https://www.faz.net/-gqe-15924

Twitter-Chef Evan Williams : Der Zwitscherer ohne Geschäftsmodell

„Ein Bauernjunge aus Nebraska”: Twitter-Chef Evan Williams Bild: AP

Twitter ist der neue Liebling der Internetbranche. Das Unternehmen beschäftigt zwar nur 29 Angestellte und verdient kein Geld. Dennoch ist die Firma ein Hit. Und Gründer Evan Williams ein Star der Internetszene.

          Evan Williams sieht sich gerne als eine Art Robinson Crusoe: "Ein Unternehmen zu gründen ist, wie auf einer einsamen Insel zu stranden", schreibt er auf seiner persönlichen Internetseite. Williams zählt in diesem "Blog" Parallelen auf: Man hat erst einmal keine Ahnung, wie groß die Insel ist oder welche Raubtiere es geben könnte. Man hat nur eine bestimmte Menge an Proviant mit sich, die reichen muss, bis man sich selbst versorgen kann. Jemand kann kommen, um die Insel zu erobern. Aber wenn man denn irgendwann erfolgreich ist, dann ist man der König in seiner eigenen gedeihenden Welt. Und wenn nicht, dann stirbt man eben - oder muss nach Hause gehen. "Wie dem auch sei, es ist ein Abenteuer, das Spaß macht", resümiert Williams.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Tatsächlich befindet sich Williams mit seinem Unternehmen in einer Phase, in der vieles noch unerforscht oder fremd ist. Aber er kann schon einmal für sich verbuchen, eines der größten Internetphänomene seit dem Erfolg der Online-Gemeinden Facebook und Myspace geschaffen zu haben. Williams ist Mitgründer und Vorstandsvorsitzender von Twitter, einer Online-Plattform, deren Nutzer über Kurznachrichten miteinander kommunizieren.

          Unternehmen ohne Geschäftsmodell

          Das Unternehmen aus San Francisco ist der neue Liebling der Internetbranche und zählt Britney Spears ebenso wie Barack Obama zu seinen begeisterten Nutzern. Bei allem Rummel gibt es aber auch eine gehörige Portion Skepsis: Vielen Menschen erschließt sich bis heute nicht, was das Besondere an Twitter ist, wo es doch von E-Mails über Blogs bis zu Seiten wie Facebook schon massenweise Möglichkeiten zur schnellen elektronischen Kommunikation gibt.

          Und dann stellt sich die Frage nach dem Geschäftsmodell. Es gibt nämlich keines, Twitter nimmt mit seinem Angebot bisher keinen müden Dollar ein. Trotzdem hat eine Gruppe von Investoren vor wenigen Tagen einen weiteren zweistelligen Millionenbetrag in Twitter gesteckt. Das ist umso bemerkenswerter, als Wagniskapitalgeber mit Finanzspritzen für junge Technologieunternehmen wegen der Wirtschaftskrise immer vorsichtiger werden.

          Twitter (englisch für "zwitschern" oder "schnattern") ist ein Forum für Mini-Botschaften. Im Prinzip geht es wie in Online-Gemeinden wie Facebook oder Myspace um den Austausch zwischen Nutzern, nur ist die Kommunikation viel knapper und prägnanter. Twitter sieht sich als Plattform für schnelle Momentaufnahmen aus dem Leben seiner Nutzer, eine fortdauernde Antwort auf die Frage "Was machst du gerade?".

          So eine Art Status-Update gibt es auch als Element bei Facebook. Bei Twitter dreht sich das ganze Konzept darum. Entscheidend ist die Kürze: Die Nachrichten auf Twitter ("Tweets") dürfen nicht mehr als 140 Zeichen haben, ähnlich wie eine SMS auf dem Handy. Anders als eine SMS richten sich Tweets aber in der Regel nicht an einen einzelnen Gegenpart, sondern an alle "Twitterer". Jeder Nutzer kann selbst bestimmen, wessen Einträge er automatisch auf der Seite bekommen will oder - in Twitter-Sprache - zu wessen "Follower" er werden will. Genauso kann jeder Nutzer auch selbst entscheiden, an wen er seine Tweets sendet, und unerwünschte "Follower" blockieren. Die Nachrichten können vom Handy oder vom Computer aus geschickt werden.

          Viele Nutzer sind schlagartig begeistert

          Auf dem Papier mag das nicht besonders reizvoll klingen. Aber in der Praxis sind viele Nutzer schlagartig süchtig nach der Seite, kaum dass sie sich angemeldet haben. Die Grundidee von Twitter ist es, über die kleinen Dinge des Lebens zu berichten, die vielleicht nicht spannend genug sind, eine E-Mail oder einen Blogeintrag zu schreiben. Trotzdem mögen es Freunde und Bekannte interessant finden, zu verfolgen, was man gerade so treibt, sei es Rasenmähen, ein Kinobesuch oder im Stau stehen. Oder was einem gerade so durch den Kopf geht, sei es über die Oscar-Verleihung oder das Konjunkturpaket von Barack Obama.

