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Virtual Reality : Warum sind alle so wild auf Pokémon Go?

Fang sie alle: So sieht das Spiel auf dem Handy aus. Bild: AP

Früher haben Jugendliche wegen Videospielen das Haus kaum verlassen, nun wandern sie kilometerweit draußen herum. Wenn sich Eltern wundern, woher das kommt: Schuld ist ein Handyspiel.

          Es ist ein wahnsinniger Rummel, der gerade um das Handyspiel Pokémon Go herrscht. Es geht um Geld, Gemeinschaft - und sogar Gefahr. Doch woher kommt die Aufregung?

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

          Der japanische Spielekonzern Nintendo punktet ausgerechnet mit einem alten Verkaufsschlager in neuem Gewand: Pokémon ist eine der erfolgreichsten Marken der späten neunziger Jahre, die Videospielserie, die auf Nintendos Gameboy begann, verkaufte sich bis heute mehr als 200 Millionen Mal, es gab eine erfolgreiche Fernsehserie über die japanischen Monster, 17 Kinofilme und natürlich das Sammelkartenspiel, das seinerzeit Millionen Jugendliche zu Tauschpartnern machte.

          Die starke Bindung ebenjener Fans von früher macht Pokémon nun so erfolgreich, das Spiel weckt Kindheitserinnerungen selbst bei Leuten, die nun längst erwachsen sind. Innerhalb von wenigen Tagen hat sich eine große Spielegemeinschaft gefunden, allein auf der populären Seite Reddit.com tauschen sich mehr als 350.000 Spieler darüber aus. Analysten rechnen damit, dass die Anzahl der Pokémon-Spieler bald die Nutzer des Sozialen Netzwerks Twitter übersteigt. Twitter gibt es seit über zehn Jahren, das Spiel seit nicht einmal einer Woche.

          Im Netz kursiert die Geschichte eines vierzigjährigen Familienvaters, der nachts noch einmal auf Monsterjagd gegangen ist und dabei im Park zwei schwarzen Jugendlichen und einem Polizisten begegnet ist. Der soll zuerst einen Drogenhandel bei der ungewöhnlichen Nachtbegegnung erwartet haben, nur um nach kurzer Erklärung selbst mit einzusteigen bei dem Handyspiel.

          Leichenfund und Überfall

          Der Erfolg bringt schnell seltsame Anekdoten hervor: So soll ein junges Mädchen auf der Suche nach Pokémon bereits eine Wasserleiche gefunden haben (weil sie an Orte vorgedrungen ist, an dem sonst eher keine Spaziergänger vorbeischlendern). Die Polizei des Städtchens O‘Fallon im amerikanischen Missouri berichtete auf Facebook bereits von dem ersten Raubüberfall mit Pokémon. Die Kriminellen sollen Spieler angeblich mit den Monstern angelockt haben. Da das Spiel komplett über GPS-Sender und Umgebungssuche funktioniert, kann es sein, dass man sich tatsächlich plötzlich an eher unwirtliche Orte verirrt. Die ersten Kritiker befürchten bereits, dass es nicht lange dauern wird, bis der erste unachtsame Spieler beim Blick durch die Smartphone-Kamera vor ein Auto läuft.

          Für Nintendo, den japanischen Spielekonzern, der Pokémon Go herausgibt, entwickelt sich das am 6. Juli veröffentlichte Spiel gerade zur Goldgrube: Der Aktienkurs des Unternehmens ist an der Tokioter Börse am Montag um zwischenzeitlich 25 Prozent gestiegen und hat dem Unternehmen eine Marktwertsteigerung von 7,5 Milliarden Dollar eingebracht. Das Spiel ist direkt an die Spitze der App-Stores in Amerika, Neuseeland und Australien gesprungen, nach Angaben von Analysten wurde es schon auf 5 Prozent der Android-Smartphones in Amerika installiert.

          Für Nutzer ist das Spiel kostenlos, Geld verdient Nintendo mit Mikro-Transaktionen im Spiel, Analysten rechnen damit, dass alleine am ersten Tag nach Veröffentlichung zwischen 3,9 und 4,9 Millionen Dollar Umsatz zusammengekommen sind. Der Erfolg hat Nachahmer angelockt, in Deutschland ist ein Plagiat des Spiels ebenfalls ganz nach oben in der Liste der heruntergeladenen Apps geklettert, wenngleich die Spiele-Bewertung der von der Fälschung enttäuschten Pokémon-Fans durchwachsen ist.

          Nintendo braucht den Erfolg

          Nintendo kann den Erfolg jedenfalls dringend gebrauchen, der japanische Spielekonzern stand zuletzt unter Druck, weil die Verkaufszahlen seiner Konsolen wie der Wii U hinter den Erwartungen zurückblieben und Beobachter Innovationen vermissten. Der Konzerngewinn hatte sich 2015 auf 132 Millionen Euro halbiert.

          Pokémon Go kann man zwar erst in drei Ländern herunterladen, nämlich in Amerika, Neuseeland und Australien – und trotzdem sorgt es schon jetzt rund um die Welt für Aufregung. So viele Menschen haben sich das Spiel heruntergeladen, dass die Server des Herstellers die Anfragelast nicht verkraften konnten. Die hohe Nachfrage sorgt dafür, dass sich Spieler aus anderen Ländern erst einmal gedulden müssen, bis das Spiel erscheint. Doch bald werden auch in Deutschland vor allem junge Leute auf ihr Handy starrend durch die Gegend laufen, im Pokémon-Go-Fieber. Das Spiel funktioniert nach dem Prinzip der „Augmented Reality“, mit aktivierter Kamera wird der echten Welt vor der Tür eine digitale Komponente hinzugefügt.

          In diesem Falle die japanischen „Pocket Monster“, Kurzform Pokémon, die nun im Garten vom Nachbarn, an Flüssen oder Denkmälern oder an Autobahnraststätten darauf warten, von den Spielern gefangen zu werden. In sogenannten Arenen kann man dann gegen andere Gegner antreten. Während Videospieler früher vor allem drinnen hockten, verschiebt sich die Aktion nun nach draußen.

          Die Übertragung der alten Spielehysterie auf eine neue Technik nützt Nintendo in diesem Fall, entwickelt hat das Spiel das Unternehmen Niantic, das von ehemaligen Google-Mitarbeitern im Oktober letzten Jahres ausgegründet wurde. Niantic hatte bereits das Augmented-Reality-Spiel Ingress entwickelt, das auf einem ähnlichen Prinzip basiert. Das wurde zwar mehr als 14 Millionen Mal heruntergeladen, ist aber in der breiten Masse trotzdem eher unbekannt. Mit der Marke Pokémon könnte diese Art der Spiele den Durchbruch bekommen. Nintendo wird es freuen: Der japanische Spielekonzern hält nämlich nicht nur Anteile an Pokémon, sondern auch an Niantic.

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