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IT-Gipfel : Digitaler Wandel geht der Wirtschaft zu langsam

Industrie 4.0 - mit Tablet Bild: dpa

Am Dienstag trifft sich die Computerbranche zum IT-Gipfel der Bundesregierung. Trotz einer ehrgeizigen „Digitalen Agenda“ herrscht die Sorge, dass Deutschland im internationalen Wettbewerb zurückfallen könnte.

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          Der digitale Wandel hat jede Ecke der Gesellschaft erfasst – der Wirtschaft jedoch geht vor allem in Deutschland die Entwicklung zu langsam voran. Vor dem Start des achten nationalen IT-Gipfels am Dienstag beklagten Unternehmen fehlendes Tempo. Der Staat müsse sich stärker einbringen – sowohl im Setzen von Rahmenbedingungen wie auch als Nachfrager, der technologische Trends beschleunigen könne, hieß es. Im Mittelpunkt der eintägigen Veranstaltung in Hamburg steht die im August verabschiedete „Digitale Agenda“, die die Digitalpolitik der Bundesregierung in sieben Handlungsfeldern beschreibt. Dazu gehören der Ausbau eines breitbandigen Internets sowie die Industrie 4.0, also die intelligente Fabrik der Zukunft.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Der Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland, Christian Illek, sagte dieser Zeitung, die Agenda sei ein guter Rahmen, der aber jetzt mit handfesten Initiativen ausgefüllt werden sollte. Zu Themen wie der EU-Datenschutz-Grundverordnung, dem Breitbandausbau in Deutschland und Industrie 4.0 müsse nun zumindest ein Fahrplan vereinbart werden. „Fahren wir auf dem Weg zur Digitalisierung mit der richtigen Geschwindigkeit?“, fragte Illek und gab gleich die Antwort: „Das tun wir nicht. Wir sollten deutlich beschleunigen.“ Illek zitierte aus einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums, wonach Deutschland, wenn es um die Stärke der digitalen Wirtschaft geht, im internationalen Vergleich erst den fünften Platz belegt, hinter Amerika, Südkorea, Japan und Großbritannien. In der Frage, wie man die Digitalisierung in die praktische Anwendung bringe, komme die Bundesrepublik sogar nur auf Platz acht. „Da sehe ich deutlichen Handlungsbedarf.“

          In eine ähnliche Kerbe schlug Karl-Heinz Streibich, der Vorstandsvorsitzende der Software AG in Darmstadt. Er zeigte sich überzeugt, dass die öffentliche Hand gerade jetzt handeln müsse, damit Deutschland in Fragen der Digitalisierung nicht den Anschluss verliere: „Dem Staat fällt jetzt eine ganz besondere Rolle zu, denn er muss den Wandel aktiv mitgestalten und die notwendigen Rahmenbedingungen für eine zielgerichtete IT-Politik und öffentliche Beschaffung sicherstellen“, sagte Streibich der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zudem sei der Staat ein entscheidender Motor der Transformation: „Die öffentliche Hand ist Nachfrager Nummer eins, kann also technologische Trends entscheidend prägen, kanalisieren und beschleunigen.“ Sie müsse sich daher stärker als Treiber und Impulsgeber der Digitalisierung und der damit einhergehenden Neuerungen und Chancen verstehen.

          Nach Angaben der Branche sind in Informationstechnologie- und Telekommunikationsfirmen so viele Menschen beschäftigt wie nie zuvor. Die Unternehmen bieten im laufenden Jahr nach Berechnungen des Hightech-Verbandes Bitkom voraussichtlich 953000 Menschen Arbeit. Das sind 10000 mehr als Ende 2013. „Innerhalb von fünf Jahren haben die IT-Unternehmen fast 100000 neue Arbeitsplätze geschaffen, vor allem in den Bereichen Software und IT-Dienstleistungen“, erläuterte der Verband. Die IT-Branche sei damit der zweitgrößte industrielle Arbeitgeber in Deutschland – knapp hinter dem Maschinenbau, aber deutlich vor anderen Branchen wie etwa der Elektronik- oder der Automobilindustrie, sagte Verbandspräsident Dieter Kempf.

          „Wir werden nicht tatenlos zusehen“

          Gewerkschaftsvertreter äußerten vor dem Gipfel ihre Sorgen, wie sich die wachsende Digitalisierung auf die Arbeitswelt auswirkt. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sagte digitalen Billigjobs ohne Arbeitnehmerrechte den Kampf an. „Wir werden nicht tatenlos zusehen, wie hier eine Art moderne Sklaverei entsteht, mit einem Wettbewerb um Löhne nach unten“, sagte der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann. Die digitale Arbeitswelt biete klare Chancen, aber auch Risiken, denen sich die Gewerkschaften stellen müssten.

          Die Wettbewerbsfähigkeit der digitalen Wirtschaft ist neben Sicherheit und Vertrauen sowie Arbeiten und Leben in der digitalen Welt eines der Hauptthemen auf dem IT-Gipfel. Neben Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel und

          weiteren Ressortchefs werden zahlreiche Top-Manager, Unternehmer und Start-up-Gründer erwartet. Zu den Erfolgen früherer IT-Gipfel zählt die Industrie die Breitbandstrategie, die Initiative „Deutschland sicher im Netz“ und eine Aktion gegen die Computerkriminalität.

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