          Die Schauspielerin Demi Moore ist eine typische Vertreterin der Twitter-Welt. Erst vor wenigen Wochen eingestiegen, kann sie nicht die Finger davon lassen und verfasst alle paar Minuten ein Update. Ihre Tweets lesen sich dann in etwa so: "Ich liege hier rum und lass mir die Haare ausreißen. Seit wann ist es in Mode, weniger Körperbehaarung zu haben? Mehr Männer sollten das mal mitmachen, nur um zu wissen, wie es ist." Oder kürzlich nach einem Konzertbesuch: "Eine großartige Nacht. Jane's Addiction waren der Hammer! Süße Träume, Twitter-Nation . . . Ich bin todmüde. Uff!"

          Twitter zelebriert Belanglosigkeiten. Genauso ist Twitter aber auch ein Forum für ernsthafte, nützliche und berufsrelevante Informationen. Twitterer tauschen Ideen aus, beantworten sich untereinander Fragen und verweisen mit Internetlinks auf interessante Geschichten. Unternehmen wie die Kaffeekette Starbucks oder der Computerhersteller Dell haben Twitter als Instrument entdeckt, um am Puls der Verbraucher zu bleiben. Mehr und mehr wird Twitter auch zum Ort, an dem nachrichtliche Ereignisse zuerst gemeldet werden. Das oft zitierte Paradebeispiel ist die Notlandung eines Flugzeugs im New Yorker Hudson River im Januar. Ein Passagier auf einer zur Hilfe herannahenden Fähre war mit einem Tweet der Erste, der die Nachricht verbreitete ("Da ist ein Flugzeug im Hudson. Ich bin auf einer Fähre auf dem Weg, die Leute aufzusammeln. Wahnsinn.")

          Williams hat Erfahrung mit dem Ideen-Verkauf an Google

          Der 36 Jahre alte Evan Williams darf sich nun zusammen mit seinen beiden Twitter-Mitgründern Jack Dorsey und Biz Stone als einer der neuen Aufsteiger in der Internetszene fühlen. "Ursprünglich ein Bauernjunge aus Nebraska, der im Beruf und im Leben viel Glück hatte", so beschreibt sich Williams selbst auf seinem Blog. Williams kam im Jahr 1997 aus Nebraska nach San Francisco und arbeitete zunächst für den Verleger und Internetpionier Tim O'Reilly. Bald wollte er sich aber selbst als Unternehmer versuchen und war einer der beiden Gründer von Pyra Labs, einem Spezialisten für Bürosoftware. Pyra Labs tat sich zunächst sehr schwer, landete aber einen großen Wurf mit einem als Nebenprojekt gedachten Programm zum Verfassen und Veröffentlichen von Online-Tagebüchern.

          Pyra Labs wurde zu einem Vorreiter bei diesen sogenannten Blogs. Im Jahr 2003 hat Williams Pyra Labs und seine "Blogger"-Software an den Internetkonzern Google verkauft. Schweren Herzens, wie er damals sagte, da er Akquisitionen üblicherweise kritisch gegenüberstehe. Aber der Verkauf dürfte ihm mit einem stattlichen Betrag versüßt worden sein, wobei der Preis nie veröffentlicht wurde.

          Williams, der von sich selbst sagt, er habe eine "stark unabhängige Natur", wechselte danach zuerst mit zu Google, hielt es dort aber nur knapp zwei Jahre aus und wollte wieder etwas Eigenes probieren.

          Twitter ist bislang für alle Nutzer umsonst

          Er gründete einen Spezialisten für Online-Informationsprogramme (Podcasts), hier entstand Twitter, erst als Idee von Jack Dorsey und wiederum ursprünglich als Nebenprojekt. Nach einem langsamen Start im Jahr 2006 feierte Twitter seinen Durchbruch im Jahr 2007 auf Großveranstaltungen wie einem bekannten Musikfestival in Texas, dessen Besucher massenweise Tweets über die Bands verschickten. Im Mai 2007 wurde Twitter ein eigenes Unternehmen, zunächst mit Jack Dorsey als Vorstandsvorsitzendem.

          Sehr schnell konnte Twitter Investoren zur Anschubfinanzierung für sich gewinnen, darunter prominente Namen wie Jeff Bezos, den Gründer des Online-Händlers Amazon. Twitter wuchs so rasant, dass die Seite bis weit ins vergangene Jahr hinein oft wegen Überlastung zusammenbrach. Je mehr sich Twitter verbreitete, umso mehr rückte die Frage in den Vordergrund, wie das Unternehmen seine Popularität zu Geld machen will. Denn Twitter ist für alle Nutzer umsonst, und der Dienst hat auch keinerlei andere Einnahmequellen wie Werbung.

