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Outsourcing : Auch Indiens Ingenieure sind nicht mehr billig

Indiens Ingenieure wollen mehr Geld Bild: dpa

Ein wunderbarer Arbeitsplatz, Aufstiegschancen, ein hohes Gehalt: Das galt dem Softwarespezialisten Infosys einmal als Wettbewerbsvorteil. Aus und vorbei. Arbeitnehmer in Indien werden anspruchsvoller.

          3 Min.

          Ein See mit Ruderbooten, weitläufige Parks, Freiluftkantinen, die an die Terrassen von Edel-Italienern erinnern - wer bei der Infosys Technologies Ltd. im indischen Bangalore arbeitet, scheint sein Glück gemacht zu haben.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          „Wir haben hier eher einen Campus als ein Unternehmen“, sagt Infosys-Mitbegründer und Chief Operating Officer S. Gopalakrishnan. Er braucht die Universitätsatmosphäre, denn er will die Talente des Landes abschöpfen. Dafür bietet er einen wunderbaren Arbeitsplatz, Aufstiegschancen, ein hohes Gehalt. Denn die Arbeitnehmer in Indien werden anspruchsvoller.

          „Die Löhne in Indien steigen schneller als in Amerika“

          Am Mittwoch bekamen das die Börsianer in Bombay (Mumbai) zu spüren. Zwar stieg der Index auf einen Rekordstand, doch verloren die Aktien der großen Softwarekonzerne des Landes. Ausgerechnet die Aushängeschilder des indischen Wirtschaftswunders, Infosys, Tata Consultancy und Wipro, verloren im Handel mehr als 2 Prozent. Der Grund: ein 163 Seiten langer, trocken und formal gehaltener Bericht, den Infosys der amerikanischen Börsenaufsicht SEC am Dienstag übergeben hatte. Darin geht es um die Umwandlung von Anteilsscheinen in Aktien - doch das interessierte die Börsianer kaum. Wichtiger waren ein paar Nebensätze: In ihnen warnen die Inder davor, unter Umständen ihre Margen nicht halten zu können. Einer der Gründe: steigende Gehälter.

          Eine Begründung, die zweifelsohne überrascht, kommt sie doch aus dem gelobten Land des Billiglohns. Doch warnen die Infosys-Manager: „Die Löhne in Indien steigen schneller als in Amerika, was zu wachsenden Kosten für Techniker führt. Zusätzlich hat Indien in diesem Jahr im Durchschnitt die höchsten Lohnsteigerungen in der gesamten Region Asien/Pazifik verzeichnet, besonders ausgeprägt in der Technologiebranche.“ Eine Sprecherin des Konzerns sagte, die Gehälter im Gesamtkonzern seien von 2003 auf 2004 um 17 Prozent gestiegen. Eine Prognose für weitere Steigerungsraten konnte sie nicht abgeben. Im Bericht heißt es: „Im Geschäftsjahr 2004 und 2003 lag unser Reingewinn bei 25,4 und 25,9 Prozent des Gesamtumsatzes im Vergleich zu 30,1 Prozent im Jahr 2002.

          Wechselrate bei unterdurchschnittlichen 10,5 Prozent im Jahr

          Dieser Rückgang spiegelt den Preisdruck für unsere Dienstleistungen wider, die Volatilität der Rupie gegenüber dem Dollar und den wachsenden Gehaltsdruck in Indien. Der entsteht unter anderem durch den Mangel an gut ausgebildeten Arbeitskräften, aber auch durch die ausgeprägte Bereitschaft der Mitarbeiter zum Wechsel. Beispiel Infosys: Allein in diesem Jahr hat das Unternehmen nur im Mutterkonzern 8.000 neue Mitarbeiter eingestellt. „Es könnte aber sein, daß wir nicht in der Lage sein werden, diejenigen zu ersetzen, die (zur Konkurrenz) gehen“, warnt Infosys nun. Dabei steht das wohl bekannteste indische Softwareunternehmen noch relativ gut da: Bei Infosys liegt die Wechselrate bei unterdurchschnittlichen 10,5 Prozent im Jahr. „Im Schnitt unserer Branche liegt die Rate dagegen bei etwa 20 Prozent der Belegschaft im Jahr.“

          Obwohl Infosys im Vergleich relativ gut dasteht, liegt die Schlußfolgerung auf der Hand: „Wir müssen die Gehälter unserer Mitarbeiter wohl schneller als in der Vergangenheit anheben, um wettbewerbsfähig gegenüber anderen Arbeitgebern bleiben zu können.“ Vom schnellen Wechsel wissen alle Technologieunternehmen in Indien ein Lied zu singen; entsprechend verhalten sie sich. Nicht weit von Infosys entfernt liegt die Indien-Niederlassung der Walldorfer SAP AG. Sie zahle ihren guten Mitarbeitern im Durchschnitt mindestens 15 Prozent mehr Gehalt - Jahr für Jahr. Anfang des Jahres lag das Durchschnittsgehalt der Softwareentwickler in Bangalore bei umgerechnet rund 8.000 Euro jährlich, schätzen dortige Manager. Heute sei unter 9.000 Euro kaum noch jemand zu bekommen.

          Bevölkerung auf sieben Millionen verdreifacht

          8.000 Euro, 9.000 Euro jährlich sind ein Vermögen in Indien. Und doch steigen auch die Kosten der Mitarbeiter, steigt der Drang, die einst grüne Stadt Bangalore zu verlassen. Mehr als 1.300 Software- und Outsourcing-Unternehmen haben sich in der Gartenstadt angesiedelt und beschäftigen mehr als 200.000 Menschen. Innerhalb einer Dekade hat sich die Bevölkerung der Stadt auf sieben Millionen verdreifacht - und deren Infrastruktur fast zum Erliegen gebracht. Atul Jalan, Geschäftsführer bei Manthan Systems, erzählt, er habe bis vor einem Jahr nur ein paar Minuten für den sieben Kilometer langen Weg zur Arbeit gebraucht. Heute sei es mehr als eine Stunde. Zugleich steigen die Mieten rasant. Unter solchen Bedingungen ist auch für die jungen Inder ein hohes Gehalt nicht mehr alles. Und so fordern sie einen Zuschlag.

          Doch nicht nur das Hochtechnologie-Mekka Bangalore schafft den Unternehmen Probleme. Flüchten sie in andere Bundesstaaten, sieht es womöglich noch schlechter aus. Die Infosys-Manager verweisen auf ihren zweiten Standort in Pune - wo im übrigen auch Daimler-Chrysler seine Fabrik hat. „Gerade hat die Landesregierung von einigen Arbeitgebern eingefordert, bestimmte unterrepräsentierte Volksgruppen bei der Einstellung zu bevorzugen. Wenn diese Gesetzgebung wirksam wird, dürfte unsere Möglichkeit, die Höchstqualifizierten einzustellen, eingeschränkt werden“, klagen die Infosys-Manager.

          Der Druck auf das Unternehmen erhöhe sich noch durch die wachsende Konkurrenz „von Technologie-Dienstleistern, die derzeit in anderen Ländern arbeiten wie in China oder auf den Philippinen“. Auch aufgrund dieses Konkurrenzdrucks erwartet Infosys steigende Kosten für Marketing und Verkauf seiner Dienstleistungen und Produkte. Als Antwort auf die rasant wachsende Konkurrenz wollen die Inder ihren eigenen Auftritt in China und Osteuropa ausbauen.

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