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SAP : Von der Stange

  • -Aktualisiert am

Wie schon Konkurrent Microsoft hat SAP für die Software-Präsentation das Nokia Theatre in New York gemietet Bild: AP

Für den SAP-Chef Henning Kagermann war es die wichtigste Ankündigung seiner Karriere: Er stellte in New York die mit Spannung erwartete neue Mietsoftware vor. Damit nimmt SAP abermals Anlauf auf den Mittelstand - frühere Versuche verliefen nicht allzu erfolgreich.

          Mit großem Aufwand stellte der Walldorfer SAP-Konzern in New York seine in der Branche mit Spannung erwartete Mittelstandssoftware vor. SAP hatte für die Veranstaltung das Nokia Theatre am Times Square und damit den gleichen Ort gewählt, an dem zu Jahresbeginn eine noch größere Adresse in der Branche ein riesiges Marketingspektakel inszenierte: Damals gab der weltgrößte Softwareanbieter Microsoft den Startschuss für das Betriebssystem Windows Vista, die neue Version seines wichtigsten Produkts. Auf der Bühne stand Verwaltungsratsvorsitzender Bill Gates und versuchte, sein Publikum zu überzeugen, Windows Vista werde eine neue Ära für den Personalcomputer einläuten. Am Mittwoch schlüpfte auch SAP-Vorstandsvorsitzender Henning Kagermann in die Rolle des Verkäufers und sprach von der „wichtigsten Ankündigung meiner Karriere“.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Die neue Software, die bisher den Arbeitstitel „A1S“ hatte, trägt den Namen „SAP Business By Design“. SAP verfolgt dabei eine neue Strategie und bietet die Software über das Internet gewissermaßen zur Miete an. Bislang verkauft SAP Softwarelizenzen an seine Kunden, bekommt dafür direkt eine Lizenzgebühr und verdient nachher mit Dienstleistungen wie Schulung, Wartung und Beratung weiter. Beim neuen Produkt handelt es sich nach den Worten von Kagermann um eine „Software von der Stange, im Unterschied zu den Maßanzügen, die wir bisher verkauft haben“. Die Nutzung von Informationstechnologie in mittelständischen Unternehmen werde „drastisch vereinfacht“.

          „Fundamentaler Wandel“ der Wirtschaft

          Außerdem wirbt Kagermann damit, dass die Ausgaben für die ohne großen Aufwand zu installierenden Programme bei 10 Prozent der bisherigen Kosten liegen werden. Die neuen Programme kosten je Anwender monatlich 133 Euro, inklusive Service und Wartung. Vor dem Kauf kann die Software kostenfrei getestet werden. Der Konzern verfolgt auch beim Vertrieb eine neue Strategie und verkauft die Software neben dem bisherigen Weg über Partnerunternehmen auch über Internet und Telefon.

          Der SAP-Vorstandsvorsitzende Henning Kagermann

          SAP ist traditionell auf Unternehmenssoftware für größere Konzerne spezialisiert und ist hier Weltmarktführer. Allerdings ist auf diesem Gebiet nur noch vergleichsweise wenig Wachstum möglich, daher die Zielrichtung Mittelstand. Kagermann sprach in New York von einem „fundamentalen Wandel“ der Wirtschaft, in dem kleinere, wachstumsstarke Unternehmen eine wichtigere Rolle spielen. Mit seinem derzeitigen Softwareangebot erreicht SAP eigenen Angaben zufolge nur die obere Hälfte des rund 30 Milliarden Dollar großen Mittelstandsmarkts. Im Visier sind jetzt Unternehmen mit 100 bis 500 Beschäftigten. Bis zum Jahr 2010 sollen 10.000 Kunden gewonnen und mit der neuen Software ein Umsatz von rund 1 Milliarde Dollar (rund 720 Millionen Euro) erreicht werden. Derzeit hat SAP insgesamt rund 40.000 Kunden und erzielte im vergangenen Jahr einen Konzernumsatz von 9,4 Milliarden Euro. In die Entwicklung und Vermarktung der Mittelstandssoftware werden bis Ende nächsten Jahres bis zu 400 Millionen Euro investiert.

          Diverse SAP-Initiativen bisher nicht allzu erfolgreich

          Bei der neuen Software handelt es sich nicht um den ersten Anlauf, die Zielgruppe Mittelstand zu erreichen. In der Vergangenheit war der Konzern mit diversen Initiativen nicht allzu erfolgreich. Analysten werten die neuen Programme dennoch als „sinnvolle Strategie“. Die Vertriebspartner von SAP - wie zum Beispiel die AC-Service AG - blicken gespannt auf die neuen internetbasierten Programme. Lars Landwehrkamp, Vorstandsvorsitzender von AC-Service, rechnet damit, dass erst mit dem neuen Angebot das Volumengeschäft mit kleineren Unternehmen zum Durchbruch kommen dürfte.

          Viele Branchenkenner glauben, dass künftig immer mehr Unternehmen ihre Software aus dem Internet beziehen werden, und zwar nur genau dann, wenn sie sie gerade benötigen. Solche On-Demand-Lösungen haben den Vorteil, dass der Preis meist von der Nutzungsintensität abhängt und der Betrieb von externen Dienstleistern getätigt wird. Dadurch können Kosten eingespart werden. Anbieter wie das amerikanische Unternehmen Salesforce.com setzen auf diesen Trend und bieten Software für die Pflege der Kundenbeziehungen (Customer Relationship Management, CRM) an. Sie prophezeien schon seit längerem das Ende des klassischen Lizenzsoftwaremodells, mit dem SAP groß wurde.

          Niedrige Margen sind ein Problem

          Wichtiger Wettbewerber im Mittelstandsmarkt ist der Microsoft-Konzern, der in den vergangenen Jahren das Geschäft mit Unternehmenssoftware ausgebaut hat. Sage, Europas zweitgrößter Softwarekonzern und ebenfalls SAP-Konkurrent um die Mittelstandskundschaft, gibt sich gelassen. Bisher ist die SAP-Dominanz auf dem Gebiet der Unternehmenssoftware ungebrochen. Dennoch zeigen die jüngsten Investitionen, dass die Entwicklung hin zu internetbasierter Mietsoftware ernst genommen wird - auch wenn damit Märkte betreten werden, die bei weitem nicht so margenreich sein dürften wie das traditionelle Geschäft mit Großunternehmen.

          Infor, ein enger Rivale von SAP und nach eigenen Angaben mit 70.000 Kunden im Mittelstandssegment Marktführer, kennt das Problem der niedrigen Margen. „Wir sind, was Profitabilität betrifft, nicht so gut wie SAP“, sagte jüngst der Infor-Vorstandsvorsitzende Jim Schaper in einem Gespräch mit der F.A.Z. SAP-Chef Kagermann will allerdings auch mit den neuen Angeboten die bisherigen Margen halten.

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