https://www.faz.net/-gqe-86ids

Offene W-Lan-Netze : Freies Internet für alle

Wo ist jetzt das Netz? Zwei Touristinnen auf dem Römerberg in Frankfurt. Bild: dpa

In großen Städten können sich die Menschen bald über offene W-Lan-Netze überall ins Internet einwählen. Das klingt zu schön, um wahr zu sein.

          Für Frankfurt war es ein schöner Tag. Stadtrat Jan Schneider war extra gekommen, um den Fortschritt zu verkünden. Selbst das Hessische Wirtschaftsministerium schickte vergangene Woche einen Vertreter für den Startschuss des großen Projekts in die Bankenstadt: Denn jetzt endlich gibt es kostenloses W-Lan, die Kurzform für „Wireless Local Area Network“, in der Stadt. Seit Anfang August können sich die Menschen an mehreren Hotspots mit Smartphone oder Tabletcomputer ins Internet einwählen und stundenlang schnell (und möglichst sicher) surfen: E-Mails beantworten, Zeitung lesen, online Musik hören. Und das nicht nur in Frankfurt (da ist man nur besonders weit), sondern auch in vielen anderen Städten.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Deutschland will nicht mehr W-Lan-Wüste sein, wie es sonst immer so unschmeichelhaft heißt, auch im Juli noch in dieser Zeitung. Das Land will bieten, was viele andere Industrienationen schon zu bieten haben, meist unter dem Namen Wifi. In Südkorea, Japan, den Vereinigten Staaten oder auch Skandinavien sind solche Netze fast schon flächendeckend zu finden: in Straßenbahnen und Bussen, auf den wichtigsten Plätzen der Stadt, in Cafés, am Flughafen und in Bahnhöfen sowieso.

          Allein: Die W-Lanisierung Deutschlands, wie das die Anbieter nennen, schreitet schleppend voran, sehr schleppend. Das kann man in Frankfurt besonders gut sehen. Immerhin hat man dort mit Jan Schneider (Jahrgang 1981) einen Stadtrat, der für die städtische IT und das E-Government eigens zuständig ist. Das klingt nach einem großen Anliegen. Und Schneider hat nun monatelang mit dem Kabelbetreiber Unitymedia verhandelt, um an verschiedenen öffentlichen Plätzen Frankfurtern und Touristen das kostenlose Surfen im Internet zu ermöglichen.

          Funktioniert bestens, allerdings ohne Verschlüsselung

          Zwanzig graue Kästen, genauer gesagt: „Zugangspunkte“, hat das Unternehmen in der Innenstadt installiert. Von dort aus kann sich jeder mit seinem Smartphone einwählen. Er muss nur seine Handynummer registrieren lassen, dann schickt ihm Unitymedia ein Passwort zu. Sobald dies eingegeben ist, steht dem grenzenlosen Surfvergnügen nichts mehr entgegen. Das funktioniert bestens, jedenfalls solange man keinen Wert darauf legt, die Verbindung zwischen Smartphone und Kasten verschlüsseln zu lassen (was allerdings ratsam wäre). Einen verschlüsselten Zugang bietet das Unternehmen jetzt zwar schon an, aber diese Nutzung ist wesentlich komplizierter. Dazu muss man zunächst mehrere Einstellungen in seinem Smartphone ändern, erst dann kann es losgehen. Hat man sich allerdings einmal angemeldet, ist die Nutzung denkbar einfach.

          Ein Hotspot-Schild am Flughafen Münster-Osnabrück

          Klingt zu schön, um wahr zu sein? Ist es auch. Jedenfalls wenn man es nach der Anmeldung wagt, sich außerhalb des 100-Meter-Radius zu bewegen, den diese grauen Kästen abdecken können. Vielleicht noch 150 Meter, aber mehr ist nicht drin. Dann wird die Internetverbindung schlagartig getrennt, und alles ist so, wie es schon immer war: Der Empfang ist schlecht, es dauert eine ganze Ewigkeit, bis sich Internetseiten aufbauen. Von Online-Streaming-Diensten sollte man lieber ganz die Finger lassen, das nervt nur.

