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Steve Jobs und Bill Gates : Symbolträchtige Wachablösung

Zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten: Steve Jobs und Bill Gates Bild: AFP; AP

Die Kräfteverhältnisse haben sich spürbar verschoben: Apple ist mit seinem Börsenwert an Microsoft vorbeigezogen. Während Apple-Mitgründer Jobs einst gegen den Rivalen Gates kaum punkten konnte, kann er heute frohlocken.

          Man kann es sich aus heutiger Sicht kaum vorstellen, aber es gab einmal eine Zeit, in der Steve Jobs kleinlaut und demütig war. Es war im Jahr 1997, der Computerhersteller Apple steckte nach mehreren Produktflops in einer Existenzkrise, und Mitgründer Jobs kämpfte gegen den Untergang seines Unternehmens. In seiner Verzweiflung rief er nach Bill Gates, dem Mitgründer des Apple-Erzrivalen Microsoft, der mit seinen marktbeherrschenden Produkten wie Windows und Office damals eine unantastbare Macht in der Technologiebranche war. Auf der Apple-Hausmesse „Macworld“ in jenem Jahr präsentierte Jobs dann Gates als Retter: Er verkündete eine Partnerschaft, in deren Rahmen Microsoft 150 Millionen Dollar in Apple investierte und Programme wie Office für Macintosh-Rechner verfügbar machte. „Wir brauchen jede Hilfe, die wir kriegen können“, sagte ein zerknirschter Jobs damals auf der Bühne und fügte hinzu, man müsse Microsoft jetzt mit „Dankbarkeit“ begegnen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Seinem Publikum, das aus leidenschaftlichen Apple-Fans bestand, gefiel die Partnerschaft gar nicht. Es gab Buh-Rufe, als Bill Gates per Satellit zugeschaltet wurde. Aber die Lage für Apple war prekär, und das Unternehmen hatte wenig Alternativen. Michael Dell, Gründer des nach ihm benannten Computerherstellers, war nur einer von vielen in der Branche, die damals keinen Pfifferling mehr auf Apple wetten wollten: „Ich würde den Laden dichtmachen und das Geld an die Aktionäre zurückgeben“, sagte er.

          Die Kräfteverhältnisse haben sich verschoben

          Spürbarer haben sich die Kräfteverhältnisse seither kaum verschieben können. Steve Jobs hat seit diesen tristen Tagen mit Apple ein spektakuläres Comeback gefeiert. Er hat das Unternehmen komplett neu erfunden und weit über das ursprüngliche Stammgeschäft mit Computern zu einem breit aufgestellten Konsumelektronikanbieter gemacht. Apple-Produkte wie der digitale Musikspieler iPod und das Internethandy iPhone haben ganze Märkte revolutioniert, und der vor wenigen Monaten eingeführte Tablet-Computer iPad schickt sich an, die nächste Erfolgsgeschichte zu werden. Microsoft steckt dagegen in der Vergangenheit fest: Bis heute bestimmen Produkte wie Windows und Office das Geschehen. Mit neuen Initiativen fasst das Unternehmen, wenn überhaupt, nur langsam Tritt. Eine Ausnahmen stellt nur die Videospielekonsole Xbox dar. Gerade zu Endverbrauchern, die das Wachstum im Technikgeschäft antreiben und die Apple zu Füßen liegen, findet Microsoft keinen Zugang.

          Die symbolträchtige Wachablösung in dieser Woche war insofern wohl nur eine Frage der Zeit: Apple ist mit seinem Börsenwert zumindest für den Moment an Microsoft vorbeigezogen und ist nun das teuerste Technologieunternehmen der Welt. In Amerika hat nur der Ölkonzern Exxon-Mobil eine noch höhere Marktkapitalisierung als Apple. Zwar ist Apple gemessen am Umsatz noch immer etwas kleiner als Microsoft, und die Gewinne sind sogar deutlich niedriger, weil Microsoft sich stärker auf das margenträchtigere Softwaregeschäft konzentriert. Aber offenbar sehen die Finanzmärkte das Momentum auf der Seite von Apple und geben dem Unternehmen mehr Zukunftspotential als Microsoft.

          Bill Gates muss diese Entwicklung schmerzen

          Bill Gates muss diese Entwicklung schmerzen, auch wenn er sich vor zwei Jahren aus dem Tagesgeschäft von Microsoft zurückgezogen hat und seither auf den Vorsitz des Verwaltungsrats beschränkt. Denn Gates hat in seiner aktiven Zeit in der Öffentlichkeit selbst gerne den Visionär gegeben und seine Vorstellungen präsentiert, wo die Technologietrends von morgen und übermorgen liegen. In der jüngeren Vergangenheit lag die Treffsicherheit aber auf Seiten von Steve Jobs. Zwar hat Bill Gates schon 2001 Tablet-Computer als die nächste Revolution in der Computerbranche ausgerufen. Microsoft hat es aber nicht verstanden, sich und das Segment mit eigenen Produkten zu etablieren. Stattdessen ist es nun in diesem Jahr Steve Jobs, der den Tablets mit dem iPad den Durchbruch beschert hat.

          Bei aller Schwerfälligkeit, die Microsoft in den vergangenen Jahren an den Tag legte, hat Bill Gates freilich einen unbestreitbaren Platz in der Geschichte als Visionär für die Computerbranche. Er hat Microsoft im Jahr 1975 zusammen mit seinem Freund Paul Allen gegründet, und er hatte von Anfang an die Vision, dass irgendwann einmal in jedem Haushalt ein Personal Computer stehen wird. Auch Steve Jobs gehört zu den Pionieren der Branche: Er gründete Apple zusammen mit Steve Wozniak im Jahr 1976. Bald danach kam der „Apple II“ auf den Markt, einer der ersten erfolgreichen Computer. Im Jahr 1984 folgte der Macintosh, der erste Computer mit einer grafischen Benutzeroberfläche. Die Karriere von Jobs bei Apple war allerdings nicht ohne Tiefpunkte: Im Jahr 1985 wurde er aus dem Unternehmen gedrängt. Erst 1996, als Apple in der Krise steckte, kam er zurück.

          Steve Jobs und Bill Gates werden oft als völlig gegensätzliche Persönlichkeiten beschrieben: Hier der coole und lockere Jobs mit dem untrüglichen Riecher für Trends, dort der steife und verkopfte Streber Gates. Aber vieles verbindet die beiden. Bill Gates und Steve Jobs sind Technologiepioniere, und sie sind immer beinhart im Geschäft gewesen. Als die beiden Männer vor wenigen Jahren bei einer Konferenz einen seltenen gemeinsamen Auftritt hatten, wurde Jobs fast ein bisschen sentimental. Jobs sprach zu Gates mit einem Zitat aus einem Lied der Beatles: „Du und ich, wir haben Erinnerungen, die länger sind als die Straße vor uns.“

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