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WAZ-Konzern : Westdeutsches Allgemeines Zerwürfnis

Der Tod des WAZ-Miteigentümers und Geschäftsführers Erich Schumann sorgt für noch mehr Streit Bild: dpa

Zerstrittene Gesellschafter und unbesetzte Posten sind schon lange ein Problem. Der Tod von Erich Schumann, dem Patriarchen des WAZ-Verlagskonzerns, sorgt für ein Führungsvakuum. Da Entscheidungen nur einstimmig gefällt werden können, soll ein Prozess Klarheit bringen.

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          Der Tod von WAZ-Patriarch Erich Schumann sorgte am Montag bei dem Essener Verlagskonzern für weitere offene Fragen. Der 76 Jahre alte Schumann hatte bis zuletzt im zweitgrößten deutschen Zeitungshaus einen von vier Geschäftsführerposten inne. Schon bisher allerdings herrschte bei der Mediengruppe rund um die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ (WAZ) ein weitgehendes Führungsvakuum: Nach Schumanns Tod ist mit dem früheren SPD-Politiker Bodo Hombach faktisch nur noch ein Geschäftsführerposten besetzt.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Sein Kollege Detlev Haaks verlässt das Unternehmen Ende März und geht zum Deutschen Sparkassenverlag. Der Posten des vor zwei Jahren ausgeschiedenen WAZ-Geschäftsführers Lutz Glandt wurde ebenso wie Haaks' Position bisher nicht neu besetzt. Zu zerstritten sind die Gesellschafter des Verlagsriesen aus dem Ruhrgebiet, der mit knapp zwei Milliarden Euro Jahresumsatz eines der größten Zeitungshäuser in Europa ist.

          Unternehmen mit 16.000 Mitarbeitern

          Bei der WAZ, einem Unternehmen, das in Europa 16.000 Mitarbeiter beschäftigt, ist das Führungsvakuum besonders brisant. Denn dass mit dem umtriebigen Hombach in Zukunft nur noch ein Geschäftsführer das alleinige Sagen hat, ist kaum vorstellbar: Die nun weitgehend verwaiste WAZ-Chefetage mit vier Geschäftsführern ist der seit Jahrzehnten sorgsam austarierten Machtbalance in dem streng paritätisch organisierten Konzern geschuldet.

          Glandt und Haaks waren die Statthalter des sogenannten Funke-Stamms, der Nachkommen des verstorbenen WAZ-Mitgründers Jakob Funke. Schumann und Hombach waren als Vertreter von Funkes Kompagnon Erich Brost („Brost-Stamm“) in die Führungsmannschaft eingerückt. Zumindest für Teile des Funke-Stamms wäre deshalb ein allmächtiger Alleingeschäftsführer Hombach auf Dauer unakzeptabel. Zu groß ist das gegenseitige Misstrauen. Schon die verblichenen Altvordern Brost und Funke konnten mehr schlecht als recht miteinander.

          Einstieg bei der „Süddeutschen Zeitung“

          Einfach war das Verhältnis zwischen den Gesellschaftern deshalb noch nie. Doch so verfahren wie jetzt ist es nach Einschätzung von WAZ-Kennern auch noch nie gewesen. Vor allem ein erbitterter Streit unter den Funke-Erben hat in den vergangenen Jahren nicht nur die Nachbesetzung der Posten von Glandt und Haaks verhindert.

          Zumindest nach Darstellung eines Teils der Funke-Seite soll der Zwist auch vielversprechende Großakquisitionen in Deutschland torpediert haben: Ein Einstieg bei der damals finanziell angeschlagenen „Süddeutschen Zeitung“ kam vor vier Jahren, ebenso wenig später eine Beteiligung an der Münchner Fernsehgruppe Pro Sieben Sat.1. Das Problem: Die zerstrittenen Funke-Erben haben ihre Hälfte an dem Medienkonzern in der gemeinsamen Funke Familiengesellschaft (FFG) gebündelt und sind deshalb aneinandergekettet.

          Vor Jahrzehnten vereinbartes Machtgleichgewicht

          Am Mittwoch beschäftigt die Familienfehde wieder einmal die Gerichte. Dieses Mal trifft man sich beim Oberlandesgericht Hamm. Petra Grotkamp hat ihre Schwestern Renate Schubries und Gisela Holthoff verklagt, weil sie sicherstellen will, dass die in der FFG gebündelten WAZ-Anteile auch dort bleiben. „Über die Anteile an der FFG können die Mitglieder nur mit Zustimmung der anderen Gesellschafter entscheiden“, sagt Günther Grotkamp, 80 Jahre, langjähriger WAZ-Geschäftsführer und Ehemann von Petra Grotkamp. Der rüstige Senior will „jedes Eindringen eines anderen Gesellschafters in die FFG verhindern“.

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