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Twitter-Erfinder Jack Dorsey : Vom Punk zum Milliardär

  • Aktualisiert am

Mit inzwischen über 200 Millionen Nutzern hat Twitter die Medienwelt verändert Bild: REUTERS

Twitter-Erfinder Jack Dorsey war einst ein Hacker mit Nasenring. Pünktlich zum Twitter-Börsengang erzählt der Reporter Nick Bilton die Geschichte von Geld, Macht und Verrat. Unser Auszug schildert, wie alles begonnen hat.

          Kaum jemand bemerkte den 28-Jährigen, der Tag für Tag im Caffe Centro am Fenster saß. Leute kamen zum Mittagessen herein oder schlenderten draußen am Fenster vorbei, aber nur wenige nahmen ihn wahr oder sprachen mit ihm. Ihm war es recht so. Meist zog er es vor, sich aus seinen Kopfhörern mit leisem Gedudel obskurer Punkmusik berieseln zu lassen, während seine Finger die Computertastatur bearbeiteten.

          Häufig schaute er aus dem Fenster, wie er es den größten Teil seines Lebens getan hatte. Von Geburt an litt er an einer Sprechstörung. Als Kind hatte er jeweils nicht mehr als eine Silbe herausgebracht. Statt „Hallo“ hatte er „Hal“ gesagt, „Goodbye“ hatte eher wie ein ersticktes „Goo“ geklungen, und wenn Leute ihn nach seinem Namen gefragt hatten, hatte er nicht „Jack Dorsey“, sondern „Ja“ geantwortet. Durch eine Therapie hatte er zwar seine Sprachprobleme mittlerweile überwunden, aber sie hatten seine Kommunikationsfähigkeit nachhaltig geprägt.

          Jacks Sprachprobleme hatten jedoch auch ihre Vorzüge. In St. Louis, wo er aufgewachsen war, war er gern mit dem Linienbus durch die Stadt gefahren, hatte sich das weitläufige Arbeiterviertel, in dem er wohnte, angesehen und bei jeder Kurve und Kreuzung seine Phantasie schweifen lassen.

          Lieber mit Atemproblemen als ohne Ring

          Seine Behinderung hatte ihm auch geholfen, einen Freund zu finden: einen Computer, der ins Haus kam, als er acht Jahre alt war, ein IBM PC Junior. Auf Anhieb verliebte er sich in den Monochrom-Monitor und lernte, sich in Programmiersprache mit ihm zu unterhalten. An Wochenenden holte seine Mutter Marcia ihn vom Computer weg und schleifte ihn und seine Brüder durch die Straßen von St. Louis auf der Suche nach der ultimativen Handtasche, „der einzig wahren Handtasche“, wie sie es nannte.

          Während Marcias Shoppingtour saß Jack still in Läden für Damenoberbekleidung. Dort begann er selbst, eine Faszination für Taschen zu entwickeln, allerdings nicht für Handtaschen, sondern für Umhängetaschen.

          Jahre später hatte er in San Francisco täglich eine Umhängetasche bei sich: eine helle Filson-Tasche, die in Kontrast zu seiner dunklen Kleidung stand, seinen schwarzen T-Shirts, Sweatshirt-Jacken mit Reißverschluss, Jeans und klobigen Turnschuhen. Wegen seiner stark abfallenden Schultern hingen Jacken an seinem hageren, schlaksigen Körper herum. Manchmal spielte er mit dem silbernen Ring an seinem Nasenflügel. Er liebte diesen Nasenring.

          Als er zwei Jahre zuvor als Freelancer ein Software-Programm geschrieben hatte, mit dem Tickets für Besichtigungen des Gefängnisses Alcatraz verkauft werden sollten, hatte sein Arbeitgeber ihm untersagt, ihn bei der Arbeit zu tragen. Aber statt den Ring herauszunehmen, hatte er ihn unter einem großen beigefarbenen Pflaster versteckt. So hatte er zwar im Büro Schwierigkeiten zu atmen und lief oft mit offenem Mund umher, aber ihm waren die Atemprobleme lieber, als den Nasenring auf Verlangen seines Chefs herauszunehmen.

          Das Epizentrum der Hochtechnologie

          Als er nun im Caffe Centro saß, hatte er einen Arbeitgeber, der nicht viel besser war. Jack schrieb Low-Level-Programme für einen unbedeutenden Ticketshop, der ihm wie ein Gefängnis vorkam. Wann immer er konnte, flüchtete er mit Laptop oder Skizzenblock aus dem Büro und schlenderte hinüber in das South-Park-Viertel von San Francisco. Dort schob er den Kopfhörer auf sein zotteliges dunkles Haar und suchte Zuflucht in Cafés und Sandwich-Shops. Allerdings war dieser Teil der Stadt nicht irgendein beliebiges Viertel, sondern das Mekka der Computerfreaks und Nerds.

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