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Roboterjournalisten : Dieser Text ist selbstgemacht

Objekt der automatisierten Berichterstattung: die Basketballspieler Dirk Nowitzki (links) und Dennis Schröder. Bild: dpa

Roboter können schon längst texten, mitunter ersetzen sie sogar Journalisten. Selbst Sportberichte in acht Sprachen direkt aus der Maschine sind keine Vision mehr.

          Dieser Text ist selbstgemacht, selbstgedacht. Dabei können Roboter schon längst texten, sie ersetzen mitunter sogar schon Journalisten. Wenn Unternehmen ihre Quartalszahlen vorlegen, lässt die amerikanische Nachrichtenagentur AP sie von Computerprogrammen zu Meldungen verarbeiten. In Deutschland experimentiert die „Berliner Morgenpost“ mit einem Programm, das fortlaufend Artikel über die aktuelle Feinstaubbelastung schreibt und visualisiert. Diese Beispiele zeigen, wo die Stärke des Roboterjournalismus liegt: Aus einer großen Menge von Daten werden nach immer gleichem Muster Texte erstellt, die vor allem Servicecharakter haben.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Zu den Pionieren der Branche zählt das Stuttgarter Unternehmen Aexea: Die Produkte von Aexea generieren bisher vor allem Texte für Anwendungen im Online-Handel, und das seit vielen Jahren. „Die Geschichte des Ortes reicht bis weit in die römische Zeit zurück“ – so etwa lauteten Sätze, die im Jahr 2007 der in Stuttgart programmierten Maschine einfielen, basierend auf dem Datum der ersten urkundlichen Erwähnung eines Ferienorts.

          „Wir standen als Textagentur unter dem Druck, extrem günstige Lösungen anzubieten“, erklärt Frank Feulner, Leiter Automatisierte Texte bei der Aexea GmbH. 300 Euro für eine Beschreibung im Hotelkatalog waren einfach nicht drin, eher so etwas um die 3 Euro. Heute ist das möglich: Aus Datenquellen und einem Algorithmus erstellt der Aexea-Computer Texte am laufenden Band. Die aktuelle Kapazität des Unternehmens: 3,6 Millionen Texte pro Tag.

          Welche Aussagen tabu sind, wird vorher festgelegt

          Niemand liest diese Texte, bevor sie veröffentlicht werden. Deshalb ist die korrekte Programmierung enorm wichtig. Detailliert muss vorher festgelegt werden, welche Art von Daten in welche Art von Aussage münden darf oder soll. Und was absolut tabu ist. „Das Wort sexy darf natürlich auf gar keinen Fall in der Beschreibung eines Kinder-Bikinis stehen“, nennt Feulner ein Beispiel. Die Software sorgt neben der korrekten inhaltlichen Bedeutung von Sätzen auch dafür, dass sie gut gebaut sind. Durch den per Zufall gesteuerten Einsatz von Synonymen entsteht sogar eine gewisse Abwechslung im Satzbau, damit die Texte sich nicht allzu sehr ähneln und die Kunden – etwa eines Bekleidungsversandes oder eines Ferienhausvermittlers – sich nicht langweilen. Das Gegenteil soll der Fall sein: Die Texte sollen den Leser emotional berühren.

          Die Grenzen der Algorithmen enden aber nicht mehr bei der auf Datenbanken gestützten Beschreibung von Textilien, Restaurants oder Ferienimmobilien. Genau wie die amerikanischen Marktführer Narrative Science und Automated Science ist Aexea auch auf dem Feld des Roboterjournalismus aktiv, zum Beispiel bei der Sportberichterstattung. „Rückschlag für den deutschen Basketball-Superstar Dirk Nowitzki und seine Dallas Mavericks“, titelte etwa ein Online-Portal in diesem Frühjahr und unterlegte die Einschätzung mit Fakten: „Im Kampf um einen Playoff-Platz kassierten die Texaner eine 85:108-Schlappe bei den Golden State Warriors.“

          Diese Art von Text hört sich nach klassischem Sportjournalisten-Handwerk an, aber genau so lesen sich die Artikel von Aexea. „Sportberichte liefern Gesprächsstoff. Wenn wir es gut machen wollen, ist die Bewertung am wichtigsten“, erklärt Feulner, der früher selbst als Journalist tätig war. Das soll heißen: Die Maschine muss den aktuellen Spielverlauf durch den Abgleich mit Ereignissen in der Vergangenheit selbständig bewerten können, muss erkennen, dass ein Spieler unerwartet erfolgreich war. Oder auch, dass ein deutscher Kunde sich für die Dallas Mavericks vor allem wegen Dirk Nowitzki interessiert.

          Wie man diese Fähigkeiten zu Geld macht, deutet Feulner lediglich an. „Wir beobachten eine erfreuliche Innovationsfreude“, stellt er fest – offenbar auch unter klassischen Verlagen: „Wir sehen schon, dass ein Automatisierungsdruck für Redaktionen entsteht.“ Online-Portale gehören zu den Kunden und offenbar auch Wettanbieter, die mit neuen Nachrichten im Verlauf eines Spiels neue Quoten bestimmen und zusätzliche Wettanreize setzen können.

          Auch die Wettervorhersage kann automatisiert werden

          Neben dem Sport hat Aexea die Wettervorhersage als Geschäftsfeld erkannt. Hier bezieht die Stuttgarter Maschine die meteorologischen Daten von 14000 Online-Meldestellen und individualisiert sie je nach Interessenslage des Verwenders. „Wir sind keine Meteorologen sondern Alltagshelfer“, sagt Feulner: „Denken Sie an Ihre Pflanzen“ könnte seiner Darstellung nach daher ein Satz aus einem solchen Wetterbericht lauten, oder: „Die Temperatur wird heute so stark schwanken, dass man eine Jacke braucht, die man ablegen kann.“

          Was Aexea von allen anderen Konkurrenten unterscheidet, ist die Sprachvielfalt. Die amerikanischen Pioniere konnten ja schon kaum glauben, dass Roboterjournalismus mit der deutschen Sprache überhaupt möglich sei, berichtet Feulner. Aexea bietet seinen Service aber noch in sieben weiteren europäischen Sprachen an – und schreckt auch vor noch komplizierteren Sprachen nicht zurück: Selbst Algorithmen in Polnisch hält man für machbar.

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