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Schnäppchen-Portal Groupon : Eine Milliarde Dollar Umsatz mit Gutscheinen

Auf der Website gibt’s den Deal des Tages. Bild: F.A.Z. - FOTO DIETER RÜCHEL

„Groupon“ heißt der neue Star im Internet. Die Firma hat in zwei Jahren 4000 Mitarbeiter eingestellt. Das Geld verdient sie mit Gutscheinen für Friseure und Sonnenstudios.

          4 Min.

          Von null auf 4000 Mitarbeiter in zwei Jahren: So schnell kann ein Unternehmen wachsen. Und dabei immer noch Gewinn machen. „Groupon“ heißt die Firma, die das geschafft hat. Sie ist derzeit das heißeste Start-up im Internet. So begeistert sind die Internetunternehmer, dass sie das Geschäftsmodell in den vergangenen Monaten weltweit kopiert haben; allein in China soll es mehr als 500 ähnliche Firmen geben.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für das Original hat Google kürzlich sechs Milliarden Dollar geboten – doch der Groupon-Gründer, der 30-jährige Andrew Mason, lehnte ab (siehe Schnäppchen-Portal Groupon will sich nicht von Google kaufen lassen). Jetzt bewerben sich gestandene Bankhäuser wie Merrill Lynch und Goldman Sachs darum, Groupon an die Börse zu bringen.

          Und was ist das tolle Geschäft, das so profitabel und nachahmenswürdig ist? Gutscheine.

          Der Gründer: Andrew Mason

          Groupon verkauft Rabatt-Gutscheine für Online-Händler, Restaurants oder Sonnenstudios. Auf seiner Website bewirbt die Firma für jede Großstadt täglich neue Gutscheine. Wer einen haben möchte, bestellt und bezahlt online bei Groupon. Ein paar Stunden später kommt der Gutschein per E-Mail. Die Firma finanziert sich, indem sie rund die Hälfte vom Preis der verkauften Gutscheine behält und nur den Rest an den Anbieter des Gutscheins weitergibt.

          „Ich wollte nie so ein Konzern-Depp sein, der Fragen ausweicht“

          In München gab es vergangene Woche ein Valentinstag-Menü im Hotel zum halben Preis. In Koblenz verkaufte Groupon einen Haarschnitt, der sonst 30 Euro kosten soll, für 10 Euro. Ein Online-Weinhändler bot einen 50-Euro-Gutschein für 20 Euro an.

          Damit macht Groupon nach zwei Jahren schon geschätzt eine Milliarde Dollar Umsatz, inzwischen ist das Unternehmen in 40 Ländern unterwegs. Kein Wunder, dass jeder sein Geheimnis kennenlernen will. Topmanager von gestandenen deutschen Verlagen und großen Internetkonzernen setzten sich vergangene Woche brav ins Auditorium beim Internetkongress DLD in München. Und mussten sich dann von Andrew Mason erklären lassen, dass er Fragen nach dem Google-Angebot sowieso ausweichen werde. „Wie genau soll ich der Antwort ausweichen?“, fragte er zurück und ergänzte: „Ich wollte nie so ein Konzern-Depp sein, der Fragen ausweicht. Aber in Verhandlungen ist es immer, wie wenn man ausprobiert, ob man einander liebt. Da wäre es respektlos, zu viel mit anderen zu reden.“

          Mason ist kein Silicon-Valley-Programmierer-Typ. Er hat seine Firma in Chicago gegründet, und das Geschäftsmodell fand er nur zufällig. Einst hatte er nämlich eine Website, auf der sich Leute zu gemeinsamen Aktionen verabreden konnten: zum Beispiel dazu, am Wahltag in Amerika nicht zur Arbeit zu erscheinen. Oder eine Firma zu boykottieren. Am beliebtesten sei es aber gewesen, beim Einkaufen einen Mengenrabatt herauszuhandeln. Also konzentrierte Mason sich darauf, den Namen der neuen Website kombinierte er aus den Wörtern „Group“ (Gruppe) und „Coupon“ (Gutschein).

          Werbung ohne Streuverluste

          Bald fand Mason Verbündete, mit denen er überhaupt nicht gerechnet hatte: die Firmen selbst. Restaurantbesitzer und Friseure wollten endlich Werbung im Internet machen, aber sie wollten keine Banner-Anzeige in Auftrag geben. Auch die Werbung auf Google ist vielen zu kompliziert.

