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Technologiefestival „South by Southwest“ : Wer repariert das Internet?

  • -Aktualisiert am

Mittlerweile geheimdienstfrei? Server in einem Datenzentrum von Google Bild: AP

Amerikas Technologiegemeinde ist nachdenklich geworden: Das Internet geht gerade kaputt, und kaum einer weiß, ob es zu retten ist. Nun rufen Aktivisten zum Waffengang - wenn die Regierung die Bürger nicht schützen will, helfe nur noch aggressive Selbstverteidigung.

          Ein Ort der Romantik war das Internet für Amerikaner noch nie gewesen. Es sei denn, die Vorstellung davon, möglichst schnell zum Millionär zu werden, enthalte etwas glückhaft Sentimentales. Nirgendwo sonst auf der Welt ist die Landnahme im digitalen Raum so perfekt organisiert, hat sich eine ähnlich machtvolle Eroberungsmaschinerie entwickelt. „Lasst uns den Kapitalismus feiern“, rief vor wenigen Tagen Google-Chairman Eric Schmidt ganz ohne Ironie, als er auf die Übernahme von WhatsApp durch Facebook angesprochen wurde. „19 Milliarden Dollar für eine Firma mit 50 Mitarbeitern, das müssen wir feiern.“

          Und doch galt alles, was dem Internet half, den meisten Amerikanern als unfraglich richtig. Was sich um das Internet abspielte war die gute Revolution, die auf die Erde geholte Zukunft, es war die Verheißung einer besseren Welt, wenn auch unter kapitalistischen Vorzeichen. Es war der moderne amerikanische Traum, eine erneute Landnahme in einem unabsehbaren Raum. Nur diesmal ohne Blutvergießen.

          „The Internet is fucked“

          Die Stimmung hat sich geändert. Bereits vor einigen Wochen sorgte der Journalist und frühere Copyright-Anwalt Nilay Patel mit einem wütenden Pamphlet auf der Techno-Seite The Verge für Stimmung: „The Internet is fucked.“

          Doch kaum ein Ort war besser geeignet, diesen Umschwung zu erfühlen, als das Technologiefestival South by Southwest im texanischen Austin. Jedes Jahr ziehen zehntausende von Technologiejüngern in die Stadt am Colorado River und hoffen, das nächste große Ding zu entdecken. Diesmal gab es weder ein neues Ding, noch sonst viel Anlass zum Jubel.

          Stattdessen dominierten die Zwischentöne. Dafür sorgte schon die Anwesenheit der drei bekanntesten Online-Dissidenten der Welt, die allerdings allesamt per Videoschaltung eingebracht werden mussten. Eine Reise nach Amerika hätte sie entweder mit Sicherheit hinter Gitter oder zumindest in Knastgefahr gebracht: Wikileaks-Gründer Julian Assange, NSA-Whistleblower Edward Snowden und der Snowden-Vertraute Glenn Greenwald. Amerikanische Politiker hatten die Veranstalter vergeblich davor gewarnt, den Amerika-Opponenten Gehör zu verschaffen.

          Snowdens Aufruf zum Widerstand

          Das Votum der drei war einmütig - und viele Zuhörer teilten es: Das gepriesene Land Internet ist plötzlich zu einer bloßen Technologie geschrumpft, die wie alle Technologien gut oder böse eingesetzt werden können. Für Snowden war der Fall noch klarer: „Wir haben ein feindliches Internet bekommen. Etwas, was wir nie wollten. Und dagegen müssen wir uns wehren.“ Dafür gab es Standing Ovations in Austin.

          Wer also bändigt in Zukunft Amerikas wildgewordene Geheimdienste? Wer bremst den Datenhunger der Online-Konzerne? Wer schützt hunderte von Millionen Nutzer in der ganzen Welt vor der Ausbeutung ihrer Fußspuren, die sie tagtäglich im Netz hinterlassen? Wer also repariert das Internet?

          Bestimmt nicht der Staat. Niemand glaubt daran, dass der Geheimdienst NSA fortan seine Aktivitäten dramatisch einschränkt und sich einer wirksamen Kontrolle unterwirft: „Der Kongress gaukelt den Bürgern vor, dass die Geheimdienste reformiert würden“, sagt der Online-Aktivist Glenn Greenwald während einer Video-Schalte nach Austin. In Wahrheit gebe es ein Kartell der Mächtigen in Washington, parteiübergreifend, unaufbrechbar. „Sie tun alles,  um die NSA zu schützen“, so der Snowden-Vertraute, gebessert habe sich kaum etwas, jede Einschränkung werde mit dem Argument abgebügelt, dass dadurch die Sicherheit des Landes gefährdet würde.

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