https://www.faz.net/-gqe-wf9f

Selbstdarstellung im Netz : Ich zeige alles von mir

StudiVZ: 80 Prozent der Nutzer haben den neuen Werberegeln zugestimmt Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Name, Beruf, Hobbys: Viele Menschen geben in Online-Gemeinschaften einfach alles preis. Und die Werbeindustrie freut sich. Denn ihre Reklame greift gezielt auf Informationen im Profil zurück. Doch kaum jemand regt sich darüber auf.

          Es war Frühling 1987. In Kreuzberg demonstrierten die Autonomen, und selbst brave Bürger brachen das Gesetz: Sie boykottierten die Volkszählung. Bis zum Bundesverfassungsgericht schaffte es die Debatte. Es ging um Fragen wie diese: Welchen Schulabschluss haben Sie? Wie heißt Ihr Arbeitgeber, und wo ist er? Wie viel Zeit brauchen Sie normalerweise für den Hinweg zur Arbeit?

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Antworten, die viele Deutsche damals verweigerten, sind harmlos gegen das, was Millionen heute ganz freiwillig öffentlich ins Internet stellen: In der Online-Gemeinschaft für Geschäftsleute, Xing, findet sich nicht nur der aktuelle Arbeitgeber, sondern gleich der ganze Lebenslauf. Auf der Studentenseite StudiVZ bekennen die Nutzer offen: „Ich hasse Sex im Schlafzimmer“ und „Ich habe so lange ein Motivationsproblem, bis ich ein Zeitproblem habe.“ In StudiVZs amerikanischem Vorbild Facebook stellen junge Frauen sogar Fotos davon ein, wie sie selbst sturzbetrunken auf dem Boden liegen - um andere damit zu beeindrucken.

          Reklame greift gezielt auf Informationen im Studi-VZ Profil zurück

          Ein virtueller Exhibitionismus breitet sich aus. Menschen posaunen Intimitäten in die Welt hinaus, über die der Durchschnittsdeutsche vor einigen Jahren höchstens mit einem guten Bekannten gesprochen hätte - nachdem er ihm ein Schweigegelübde abgenommen hat. Jetzt kommen die Begebenheiten ins Netz, nachlesbar für jedermann: Geschwister und Eltern, Kollegen und Chefs. Die Menschen scheinen vergessen zu haben, dass die ganze Welt ihnen zusehen kann. Sie benehmen sich nach einer Zeit im StudiVZ, als handele es sich hier um ihre Privatsphäre. Dass beispielsweise Grüßen im StudiVZ „Gruscheln“ heißt, erweckt schließlich auch den Anschein von Intimität.

          Erst in den vergangenen Wochen wurden die Exhibitionisten mit der Nase auf die Datenschutz-Frage gestoßen. Der Grund: Die beiden bekanntesten deutschen Online-Gemeinschaften Xing und StudiVZ haben Werbung eingeführt beziehungsweise neue Werbeformen angekündigt. Diese Reklame greift gezielt auf Informationen im Profil zurück. Wenn man beispielsweise angegeben hat, in Köln zu wohnen, dann könnte es sein, dass man in Zukunft die Werbung eines Kölner Unternehmens sieht. Ein Student der Literaturwissenschaft könnte mit Anzeigen von Buchverlagen traktiert werden.

          Im Internet offenbaren sich Menschen freiwillig

          Sowohl in Xing als auch in StudiVZ waren die Proteste groß und haben die Betreiber zu kleineren Zugeständnissen bewogen. Die Nutzer sorgten sich, dass zur Steuerung dieser Werbung zu viele Daten an die Werbekunden weitergegeben werden. Seit der Schlachtennebel sich gelichtet hat, wird klar: Zum Austritt hat das wenige bewegt. Im StudiVZ beispielsweise können die Teilnehmer seit Donnerstag nur noch mitmachen, wenn sie den neuen Werberegeln zustimmen. Angaben von Mitarbeitern zufolge haben das weit mehr als 80 Prozent der Nutzer getan. Auch ihr Verhalten haben die wenigsten Nutzer geändert. Nur ein paar Teilnehmer kürzen jetzt beispielsweise ihre Nachnamen ab.

