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Twitter-Chef Evan Williams : Der Zwitscherer ohne Geschäftsmodell

Auf dem Papier mag das nicht besonders reizvoll klingen. Aber in der Praxis sind viele Nutzer schlagartig süchtig nach der Seite, kaum dass sie sich angemeldet haben. Die Grundidee von Twitter ist es, über die kleinen Dinge des Lebens zu berichten, die vielleicht nicht spannend genug sind, eine E-Mail oder einen Blogeintrag zu schreiben. Trotzdem mögen es Freunde und Bekannte interessant finden, zu verfolgen, was man gerade so treibt, sei es Rasenmähen, ein Kinobesuch oder im Stau stehen. Oder was einem gerade so durch den Kopf geht, sei es über die Oscar-Verleihung oder das Konjunkturpaket von Barack Obama.

Die Schauspielerin Demi Moore ist eine typische Vertreterin der Twitter-Welt. Erst vor wenigen Wochen eingestiegen, kann sie nicht die Finger davon lassen und verfasst alle paar Minuten ein Update. Ihre Tweets lesen sich dann in etwa so: "Ich liege hier rum und lass mir die Haare ausreißen. Seit wann ist es in Mode, weniger Körperbehaarung zu haben? Mehr Männer sollten das mal mitmachen, nur um zu wissen, wie es ist." Oder kürzlich nach einem Konzertbesuch: "Eine großartige Nacht. Jane's Addiction waren der Hammer! Süße Träume, Twitter-Nation . . . Ich bin todmüde. Uff!"

Twitter zelebriert Belanglosigkeiten. Genauso ist Twitter aber auch ein Forum für ernsthafte, nützliche und berufsrelevante Informationen. Twitterer tauschen Ideen aus, beantworten sich untereinander Fragen und verweisen mit Internetlinks auf interessante Geschichten. Unternehmen wie die Kaffeekette Starbucks oder der Computerhersteller Dell haben Twitter als Instrument entdeckt, um am Puls der Verbraucher zu bleiben. Mehr und mehr wird Twitter auch zum Ort, an dem nachrichtliche Ereignisse zuerst gemeldet werden. Das oft zitierte Paradebeispiel ist die Notlandung eines Flugzeugs im New Yorker Hudson River im Januar. Ein Passagier auf einer zur Hilfe herannahenden Fähre war mit einem Tweet der Erste, der die Nachricht verbreitete ("Da ist ein Flugzeug im Hudson. Ich bin auf einer Fähre auf dem Weg, die Leute aufzusammeln. Wahnsinn.")

Williams hat Erfahrung mit dem Ideen-Verkauf an Google

Der 36 Jahre alte Evan Williams darf sich nun zusammen mit seinen beiden Twitter-Mitgründern Jack Dorsey und Biz Stone als einer der neuen Aufsteiger in der Internetszene fühlen. "Ursprünglich ein Bauernjunge aus Nebraska, der im Beruf und im Leben viel Glück hatte", so beschreibt sich Williams selbst auf seinem Blog. Williams kam im Jahr 1997 aus Nebraska nach San Francisco und arbeitete zunächst für den Verleger und Internetpionier Tim O'Reilly. Bald wollte er sich aber selbst als Unternehmer versuchen und war einer der beiden Gründer von Pyra Labs, einem Spezialisten für Bürosoftware. Pyra Labs tat sich zunächst sehr schwer, landete aber einen großen Wurf mit einem als Nebenprojekt gedachten Programm zum Verfassen und Veröffentlichen von Online-Tagebüchern.

Pyra Labs wurde zu einem Vorreiter bei diesen sogenannten Blogs. Im Jahr 2003 hat Williams Pyra Labs und seine "Blogger"-Software an den Internetkonzern Google verkauft. Schweren Herzens, wie er damals sagte, da er Akquisitionen üblicherweise kritisch gegenüberstehe. Aber der Verkauf dürfte ihm mit einem stattlichen Betrag versüßt worden sein, wobei der Preis nie veröffentlicht wurde.

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