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Rechte von Transgendern : Technologieprominenz gegen Toilettengesetze

Apple-Chef Tim Cook Bild: dpa

Mark Zuckerberg, Tim Cook und andere Top-Manager werden immer mehr zu Aktivisten und geben ihren Namen für den Kampf gegen Diskriminierung her. Das tun sie nicht aus reiner Nächstenliebe.

          Mark Zuckerberg, Tim Cook, Sundar Pichai: Die Vorstandsvorsitzenden der amerikanischen Technologiegiganten Facebook, Apple und Google haben sich wieder einmal für die Rechte von Transgendern ins Zeug gelegt, also Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht auf ihrer Geburtsurkunde identifizieren. Zusammen mit einem Dutzend anderer amerikanischer Top-Manager schrieben sie jetzt einen Brief an den texanischen Gouverneur Greg Abbott und bedrängten ihn, keine „diskriminierenden Gesetze“ in seinem Bundesstaat zu verabschieden. Damit meinten sie die derzeit in Texas debattierte „Bathroom Bill“, die Transgendern die Nutzung von Toiletten untersagen würde, die sich nicht mit ihrem biologischen Geschlecht decken. Wer also zum Beispiel als Mann geboren wurde, sich aber heute als Frau identifiziert, müsste dann trotzdem auf die Herrentoilette. Befürworter des Gesetzes sagen, damit solle verhindert werden, dass Männer sich als Frauen verkleiden und dann in Damentoiletten Kinder belästigen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Der Brief ist nur das jüngste Beispiel für den zunehmenden politischen Aktivismus der amerikanischen Technologieprominenz. Im vergangenen Jahr machten 80 Führungskräfte gegen ein Gesetz in North Carolina mobil, das ebenfalls darauf abzielte, Transgendern Vorschriften bei der Toilettennutzung zu machen. Der Bezahldienst Paypal ging so weit, Expansionspläne in North Carolina aufzugeben, die Nachrichtenagentur „Associated Press“ kalkulierte, das Gesetz werde den Bundesstaat 3,8 Milliarden Dollar kosten. Die Kritik führte vor wenigen Monaten dazu, dass das Gesetz abgemildert wurde.

          Nicht nur aus Nächstenliebe

          Die Opposition gegen die Toilettengesetze ist nur eines von mehreren Beispielen dafür, wie Unternehmen sich für die sogenannte „LGBT“-Gemeinde einsetzen, also für lesbische, schwule und bisexuelle Menschen sowie Transgender. In Indiana protestierten Tim Cook und andere Spitzenmanager vor zwei Jahren gegen ein Gesetz, das nach den Worten seiner Initiatoren „religiöse Freiheit“ wahren sollte, aber von Kritikern als Freibrief für die Diskriminierung von Homosexuellen interpretiert wurde, indem es etwa Bäckern oder Floristen erlaubt hätte, ihre Dienste für Hochzeiten gleichgeschlechtlicher Partner zu verweigern. Auch hier drohten Unternehmen damit, Investitionen zu kürzen, und das Gesetz wurde modifiziert.

          Was treibt die Unternehmen an, sich so lautstark für LGBT-Rechte zu engagieren? Es ist gewiss nicht nur reine Nächstenliebe, wie auch die Manager selbst zugeben. In dem Brief an den texanischen Gouverneur schreiben sie zwar auch darüber, dass ihre „Werte“ Diskriminierung verbieten, aber sie weisen gleichzeitig darauf hin, dass das Gesetz schlecht für ihr Geschäft wäre. So würde es zum Beispiel erschwert, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Tatsächlich erlaubt es der Einsatz für LGBT-Rechte Unternehmen, sich als toleranter Arbeitgeber zu präsentieren, und das kann bei der Rekrutierung von Personal helfen. Das ist umso wichtiger, weil Vertreter der jungen Millennial-Generation, die eine immer bedeutendere Gruppe auf dem Arbeitsmarkt wird, Umfragen zufolge mit überwältigender Mehrheit für die Gleichberechtigung von Personen aus der LGBT-Gemeinde sind.

          Gleichzeitig Werbung für Apple

          Gegen Diskriminierung zu kämpfen, hilft Unternehmen auch, von ihren eigenen Defiziten in punkto Vielfalt etwas abzulenken. Insbesondere die Technologiebranche muss sich vorhalten lassen, dass in ihren Belegschaften ein Mangel an Vielfalt herrscht und das Geschehen klar von weißen Männern dominiert wird. In Unternehmen wie Google oder Facebook sind kaum mehr als 30 Prozent der Mitarbeiter weiblich. Der Fahrdienst Uber musste sich kürzlich von einer früheren Mitarbeiterin vorwerfen lassen, bei ihm herrsche ein sexistisches Arbeitsklima. Eine 2016 veröffentlichte Studie der staatlichen amerikanischen Gleichstellungsbehörde EEOC kam zu dem Ergebnis, dass der Frauenanteil in der Technologieindustrie weit unter dem Durchschnitt aller Branchen liegt. Gleiches gilt für den Anteil von Afroamerikanern oder Latinos.

          Unternehmen haben womöglich außerdem nicht allzu viel zu verlieren, wenn sie ihren Namen für LGBT-Rechte hergeben. Eine im vergangenen Jahr herausgekommene Studie zweier amerikanischer Wirtschaftsprofessoren ging der Frage nach, wie sich Tim Cooks Aktivismus in Indiana auf das Geschäft von Apple ausgewirkt haben könnte. Befragungen von Verbrauchern ergaben, Cook habe mit seinem Engagement eher zusätzliches Interesse am Kauf von Apple-Produkten geweckt als Kunden verprellt. Der Chef von Apple hat freilich auch noch ein persönliches Motiv für seinen Einsatz. Er hat sich 2014 als schwul geoutet, ist also selbst Teil der LGBT-Gemeinde.

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