          Das entspricht Erkenntnissen, die der Ökonom Alessandro Acquisti an der Universität in Pittsburgh aus mehreren Studien und Umfragen gewonnen hat. Er sagt: Die Menschen verkaufen ihre Daten gerne, wenn sie das freiwillig tun können und etwas dafür bekommen. Die Gegenleistung kann dabei auch winzig sein.

          Der Protest gegen die Volkszählung passt ins Bild. Sie war erzwungen und ohne Gegenleistung. Ähnlich lief es noch im vergangenen Jahr in Amerika: Dort sollen neue Ausweise eingeführt werden, sie sind ebenfalls auf großen Protest gestoßen. Im Internet dagegen offenbaren sich die Menschen freiwillig, und sie bekommen etwas dafür: Sie können sich selbst so darstellen, wie sie sein möchten - zum Beispiel als lustiger Partymensch, der viele Freunde um sich schart, oder auch als qualifizierter Jobsuchender.

          Geschäftsleute auf Xing protestierten gegen Werbung

          Wie wichtig die Darstellung der eigenen Person heute geworden ist, zeigt sich zum Beispiel an den Geschäftsleuten auf Xing, die in den vergangenen Wochen gegen die Werbung protestierten. Sie hatten nicht etwa vorrangig Angst davor, dass ihre Daten weitergegeben werden könnten. Sie wollten vielmehr vermeiden, dass auf ihren Xing-Seiten Werbung gezeigt wird, die ihre Selbstdarstellung stört - zum Beispiel die Reklame eines Konkurrenzunternehmens. Das passt zu den Erkenntnissen der amerikanischen Soziologin Jean Twenge. Sie hat für Jugendliche ermittelt: Sie stimmen heute viel öfter dem Satz zu „Ich bin eine wichtige Person“ als vor einigen Jahrzehnten.

          Selbstdarstellung und gegenseitige Aufmerksamkeit sind ein kleiner Preis für die Weitergabe persönlicher Daten. Die Käufer würden auch weit mehr zahlen, um diese Informationen zu bekommen. StudiVZ beispielsweise verdoppelt die Preise für einige Anzeigen, wenn der Auftraggeber sie speziell an die Studenten eines Fachs richten möchte - und selbst das ist noch billig für diejenigen, die die Anzeigen schalten. „Für ein Unternehmen, das Ingenieure sucht, ist es viel wert, wenn es die Romanisten von vornherein auslassen kann“, sagt Sebastian Turner, Chef der Werbeagentur Scholz & Friends.

          Datenschützer malen Schreckensszenarien an die Wand

          Für die Empfänger der Werbung kann das sogar hilfreich sein: Wenn zum Beispiel nur die angehenden Ingenieure die Stellenanzeigen für Ingenieure bekommen, bleiben die Juristen von den Anzeigen verschont. Wenn ein beworbenes Rasierwasser schon zur Altersgruppe passt, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass es dem Nutzer tatsächlich gefällt.

          Datenschützer malen aber auch Schreckensszenarien an die Wand. Das ist zum einen der zukünftige Chef, der über private Eskapaden Bescheid weiß. Es könnte aber auch eine Autoversicherung sein, die einen Schaden regulieren soll, das aber ablehnt. Der Autofahrer hätte sich in seinem Profil doch als guter Trinker dargestellt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Plan für Klimaneutralität : Die Stunde der Klimaretter

          Am Freitag will die Regierung den Plan für ein klimaneutrales Deutschland beschließen. Was kommt da auf uns zu? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

          Geringer Inflationsdruck : Amerikanische Notenbank senkt Leitzins abermals

          Wegen der unsicheren wirtschaftlichen Entwicklung der Vereinigten Staaten hat die amerikanische Notenbank Fed ihren Leitzins zum zweiten Mal in Folge um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Die Notenbanker fassten den Beschluss jedoch nicht einstimmig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.