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Online-Händler : Amazon-Mitarbeiter kämpfen für Betriebsräte

Amazon-Logistikzentrum Bad Hersfeld Bild: dpa

Zu wenig Lohn, zu wenig Respekt, zu viel kurzfristige Mehrarbeit: Die Angestellten mehrerer deutscher Lagerstandorte fordern mehr Mitbestimmung.

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          Das Ziel des Onlinehändlers Amazon ist es, „das kundenzentrierteste Unternehmen der Welt zu sein“. So steht es unter anderem auf der deutschen Internetseite des Unternehmens aus Amerika. Die lange Kette an Händen, die dazu beitragen, dass auch die deutsche Amazon GmbH ihre Kunden in den Mittelpunkt stellen kann, sehen diese aber so gut wie gar nicht. Für den Konsumenten ist allenfalls das letzte Glied sichtbar: der Paketbote, der an der Wohnungstür das Päckchen überreicht.

          Martin Gropp
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch in jüngster Zeit versuchen die ersten Glieder der Logistikkette, sich mehr Gehör zu verschaffen. Zuletzt rief dazu am Montag die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in Koblenz auf. In der rheinland-pfälzischen Stadt hatte der Versandhändler Mitte September einen neuen Auslieferstandort mit derzeit rund 200 Mitarbeitern in Betrieb genommen. Laut Verdi soll dort ein Betriebsrat gegründet werden, um mehr Mitsprache und bessere Arbeitsbedingungen zu erstreiten. Binnen drei Jahren sollen in Koblenz nach Amazon-Angaben bis zu 1000 langfristig angestellte Mitarbeiter dort tätig werden und bis zu 2000 saisonale Arbeitskräfte.

          Nicht nur in Koblenz organisieren sich die Mitarbeiter

          Koblenz ist nicht der erste Standort, an dem Amazon-Mitarbeiter versuchen, Betriebsräte zu gründen. Das Unternehmen stellt sich dabei generell auch nicht quer: An allen sieben deutschen Logistikstandorten gebe es sogenannte Mitarbeiterforen, die die Kommunikation zwischen Arbeitern und Management fördern sollen, teilt Amazon auf Anfrage mit. Und: „Wenn unsere Mitarbeiter die Etablierung eines Betriebsrat möchten, so fördern wir dies ebenso wie jedes andere Gremium, das eine kontinuierliche Kommunikation gewährleistet.“

          Gewählte Betriebsräte existieren nach Angaben von Verdi zurzeit an den Logistik-Standorten Bad Hersfeld sowie Leipzig. Zuletzt hatten aber auch Mitarbeiter der nordrhein-westfälischen Standorte Rheinberg und Werne begonnen, sich in Mitarbeitervertretungen zu organisieren. Sie beklagten ähnlich wie die Koblenzer Kollegen drei Punkte. Zum einen kündige Amazon häufig zu spät an, wenn Mitarbeiter am Abend länger bleiben oder kurzfristig Wochenendschichten übernehmen müssen, um aufgelaufene Bestellungen abzuarbeiten. Dieses Vorgehen greife zu sehr in das Privatleben der Mitarbeiter ein, sagt Sabine Busch, Verdi-Sekretärin für den für Rheinberg zuständigen Bezirk Linker Niederrhein. Außerdem beklagt die Gewerkschaft, dass die Logistik-Mitarbeiter unter dem Tariflohn bezahlt werden würden: Ein Kommissionierer erhalte bei Amazon 9,83 Euro Stundenlohn, wohingegen der geltende Tarifvertrag 12,28 Euro vorsehe. Und schließlich bringe Amazon seinen Logistik-Mitarbeitern generell nur wenig Respekt entgegen, kontrolliere über die elektronischen Handscanner, die ein Paketpacker benutzt, die Produktivität und behandle sie als reine Arbeitskraft.

          Amazon: „Wir behandeln Mitarbeiter mit Respekt“

          Was die Arbeitszeit betrifft, hält Amazon entgegen: Weil das Unternehmen Kundenwünsche zu erfüllen habe und saisonalen Absatzschwankungen unterliege, könnten Überstunden auch trotz sorgfältigster Planung erforderlich werden. Dabei stelle das Unternehmen aber sicher, dass die gesetzliche Höchstarbeitszeit nicht überschritten werde. Außerdem sorge man „so weit möglich dafür, dass Überstunden mit den persönlichen Verpflichtungen zu vereinbaren sind“. Dringende persönliche Pflichten würden dabei immer beachtet. Generell behandle man Mitarbeiter mit Respekt, heißt es weiter.

          Beim Thema Lohn verweist das Unternehmen darauf, dass die Mitarbeiter für die jeweiligen Regionen „wettbewerbsfähige Löhne und Gehälter“ erhalten. Daneben könnten Mitarbeiter einen leistungsbezogenen Bonus erhalten.

          Verdi will weiter für eine betriebliche Vertretung der Amazon-Arbeitnehmer kämpfen - sowohl in Rheinberg als auch in Koblenz. „Wir wissen aus Erfahrung, dass Amazon nicht freiwillig von seiner Richtung abweicht und nur widerwillig Zugeständnisse macht“, sagte die Verdi-Handelsexpertin am Montag in Koblenz.

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