          Mit den Gutscheinen funktioniert das anders. Die werden von Groupon zwar übers Internet beworben, der Friseur selbst muss dazu aber gar nicht ins Internet, sondern kann alles per Telefon mit den Groupon-Mitarbeitern vereinbaren.Dabei verlangt Groupon erst einmal kein Geld dafür, dass der Friseur Gutscheine anbietet. „Es gibt bei dieser Art der Werbung keine Streuverluste“, sagt der Investor Sina Afra, der in der Türkei eine Firma nach dem Vorbild von Groupon finanziert. „Das Unternehmen zahlt nur für diejenigen, die auch tatsächlich in den Laden kommen“, sagt Afra – denn erst dann muss das Unternehmen etwas tun.

          Deshalb ist der Gedanke, Kaufkraft zu bündeln, für Groupon inzwischen gar nicht mehr so wichtig. Viele Rabatte gewähren die Unternehmen schon vom ersten Kunden an. Inzwischen ist Groupon eher eine Werbeagentur, die ihre Klienten bekannt macht.

          Den Unternehmer Raimund Bechtloff zum Beispiel. Er hat in Brühl bei Köln Menschen angeseilt Hauswände herunterlaufen lassen und dafür in zwei Aktionen 600 Gutscheine verkauft. Dieses Angebot müsse nämlich noch bekannt werden. Für den Klettergarten, den er im gleichen Ort betreibt, verkauft er keine Gutscheine mehr. „Wenn es erst mal läuft, lässt man die Gutscheine natürlich bleiben.“

          Dazu kommt: In vielen Fällen sind die Gutscheine so klein, dass der Kunde im Laden noch mehr Geld ausgibt. Da fehlen im Restaurant die Getränke, oder der Gutschein fürs Möbelhaus ist so klein, dass er nur für einen Stuhl reicht. „Wir legen die Gutscheine so an“, sagt Mason im Interview. „Im Restaurant zum Beispiel geben die Kunden durchschnittlich ungefähr die Hälfte mehr aus als den Gutscheinwert.“

          Weil das gerade für kleine, unbekannte Firmen praktisch ist, sind die Angebote für die Kunden bisher entsprechend. In Hamburg konnte man am Donnerstag zum Beispiel einen günstige Kosmetikbehandlung erstehen, einen Monat freien Eintritt ins Solarium verbilligt bekommen und einen Rabatt aufs Fitness-Studio. Nur gelegentlich gibt es Gutscheine von größeren Ketten, zum Beispiel von den Dorint-Hotels. Groupon-Gründer Mason gibt selbst zu, dass das Angebot einseitig ist. Er hofft darauf, dass mit der Zeit mehr unterschiedliche Firmen Gutscheine verkaufen. Dann könnte er dafür sorgen, dass weniger Angebote von Fitness-Studios bei den Kunden ankommen – dafür aber nur solche, die in der Nähe des Kunden liegen.

          Google startet Konkurrenzdienst

          In anderen Ländern hat das schon funktioniert. Dort gibt es mehr und beliebtere Inserenten. In Hongkong hat eine Fast-Food-Kette Gutscheine über 50 Hongkong-Dollar für 25 Hongkong-Dollar verkauft. In drei Tagen verkauften sie 70.000 solcher Gutscheine. In den Vereinigten Staaten schlug der Bekleidungsriese Gap an einem Tag 450.000 Gutscheine los.

          Google hat jetzt reagiert. Nachdem Andrew Mason seine Firma nicht verkaufen wollte, startet Google in Amerika einen eigenen Konkurrenzdienst. Doch Online-Handels-Experte Jochen Krisch hält die Chancen der Nachahmer nicht für allzu groß. „Groupon hat Erfahrung, Vertriebspower und das Wissen, welche Angebote funktionieren. Hiergegen tun sich unerfahrene Mitbewerber schwer.“ Auch Google sei in keiner guten Position, denn Groupon arbeite mit viel Personal, mit dem es die kleinen Firmen betreue. Das sei Google nicht gewohnt. „Es gibt Themen, die Google eindeutig mehr liegen.“

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