          Deshalb darf es bei diesen zwanzig Hotspots nicht bleiben, es müssen unzählige werden. Am besten sollten sie alle im Abstand von maximal 100 Meter voneinander stehen, damit es eine Komplettabdeckung gibt. Die Lücken könnten zum Beispiel die umliegenden Läden und Cafés schließen. Auch dafür hat Unitymedia schon eine Lösung parat, die sich „Powerspot“ nennt. Anders als die Nutzer auf der Straße müssten diese Läden Unitymedia natürlich bezahlen. Dafür können diese dann ihren Kunden auch einen ganz besonderen Service bieten: offenes W-Lan eben. Ihre Zugangsseite dazu können Cafébesitzer ganz frei gestalten, zum Beispiel mit dem Angebot des Tages. So käme eins zum anderen, und bald könnte sich ein lückenloses Netz über die Stadt legen, das alle beglückt.

          W-Lan kommt hierzulande nur langsam voran

          So weit sind wir zwar noch lange nicht. Aber weder Stadtrat Schneider noch die fröhlichen Mitarbeiter von Unitymedia lassen sich bei ihrem Startschuss durch solche mühseligen Aussichten die Stimmung verhageln. Denn sie haben wahrhaft Großes vor. Frankfurt ist erst der Anfang, bis zum Ende des Jahres sollen noch hundert Städte hinzukommen, zumindest in den drei Bundesländern, die zum Herrschaftsbereich von Unitymedia gehören: Hessen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Für andere Städte sind andere Kabelbetreiber zuständig: In Bremen hat zum Beispiel Kabel Deutschland Ähnliches aufgezogen.

          W-Lan kommt in Deutschland nur sehr langsam voran – ganz anders als in vielen Ländern. Das hat viele Gründe, vor allen Dingen rechtliche. Denn derzeit hat eigentlich keine Privatperson etwas davon, ihr W-Lan-Netz zu Hause oder über ihr Handy zu teilen – außer Ärger. Denn sie trägt die Verantwortung dafür, dass niemand über sein Netz illegal Videos oder Musik herunterlädt. Deshalb verschließt man sein Netz lieber mit einem Passwort und lässt niemanden rein. Dann steht auch nicht der Staatsanwalt vor der Tür, wenn Produktionsfirmen solche Verstöße melden.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Das ist der Grund, warum man mit seinem Smartphone durch die Stadt laufen kann, unzählige W-Lan-Netze angezeigt bekommt und doch keins benutzen kann. Nur einige tausend Idealisten, auch Freifunker genannt, haben sich zu vielen kleinen Netzen zusammengeschlossen, um ihre Infrastruktur dem Gemeinwohl zur Verfügung zu stellen. Von den insgesamt nur etwa 15000 frei zugänglichen Netzen in Deutschland stammen zwei Drittel von der Freifunk-Initiative, dabei ist das kostenlose W-Lan nur ein Randprodukt ihrer Vernetzung.

          Auch die Deutsche Telekom stellt einen beträchtlichen Teil, allerdings nicht gerade aus Nächstenliebe. Sie betreibt die Netze von Flughäfen, McDonald’s und der Deutschen Bahn, die ihren Kunden diese Dienste mal kostenlos, mal kostenpflichtig zur Verfügung stellen. Auch dort läuft es nicht rund. Gerade häufen sich die Beschwerden, dass das W-Lan-Netz in den ICE-Zügen überlastet ist. Inzwischen wollen einfach zu viele Menschen diesen Service nutzen. Dabei ist er nur in der ersten Klasse kostenlos. In der zweiten Klasse müssen die Kunden extra für ihren Zugang zahlen.

          Deutschland sieht rückständig aus

          Das ist das zerklüftete Bild, das sich derzeit ergibt und das Deutschland so rückständig aussehen lässt. In anderen Ländern ist das anders, deshalb ist dort das W-Lan-Netz viel dichter als bei uns. Und deshalb ist es ein solch mühseliges Geschäft, es hier auszurollen.

