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Suchmaschinen-Fasten : Ohne Google

Nein, das wird jetzt nicht schnell gegoogelt: Der Verzicht gerät zum psychologischen Kraftakt. Bild: AP

Kann man ohne Google leben? Die Suchmaschine ist so allgegenwärtig und wie unauffällig. Unsere Autorin hat eine googlefreie Woche hinter sich.

          Google ist überall. Der Konzern hat sich sogar meiner Finger und meines Gehirns bemächtigt. Wenn ich etwas wissen will oder möglichst schnell finden muss, dann tippe ich Google ein, ohne überhaupt darüber nachzudenken – als wäre Google die erste Antwort auf jede Frage. Mein Gehirn ist seit Jahren auf Google programmiert. Ich kann mir eine Internetsuche ohne Google, Google Maps, ohne den News-Button oder die Bilder überhaupt nicht vorstellen. Es muss Jahre her sein, dass das anfing. Der Duden hat das Wort „googeln“ schon 2004 in seine 23. Auflage aufgenommen.

          Inge Kloepfer

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ich zähle meine Suchanfragen am Tag: Je nachdem, was ich recherchiere, sind es mal zehn, mal 30. Ich nehme den Mittelwert von 20 Suchanfragen, multipliziere ihn mit 365 und dann noch einmal mit 10, weil ich annehme, dass ich seit 10 Jahren keine andere Suchmaschine mehr nutze. 73 000 Mal muss ich also auf Google gewesen sein, habe nach Material für meine Artikel und Bücher geforscht, nach Fußballclubs, Schulen, nach Gottesdienstordnungen katholischer Kirchen, nach Reisezielen, Flügen, Klatsch und Tratsch. Habe Karten hochgeladen, Routen planen lassen, bin auf Youtube gewesen, um mir – vorzugsweise – klassische Musik anzuhören, habe auf der Bilderseite nach Stühlen, Tischen, Armaturen, Badeanzügen, Stoffen und was weiß ich nicht allem gesucht. An die Zeit von Yahoo kann ich mich kaum noch erinnern. Andere Suchmaschinen kenne ich nicht und wäre auch nie auf die Idee gekommen, sie auszuprobieren. Warum eigentlich nicht? Vielleicht aus Bequemlichkeit.

          Zweifel, ob Google ersetzbar ist

          Eine Woche ganz ohne Google – ist so etwas überhaupt möglich? Die letzten Worte, die ich bei Google eingebe, bevor die Woche beginnt, sind: alternative Suchmaschinen. Fast 500 000 Einträge liefert mir der Riese in 0,34 Sekunden. Ich überfliege die Beschreibungen und suche mir Ixquick aus, eine niederländische Suchmaschine, deren Datenschutz nach den Worten diverser Netz-Experten vorbildlich zu sein scheint. Ixquick wird meine IP-Adresse und Suchgewohnheiten nicht speichern und die Ergebnisse daran nicht anpassen. Außerdem ist sie aus Europa, was ich schon angesichts der hohen Kooperationsbereitschaft amerikanischer Internetkonzerne mit der NSA von Vorteil finde.

          Es ist nicht ganz einfach, nicht automatisch auf Google zu suchen. Ehrlich gesagt, die Sache gerät zu einem psychologischen Kraftakt, geradezu als hätte ich eine Gehirnwäsche hinter mir. An den ersten beiden Tagen konzentriere ich mich nur darauf, Google komplett zu vermeiden. Klicke ich die Seite aus Versehen an, schließe ich sie umgehend wieder – mit einem unguten Gefühl. Die Zweifel sind sofort zur Stelle: Bedient mich Ixquick genauso schnell und vor allem in gleicher Qualität? Die Versuchung, jede Anfrage mit den Ergebnissen von Google abzugleichen, ist riesig.

          Am dritten Tag starte ich einen ersten Versuch. Ich gebe den Begriff „Narzissmus“ ein, über den ich gerade einen Artikel recherchiere. Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich, aber gleichermaßen interessant. Schon taucht die nächste Frage auf: Wie stark ist der Verlauf, den eine Internetrecherche nimmt, von der Suchmaschine abhängig und davon, ob sie mein Profil mit jeder Anfrage verfeinert? Am fünften Tag haben sich meine Unruhe und der Drang, fortdauernd Suchergebnisse zu vergleichen, gelegt. Ich habe mich offenbar entwöhnt und beschließe, das Experiment am 10. Tag zu beenden. Werde ich jetzt umgehend zu Google zurückkehren?

          Google ist, das haben die Vergleiche gezeigt, sehr treffsicher. Andererseits irritiert mich die Vorstellung, dass Google mich nach allem, was ich in den vergangenen zehn Jahren gesucht habe, wahrscheinlich besser kennt als ich mich selbst. Die Maschine hat auch die Muster jener Suchen gespeichert, die gerade nicht zielgerichtet, sondern vielleicht nur dem Zeitvertreib geschuldet waren. Google weiß also auch dann, was ich wahrscheinlich tun werde, wenn ich selbst noch nicht weiß, wohin die Reise geht. Wird mich die Maschine heimlich lenken? Ich würde also – zumindest gefühlt – mit einem Verzicht auf individuelle Treffgenauigkeit für ein Höchstmaß an Diskretion bei einer diskreten Suchmaschine bezahlen. Die Frage ist, was mir wie viel wert ist. Im Moment wiegt die Anonymität deutlich schwerer. Ich benutze Google nicht mehr. Und vermisse nichts.

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