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NSA-Affäre : Die Chance des industriellen Internets

  • -Aktualisiert am

Massenhafte Datenüberwachung verhindern: Das Stichwort Verschlüsselung ist entscheidend Bild: dpa

Die Vernetzung von Industrie und Internet ist die große Zukunftschance der deutschen Volkswirtschaft. In der aktuellen Datenschutz-Debatte hilft deshalb nur Pragmatismus weiter - nicht Angst.

          Das Vorbild ist Deutschland. Denn in Deutschland gibt es die modernsten Produktionsverfahren der Industrie – auf der Welt. Das haben Amerikaner herausgefunden, Wissenschaftler vom angesehenen Massachusetts Institute of Technology (MIT): In ihren Analysen heißt es unter anderem, dass deutsche Unternehmen besonders deshalb so erfolgreich sind, weil sie sich ständig neu erfinden. Im Mittelpunkt stehe dabei die digitale Revolution der Industrieproduktion.

          Tatsächlich ist Deutschland das Land, in dem die neuen Technologien entwickelt werden, die dazu in der Lage sind, Fabriken, Energie-, Verkehrs- und Datennetze miteinander zu verknüpfen. Gedacht wird dabei an Einsatzgebiete wie intelligente Stromnetze, gebäudetechnische Systeme, Elektromobilität und natürlich modernste Produktionsverfahren. Das Fazit der Fachleute des MIT fällt eindeutig aus: In Deutschland stehen die Fabriken der Zukunft.

          Das „industrielle Internet“ ist die Zukunft

          Das könnte stimmen. In der Vernetzung der Produktion und anderer Abläufe in der Wirtschaft mit dem Internet liegt tatsächlich die große Zukunftschance, die die deutsche Volkswirtschaft hat, um auch in der Informationstechnologie an die Weltspitze zu kommen. Der Begriff „industrielles Internet“ beschreibt die Entwicklung dabei besser als das abstrakte „Industrie 4.0“ oder das „Internet der Dinge“. Gemeint ist aber letztlich stets dasselbe: Mit Software und Netzwerktechnik Maschinen, Autos oder Kraftwerke so zu verbinden, dass man die deutsche Stärke im Auto- und Maschinenbau in die digitale Welt übertragen kann.

          Geht es darum, aus den Abhörskandalen des amerikanischen Geheimdienstes NSA, des britischen Geheimdienstes und anderer Nachrichtendienste aus dem Ausland die richtigen Lehren zu ziehen, sollte man deshalb zuerst auf diese Entwicklung schauen. Wenn es gilt, in der europäischen Informationstechnologie gegenüber den Amerikanern wieder selbstbewusster aufzutreten, liegen hier die Möglichkeiten dazu. Wie ernst man bilaterale „No spy“-Abkommen nehmen kann, sollten sie überhaupt zustande kommen, ist hingegen zweifelhaft.

          Verbindliche Verträge, Verschlüsselung und Kontrolle

          Und selbst wenn es gelingt, bestimmte Internetverkehre ausschließlich innerhalb der Unterzeichnerstaaten des Schengen-Abkommens und deutsche Telefonate nur noch über deutsche Server ablaufen zu lassen, wäre das zwar ein Fortschritt, aber auch nicht die Lösung aller Schwierigkeiten. Die Entwicklung einer europäischen Suchmaschine, die ohnehin schon vergeblich versucht worden ist, kann man sich ebenfalls sparen. Eine neue Computerarchitektur braucht man nicht zu entwickeln, das Mobiltelefon nicht noch einmal zu erfinden. Diese Züge sind abgefahren, aber es fahren neue in den Bahnhof ein, auf die es aufzuspringen gilt.

          In der aktuellen Datenschutz-Debatte hilft deshalb nur Pragmatismus weiter. Denn wenn man über die NSA-Skandale das Vertrauen in Demokratie und Rechtsstaat verliert, ist sowieso alles nichts mehr. Das ist die Aufgabe der Politik: Sie muss verbindliche Verträge abschließen, deren Einhaltung sich auch kontrollieren lässt. Die Kontrolle der Geheimdienste muss gestärkt und es muss umfassend aufgeklärt werden. Zudem sind den Menschen Möglichkeiten in die Hand zu geben, ihre Kommunikation wirksam zu verschlüsseln. Die Aufgabe der Politiker ist es aber nicht, mit Subventionen europäische IT-Totgeburten zu züchten, die gegen Weltstandards ohnehin keine Chance haben.

          Die Amerikaner zu meiden ist naiver Populismus

          Das ist die Aufgabe der Industrie: um das Vertrauen für ihre Produkte zu kämpfen. Sie muss alles in ihrer Kraft stehende tun, um massenhafte Datenüberwachung zu verhindern. Auch hier ist das Stichwort Verschlüsselung entscheidend; erste Schritte in diese Richtung sind erkennbar, zum Beispiel bei Yahoo. Wenn das Geschäftsmodell „Cloud“ funktionieren soll, haben die Anbieter keine andere Chance, als hier stetig nachzubessern. Und das ist die Aufgabe der Menschen: wachsamer als bisher mit Daten umzugehen, bewusster zu entscheiden, was wem auf welchem Weg mitgeteilt wird.

          Sie sollten aber trotzdem die Chancen der modernen Informationstechnologie weiter nutzen, besonders dann, wenn es darum geht, die eigenen Unternehmen in einer globalisierten Welt wettbewerbsfähig zu halten. Ein funktionierendes industrielles Internet, intelligente Verkehrs- und Stromnetze – das wären Angebote, für die es sich lohnt, in eine deutsche oder europäische Informationstechnologie zu investieren.

          Dabei muss man den Amerikanern die Bühne nach Personalcomputer und Internet nicht ein drittes Mal überlassen. Mit ihnen aber nichts mehr zu tun haben zu wollen ist naiver Populismus und hilft in Fragen der Spionage so viel weiter wie die Aufforderung, die bisherigen Computer wegzuschmeißen.

          Wenn man einen Ertrinkenden retten will, lässt man nicht das Wasser ab, sondern zieht ihn aus dem Wasser. Langfristig geht es darum, dass die Europäer im Meer der Daten besser schwimmen können. Das industrielle Internet ist hierfür der Schwimmkurs; die Wissenschaftler des MIT haben das erkannt. Die NSA-Debatte ist der Fingerzeig, diesen Kurs ohne Angst und mit Kraft fortzusetzen.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

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