          Stadtrat Schneider freut sich trotzdem, durch das neue offene W-Lan-Angebot die Attraktivität der „Messemetropole Frankfurt“ weiter steigern zu können. Sicherlich, in München gebe es auch schon offenes W-Lan, räumt er ein, aber auch das ist alles andere als flächendeckend zu nennen. Außerdem steckt dort die Stadt München über ihre Stadtwerke viel Geld in die Infrastruktur. Stadtrat Schneider hingegen ist stolz darauf, dass Frankfurt keinen Cent für diesen Dienst am Bürger lockermachen muss. Das überlässt er lieber dem freien Spiel der Märkte.

          Dies scheint auch zu klappen, jedenfalls stellt Unitymedia seine Infrastruktur zur Verfügung. Die zwanzig Hotspots zu installieren kostet Geld, wie viel will Unitymedia nicht sagen. Nun ist ein privatwirtschaftlich handelndes Unternehmen kein sozialer Verein, weshalb die Vermutung naheliegt, dass die Kunden im Zweifel mit der wichtigsten Währung des Internetzeitalters bezahlen – ihren Daten.

          Die beschränkten sich allerdings ohnehin nur auf die Handynummer, sagt Matthias Emmermann, bei Unitymedia verantwortlich für „Business Development Wifi“. Die dabei anfallenden Daten würden nicht ausgewertet und nur innerhalb der gesetzlichen Fristen gespeichert, versichert er. Das sei nun einmal nötig, damit bei möglichen illegalen Downloads die Staatsanwaltschaft auch weiß, an wen sie sich zu wenden hat. Außerdem lässt sich ja durch die Kooperation mit den Läden Geld verdienen.

          Der Nutzer, so viel ist jedenfalls klar, muss keinen Cent für diesen Service ausgeben. Er kann mit einer Geschwindigkeit von 10 Megabit je Sekunde surfen, so lange, bis das Tageslimit von 100 Megabyte verbraucht ist. Danach geht es für den Rest des Tages wesentlich langsamer weiter. Aber das ist doch schon mal ein guter Anfang.

          Weitere Themen

          Ja mei, die jungen Leute

          Aufwachsen in München : Ja mei, die jungen Leute

          München ist das teuerste Pflaster Deutschlands. Das ist hart für Jugendliche und Heranwachsende, die noch kaum Geld verdienen. Die Stadt hilft ihnen, indem sie bei zivilem Ungehorsam wegschaut.

          Topmeldungen

          Eckpunktepapier : Ist das Klimapaket eine Mogelpackung?

          Umweltverbände halten das „Klimaschutzprogramm 2030“ für unzureichend und werfen der Bundesregierung Ignoranz vor. Aus der Wirtschaft gibt es mehr Lob, doch auch dort gibt es Zweifel an dem Paket.
          Den Jakobsweg läuft man nicht an einem Wochenende. Das geht nur mit einer Auszeit.

          Die Karrierefrage : Wie komme ich an ein Sabbatical?

          Einfach mal die Seele baumeln lassen, Kraft tanken, den Horizont erweitern: Eine Auszeit vom Beruf wollen viele. Wie aus dem Wunsch Wirklichkeit wird, erfahren Sie hier.
          Das Baden ist untersagt, aber es kostet nichts: Schwanenpaar mit menschlichen Passagieren auf dem Eisbach im Englischen Garten

          Aufwachsen in München : Ja mei, die jungen Leute

          München ist das teuerste Pflaster Deutschlands. Das ist hart für Jugendliche und Heranwachsende, die noch kaum Geld verdienen. Die Stadt hilft ihnen, indem sie bei zivilem Ungehorsam wegschaut.

          Bundesliga im Liveticker : O’zapft is!

          Der FC Bayern spielt am ersten Wiesn-Samstag mit Coutinho und Perisic in der Startelf gegen Köln. Thomas Müller sitzt zunächst am Tresen. Verfolgen Sie die Spiele im Liveticker.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.