wenigen Monaten hat Etsy 50.000 Produkte verkauft, mehr als eine Viertel Million Dollar Umsatz erzielt und mehr als 20000 Mitglieder in der Community.

          Social Commerce

          Aus Leipzig kommt das deutsche Vorzeigeprojekt des Social Commerce, der T-Shirt-Händler Spreadshirt.net. Die Strategie: Die Mitglieder der Community werden in alle Aspekte des Unternehmens einbezogen, dürfen zum Beispiel das neue Logo selbst bestimmen. Zudem können die Nutzer eigene Spreadshops eröffnen und im ganzen Web verteilen. Als Lohn werden sie dafür am Verkaufserlös beteiligt. 60.000 T-Shirts hat das Unternehmen im vergangenen Jahr verkauft und expandiert nun ins Ausland. „Binnen weniger Monate soll aus einer langsamen, eher unansehnlichen Web-1.0-Raupe ein flotter Web- 2.0-Schmetterling werden. Spreadshirt geht geradezu lehrbuchmäßig vor“, schwärmt Berater Jochen Krisch in seinem Blog „Exciting Commerce“, wo er Trends im elektronischen Handel beschreibt.

          Dagegen tun sich viele deutsche Händler noch schwer mit dem Web 2.0, da die Interaktion mit den Kunden oft als lästig oder gar gefährlich empfunden wird, da auch negative Kommentare zu den Produkten abgegeben werden. In einer Umfrage der Fachmagazine Internethandel und Internet World Business bieten zwei Drittel der befragten Händler ihren Kunden zwar die Möglichkeit, Produkte weiterzuempfehlen, aber nur 12 Prozent erlauben Produktrezensionen und gar nur 1 Prozent haben eine Community für den Austausch der Kunden untereinander eingerichtet.

          Meinungshoheit über Produkte längst verloren

          Mit ihrer Ablehnung übersehen viele Unternehmen, daß sie die Meinungshoheit über ihre Produkte im Internet längst verloren haben. „Die Menschen in vernetzten Märkten haben herausgefunden, daß sie sich weit bessere Information und Unterstützung gegenseitig bieten können, als sie von ihren Verkäufern erhalten“, lautet These 11 des Cluetrain-Manifestes, einer Art Internet-Bibel der amerikanischen Autoren Rick Levine, Christopher Locke, Doc Searls und David Weinberger. Die vier Autoren geben den Unternehmen gleich einen Rat mit auf den Weg: „Unternehmen können direkt mit ihren Märkten kommunizieren. Wenn Sie das verpatzen, könnte es ihre letzte Chance gewesen sein“, lautet These 19 des Cluetrain-Manifestes.

          Nur wenige Unternehmen der „Old Economy“ gehen bisher in Richtung Web 2.0. Die Lufthansa hat zwar einen Blog für ihre Kunden eingerichtet, beteiligt sich aber nicht daran und vergibt damit eine Chance der Kundenbindung. Der amerikanische Konsumgüterkonzern Procter & Gamble fordert seine Kunden ausdrücklich auf, ihre Erfahrungen mit den Produkten des Unternehmens auf der Internetseite mitzuteilen. Nestle versucht mit seinem Ernährungsstudio, die Nutzer zur Diskussion mit dem Unternehmen zu bewegen.

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