          Im vergangenen Oktober gab es einen Wechsel an der Unternehmensspitze: Der eher technikorientierte Jack Dorsey übergab den Posten an den geschäftserprobteren und älteren Evan Williams. Etwa zur gleichen Zeit führte Twitter Gespräche über einen Verkauf an Facebook. Angeblich soll Facebook 500 Millionen Dollar geboten haben. Williams sträubte sich aber gegen einen Verkauf. "Es war nicht der richtige Zeitpunkt", wurde er nachher zitiert. Er wies aber auch darauf hin, dass die beiden Unternehmen gut zusammengepasst hätten - und ließ damit die Tür für Facebook offen. Die Frage nach dem Geschäftsmodell hat für Twitter seither eine neue Dringlichkeit. Williams hat sich lange auf den Standpunkt gestellt, es nicht eilig zu haben und stattdessen erst einmal auf das Wachstum der Nutzergemeinde zu setzen. Jetzt will er aber doch in den nächsten Monaten Wege finden, Umsätze zu erzielen. "It's business time!", hieß es kürzlich auf dem Blog von Twitter, als das Unternehmen die Einstellung "unseres ersten offiziellen Gurus zum Aufbau von Geschäften" bekanntgab.

          Trotz fehlender Umsätze interessieren sich Investoren

          In der Szene wird heftig spekuliert, was Twitter im Sinn haben könnte. Twitter könnte wie viele andere Online-Dienste Werbung auf seinen Seiten verkaufen, aber Williams hat sich von der Idee in der Vergangenheit nicht allzu begeistert gezeigt. Denkbar wäre auch, dass Twitter für bestimmte Angebote Gebühren berechnet, zum Beispiel von Unternehmen.

          Dass Williams statt Umsätzen bislang nur Visionen vorweisen kann, scheint Investoren nicht abzuschrecken. Erst vor wenigen Wochen hat Twitter weitere 35 Millionen Dollar von Wagniskapitalgebern bekommen.

          Aber manche Dinge sind ohnehin unbezahlbar. Zum Beispiel, dass Williams als Twitter-Chef nun ein gefragter Mann bei Berühmtheiten in seiner Nutzergemeinde geworden ist. So gab er Demi Moore bei ihrem Start einige Tipps zum Twittern, seither hat er ein paar Mal Tweets mit ihr ausgetauscht. Welcher andere Bauernjunge aus Nebraska kann das schon von sich sagen?

          Der Mensch

          Evan Williams ist mit Twitter zu einem neuen Star der amerikanischen Internetszene geworden, ähnlich wie vor ihm Mark Zuckerberg von der Online-Gemeinde Facebook oder Tom Anderson und Chris DeWolfe von Myspace . Der 36 Jahre alte Williams, der ursprünglich aus dem ländlichen Bundesstaat Nebraska kommt, hat schon vor Twitter Trends in der Online-Kommunikation gesetzt. Im Jahr 1999 war er einer der Mitgründer des Unternehmens Pyra Labs , das zu einem Vorreiter bei Online-Tagebüchern oder „ Blogs “ wurde. Die Software von Pyra Labs mit dem Namen „Blogger“ machte es einfach, Blogs im Internet zu veröffentlichen. Im Jahr 2003 verkaufte Williams Pyra Labs an den Internetkonzern Google. Es folgte ein kurzes Intermezzo als Angestellter bei Google , aber bald gründete er wieder ein eigenes Unternehmen, aus dem schließlich Twitter hervorging. Williams ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in San Francisco .

          Da s Unternehmen

          Die Online-Kommunikationsplattform Twitter aus San Francisco ist der Aufsteiger in der Internetszene. Twitter hat eine große Nutzergemeinde: Die Zahl der „Twitterer“ wird in der Branche derzeit auf rund sechs Millionen geschätzt und wächst sprunghaft, wenngleich Twitter damit noch weit hinter der Online-Gemeinde Facebook zurückliegt, die weltweit 175 Millionen Mitglieder hat.

          Twitter macht bislang keine Umsätze , hat aber noch für dieses Jahr Ideen versprochen, wie Geld in die Kassen fließen soll. Denkbar sind Werbung und Nutzergebühren. Im Moment beschäftigt Twitter 29 Mitarbeiter .

          Weitere Themen

          Stellensuche per Google Video-Seite öffnen

          Digitale Jobsuche : Stellensuche per Google

          Auch in Deutschland sollen Arbeitsuchende jetzt auch auf Google zurückgreifen können: Der Internetgigant hat in Berlin seine neue Stellensuche-Funktion vorgestellt. In vielen anderen Ländern gibt es das Angebot bereits.

          Atempause im Huawei-Streit Video-Seite öffnen

          Wall Street : Atempause im Huawei-Streit

          Die Wall Street in New York schloss am Dienstag Ortszeit im Plus. Grund dafür war auch, dass Amerika sein Geschäftsverbot für Huawei am Dienstag für 90 Tage aussetzte.

          Topmeldungen

          Wer drehte das Ibiza-Video? : Ein Wiener Anwalt und seine Mandanten

          Das heimlich aufgenommene Video, das die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus die Karriere kostete und Österreichs Regierung zu Fall brachte, läuft inzwischen unter dem Rubrum „Ibiza-Gate“. Die Hinweise auf Mittelsmänner verdichten sich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.