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Telekommunikation : Flops, Pannen und nun kein Geld

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Benq konzentriert sich nun ganz auf Asien Bild: REUTERS

Erst Siemens, jetzt Benq: Die Entwicklung und Fertigung von Handys in Deutschland steht vor dem Ende. Gegen die Konkurrenz aus Asien kam Siemens nicht mehr an. Benq schließlich hat sich mit der Handysparte von Siemens zu viel aufgebürdet.

          Der 24. Juni 2004 war ein guter Tag für die 2000 Mitarbeiter der Telefonfertigung von Siemens in Kamp-Lintfort und Bocholt gewesen. Der damalige Vorstandschef Heinrich von Pierer war erleichtert, die IG Metall klopfte sich auf die eigene Schulter. Mit einem weit beachteten Ergänzungstarifvertrag für die zwei Werke am Niederrhein hatten Arbeitgeber und die Gewerkschaft die angedrohte Verlagerung von Arbeitsplätzen nach Ungarn abgewendet. Die wesentlichen Eckpunkte waren eine von 35 auf 40 Stunden verlängerte Arbeitszeit ohne Lohnausgleich und eine erfolgsabhängige Jahreszahlung anstelle von Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Unter dem Strich bedeutete das nach Berechnungen der IG Metall einen Einkommensverzicht von rund 28 Prozent für die Beschäftigten. Im Gegenzug bekamen sie eine zunächst für zwei Jahre befristete Sicherheit für ihre Arbeitsplätze.

          Damit ist es für die Beschäftigten in der Handysparte spätestens seit diesem Donnerstag vorbei. Der taiwanische Konzern Benq, der das Mobiltelefongeschäft vor einem Jahr von Siemens übernommen hat, entschied am Donnerstag, die Entwicklung und Fertigung in Deutschland einzustellen und sich ganz auf Asien zu konzentrieren. Ohne weiteres Geld der Muttergesellschaft bleibt dem deutschen Tochterunternehmen Benq Mobile angesichts der Verluste im laufenden Geschäft nur der Insolvenzantrag in den nächsten Tagen.

          Fehlentscheidungen und Pannen

          Siemens hatte mit den Mobiltelefonen die Erfahrung machen müssen, daß sich die Stärken des Konzerns bis auf wenige Ausnahmen auf das Geschäft mit Investitionsgütern beschränken. Von den starken Wachstumsraten im Handygeschäft um die Jahrtausendwende hatten die Münchner noch profitiert und den Marktanteil von rund 3 auf knapp 10 Prozent gesteigert. Doch wenig später reihte sich eine Fehlentscheidung und eine Panne an die andere. Mobiltelefone mit aufsteckbarer Kamera von Siemens waren ebenso Flops wie die Xelibiri-Serie als Modeaccessoires. In China hat die damalige Sparte ICM erst spät auf die starke Nachfrage nach Klapphandys zum Umhängen reagiert und damit auf dem größten Markt der Welt erheblich Anteile eingebüßt.

          Fehler hat Siemens nach Einschätzung von Fachleuten schon viel früher gemacht. Einst Pionier der Mobiltelefone, hatten die Münchner in den neunziger Jahren die Entwicklungsabteilung der Sparte unterfinanziert. Das hatte Folgen. Siemens besaß keine marktrelevanten Patente mehr für Handytechnologien. Daher mußte das Unternehmen teure Lizenzen von Wettbewerbern kaufen, konnte aber im gewinnreichen oberen Marktsegment kein erfolgreiches Produkt mehr plazieren. Schließlich sah sich Siemens der Konkurrenz der billigen asiatischen Massenfertiger gegenüber.

          Benq hat sich verhoben

          Im November 2004 mußte Pierer zugeben, daß die Handysparte ein Sanierungsfall geworden war. Die im Sommer zuvor mit hohen Erwartungen gestartete neue Handy-Serie 65 entwickelte sich wegen einer Software-Panne zum Desaster. Eine Sanierung schlug fehl, so daß Pierer noch drei seiner vier Optionen blieben: schließen, kooperieren oder verkaufen.

          Nach zähen Verhandlungen mit einigen Unternehmen - der amerikanische Konkurrent Motorola schied schließlich aus - vereinbarte Siemens die Abgabe des Handygeschäfts an Benq. Ein Verkauf war es nicht, denn Siemens gab den Taiwanern 250 Millionen Euro dazu. Seit der Übernahme vor einem Jahr ist der Aktienkurs von Benq um knapp die Hälfte gefallen. Das Unternehmen, das zuvor nur ein kleines Handygeschäft hatte, hat sich an dem großen Brocken von Siemens verhoben.

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