https://www.faz.net/-gqe-x3ia

Telekommunikation : Das Dilemma der Mobilfunker

  • -Aktualisiert am

Einbußen im traditionellen Sprachgeschäft gehen zurück Bild: ddp

Netzbetreiber in der Zwickmühle: Die Einbußen im mobilen Sprachgeschäft werden nicht schnell genug durch neue Umsatzquellen kompensiert. Die Preise fallen. Doch gleichzeitig wächst die Notwendigkeit, viel Geld in die multimediale Aufrüstung der Netze zu stecken.

          5 Min.

          Den einst wachstumsverwöhnten Mobilfunkbetreibern bricht in immer stärkerem Maße das ursprüngliche Geschäftsmodell auseinander. Schnell fallende Preise sorgen in fast allen Märkten in Europa für sinkende Umsätze. Der Durchschnittsumsatz je Kunde, der in der Branche auch als Arpu (Average Revenue per User) bezeichnet wird, ist in den vergangenen zwei Jahren in zweistelligen Prozentsätzen gesunken, hat die Ratingagentur Fitch ausgerechnet.

          Der durchschnittliche Minutenpreis, den die Kunden zum Beispiel in Deutschland zahlen, hat sich zwischen 2005 und 2007 auf weniger als 14 Cent fast halbiert. Das geht aus Daten der Beratungsgesellschaft Arthur D. Little (ADL) hervor. In anderen europäischen Ländern lag der prozentuale Verfall der Preise zwar etwas darunter, das heute erreichte Preisniveau ist aber ähnlich niedrig.

          Auch die Einnahmen durch Roaming gehen zurück

          Diese Tendenz kann bisher auch nicht komplett durch eine - angesichts der attraktiveren Minutenpreise - steigende Nutzung des Mobiltelefons kompensiert werden. Die Konsequenz: Der Umsatz im einstigen „Brot-und-Butter-Geschäft“ mit der Sprachübermittlung wird weiter zurückgehen. Auch die steigenden Kundenzahlen können dies nicht verhindern.

          Diese Situation wird dadurch noch verschärft, dass die lukrativen Entgelte für die Ablieferung der Gespräche aus fremden Netzen zum Handy der Mobilfunkkunden - ein Vorgang, der auch als Terminierung bezeichnet wird - in den vergangenen Jahren permanent gesunken sind und weiter sinken werden. Konnten zum Beispiel die deutschen Mobilfunkanbieter im Jahr 2005 noch zwischen 13 und 15 Cent je Minute verlangen, hat die Regulierung diesen Betrag auf jetzt 8 bis 9 Cent gedrückt. Da zwischen 15 und 25 Prozent des Umsatzes der Mobilfunkunternehmen auf diese Entgelte entfielen, mussten die Anbieter hier signifikante Umsatzverluste verkraften, die in gleicher Höhe auch ergebniswirksam waren. Im europäischen Durchschnitt sanken die Einnahmen aus diesen Entgelten nach Berechnungen von ADL seit 2005 um rund 40 Prozent. Auch gehen die Einnahmen aus den länderübergreifenden Gesprächen (Roaming) zurück, nachdem die EU-Kommission im Jahr 2008 eine Deckelung der Preise für diese Sprachdienste in Europa verfügt hat.

          Datenumsatz aus dem Nicht-SMS-Geschäft ist enttäuschend“

          Als ob das noch nicht genug wäre: Der Umsatz mit dem Datengeschäft - dem großen Hoffnungsträger der Branche - kann nicht so schnell zulegen, wie die Einnahmen auf der Sprachseite einbrechen. Die Umsatzzuwächse aus dem Datengeschäft jenseits der SMS liegen zwar bei den meisten Unternehmen im zweistelligen Prozentbereich - teilweise sogar bei 30 bis 40 Prozent -, der nominale Umsatz- und Ergebnisbeitrag ist aber noch nicht sehr umfangreich. „Der Datenumsatz aus dem Nicht-SMS-Geschäft ist bisher enttäuschend“, erklärt Mark Newman vom Marktbeobachter Informa Telecom.

          „Vor allem in den gesättigten Märkten der Industrieländer müssen die Netzbetreiber in den kommenden fünf Jahren radikal neue Geschäftsmodelle entwickeln, wenn sie ihre Gewinnmargen sichern wollen“, erklärt Newman.

          Wer wird daran verdienen?

          Informa ist allerdings zuversichtlich, dass sich der Datenverkehr deutlich erhöhen wird. Die Frage ist nur: Wer wird daran verdienen? So erkennen Marktbeobachter die Tendenz, dass sich das Nutzungsverhalten wandelt. Waren es bisher einzelne Dienste der Netzbetreiber, die von den Kunden bei der mobilen Datennutzung bevorzugt wurden, geht die Tendenz jetzt in eine andere Richtung: Das offene Internet mit seinen Angeboten findet das Interesse der Nutzer - sie zahlen also an den Netzbetreiber nur noch für den Zugang. „Die Mobilfunkanbieter laufen durchaus Gefahr, zu reinen Daten-Transporteuren zu werden“, fürchtet auch Hervé le Jouan, der von London aus das europäische Geschäft des Marktforschungsunternehmens Mmetrics steuert. Gleichzeitig geht le Jouan gemeinsam mit vielen anderen Marktbeobachtern davon aus, dass sich das mobile Datengeschäft erst entwickeln wird, wenn erschwingliche Pauschalpreise (Flatrates) für die Datennutzung auf den Markt kommen. Diese Ansicht setzt sich anscheinend zunehmend auch bei den Netzbetreibern durch. Entsprechend gibt es inzwischen einige Angebote, die zwar keine unbegrenzte Nutzung zulassen. Für knapp 50 Euro kann man aber bis zu 5 Gigabyte im Monat in den UMTS-Netzen versurfen - was für viele Anwendungen durchaus ausreicht.

          Weitere Themen

          „Abzocke“ an der E-Auto-Ladesäule?

          Kartellamt startet Prüfung : „Abzocke“ an der E-Auto-Ladesäule?

          An den Ladesäulen für Elektroautos herrschen gewaltige Preisunterschiede. In den meisten Regionen bestimmt ein einziger großer Betreiber den Markt. Das könnte schwerwiegende Folgen für den Ausbau der Elektromobilität haben.

          Topmeldungen

          Burak Yilmaz (32), Pädagoge, im Zentrum für Erinnerungskultur, Menschenrechte und Demokratie in Duisburg

          Junge Migranten : Was gehört zu Deutschland?

          Das Dirndl? Die Shisha-Pfeife? Die Juden? Junge Migranten aus Duisburg sprechen mit einem Sozialarbeiter über Identität und Geschichte. Und warum der Holocaust zur Diskussion über heutige Werte führt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.