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Nokia : Ein Brandbrief vom Chef

Alarm bei Nokia: Man stehe auf einer „brennenden Bohrinsel”, sagt Konzernchef Stephan Elop Bild: dpa

Nokia war mal die unangefochtene Nummer eins in Handymarkt, jetzt gleicht es einem schwankenden Riesen. Die Aussichten sind düster. So düster, dass selbst Nokia-Chef Elop über das eigene Unternehmen lästern soll.

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          Pressesprecher von Nokia haben derzeit eine Aufgabe, um die man sie nicht beneiden muss. Bis Freitag lautet ihre Devise: Schweigen, nicht sprechen. Dann will ihr Chef, der Vorstandsvorsitzende Stephen Elop, der Welt die neue Zukunftsstrategie des finnischen Handykonzerns präsentieren. Und die Welt wartet gespannt. Den Nimbus des größten und besten Mobilfunk-Herstellers auf dem Globus haben die Finnen seit einiger Zeit verloren. Viele sehen stattdessen einen Riesen, der schwankt.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Elop wählt ein anderes Bild. Die einstige Microsoft-Führungskraft seit erst seit September an der Nokia-Spitze und spricht nun von seinem Unternehmen als einer „brennenden Plattform“, auf die man noch selbst Benzin gegossen habe. Diese unglaublichen Formulierungen stehen in einem Memo, das Elop angeblich an seine Mitarbeiter geschrieben hat. „Angeblich“, weil der Konzern aus Espoo sich gerade dazu gar nicht äußern will. Ist der Text, der in einem internen Mitarbeitersystem aufgetaucht sein soll, echt oder eine Fälschung? „Kein Kommentar.“

          Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich wirklich um einen, im wahrsten Sinne des Wortes, Brandbrief aus Elops Feder handelt, ist allerdings groß. Das Internet-Technikblog Engadget, das die rund 1300 Wörter veröffentlicht hat, gilt als im Konzern gut verdrahtet und schwört Stein und Bein: „It‘s real“ – es ist echt. Das hätten mehrere glaubhafte Quellen bestätigt. Engadget spricht von einem der aufregendsten und interessantesten Chef-Memos, die man jemals zu Gesicht bekommen habe.

          Apples Marktanteil stieg auf 61 Prozent

          Dem lässt sich nur zustimmen: „Wir hatten eine Reihe von Fehlschlägen. Wir haben nicht schnell genug Innovationen geliefert. Wir arbeiten intern nicht gut zusammen. Nokia, unsere Plattform, brennt“, schreibt Elop. Kann man es drastischer ausdrücken? Passend zu dieser Diagnose veröffentlichte das Marktforschungsunternehmen Gartner am Mittwoch Zahlen, die die Misere illustrieren. Demnach verkaufte Nokia 2010 gut 461 Millionen Mobiltelefone. Das sind zwar rund 20 Millionen mehr als im Jahr davor. In dem schnell wachsenden Geschäft kommt dies aber einem Verlust von Marktanteilen gleich.

          Besonders deutlich wird das im lukrativen Smartphone-Markt. Das Google-Betriebssystem Android breitet sich schnell aus und zog im vierten Quartal mit der Symbian-Plattform von Nokia zumindest gleich. Im Gesamtjahr 2010 steigerte Android seinen Anteil im Smartphone-Markt von gerade 3,9 auf 22,7 Prozent. Nokia hielt mit 37,6 Prozent die Spitzenposition; 2009 hatten die Finnen allerdings das Geschäft mit den internetfähigen Mulitmedia-Handys noch mit 46,9 Prozent klar dominiert.

          In der Wirtschaft gilt es als unschicklich, öffentlich über Konkurrenten zu reden. Genau das tut Elop nun aber in dem internen Memo, was wohl auch ein Grund für das eiserne öffentliche Schweigen des Handykonzerns ist. 2008 habe Apples Marktanteil im Bereich der Handys, die 300 Dollar und teurer sind, bei 25 Prozent gelegen. 2010 sei er auf 61 Prozent geklettert. „Sie haben das Spiel verändert, und heute haben sie das Sagen im High-End-Bereich. Google habe mit Android eine Betriebsplattform errichtet, die Entwickler, Telefon-Gesellschaften und Handy-Hersteller gleichermaßen attraktiv fänden. „Google hat eine Anziehungskraft entwickelt, die einen Gutteil der Innovationen der Branche zu sich zieht.“ Und Nokia? „Das erste iPhone erschien 2007, und wir haben immer noch kein Produkt, das ihm auch nur nahekommt. Android ist vor gerade zwei Jahren auf der Bildfläche aufgetaucht, und in dieser Woche haben sie uns als Marktführer abgelöst“, konstatiert Elop und wettert: „Unglaublich.“

          Sie verweisen auf „erstaunliche Fehler“ in dem Papier

          Allein die Vorstellung, in welchem Tonfall der Nokia-Chef die Missstände seinen Managern unter die Nase reibt, erstaunt. Einige Fachleute wollen deshalb auch nicht glauben, dass Elop so vom Leder zieht. Sie verweisen auf „erstaunliche Fehler“ in dem Papier und auf Erfolge des Konzerns, die der Autor nicht einmal angerissen habe. Doch der neue Nokia-Chef muss wenig Rücksichten nehmen. Er ist kein Finne, er hat keine Historie in dem Unternehmen. Und wenn sie schmerzhafte Änderungen durchsetzen wollen, dann erledigen Manager das gerne am Anfang ihrer Regentschaft. Im Fall von Nokia reichen die Spekulationen von einem höchst unwahrscheinlichen Umzug von Finnland ins Silicon Valley bis zu einem Softwarekooperation mit Microsoft und deren neuem Handy-Betriebssystem Windows Phone 7.

          Mit seinem Brandbrief will der 47 Jahre alte Kanadier Elop vermutlich die Rosskur vorbereiten, um die Überraschung am Freitag weniger groß ausfallen zu lassen. Trotzdem warten nun alle gespannt, nicht zuletzt die Presseabteilung, die dann tun darf, wofür sie eigentlich bezahlt wird.

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