https://www.faz.net/-gqe-8lazk

Branchentreff in Monte Carlo : Rückversicherer auf Profilsuche

Ansichten und Portraits vom Branchentreffen der Versicherungsindustrie in Monte Carlo Bild: Philipp Krohn

Auf dem Branchentreff in Monte Carlo steht der digitale Wandel im Vordergrund. Beratungsmöglichkeiten zu Cyberrisiken müssen dauerhaft ausgebaut werden. Bis der Markt reif ist, dauert es allerdings noch.

          3 Min.

          In früheren Jahren gab es auf dem Rückversicherungstreffen in Monte Carlo immer eine klare Arbeitsteilung: Makler beteten die Prämien herunter, um für ihre Kunden aus der Erstversicherung bessere Konditionen herauszuhandeln.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Rückversicherer hielten dagegen, um einem Prämienverfall entgegen zu wirken. In den vergangenen Jahren half alles „Beten“ nichts. Die Preise für die Deckungen von Naturkatastrophen oder große Technologieschäden fielen kontinuierlich. Zu gering war das Schadenaufkommen, zu attraktiv waren dennoch die Margen für Wettbewerber, so dass alternatives Kapital in den Markt hineinströmte.

          Doch in diesem Jahr schieben sich andere Themen im Fürstentum nach vorne. Der große technologische Wandel hin zu einer digitalisierten Wirtschaft verändert auch die Geschäftsmodelle in der Assekuranz.

          Technische Auswirkungen auf die Wertschöpfungskette

          „Neue Technologien wie Digital Analytics und künstliche Intelligenz können Wirkungen durch die gesamte Wertschöpfungskette hindurch haben“, sagt Christian Mumenthaler, der Anfang Juli Michel Liès als Vorstandsvorsitzenden der Swiss Re ersetzt hat.

          In diesem Jahr repräsentiert er seinen Konzern erstmals als Chef auf dem Treffen, auf dem Versicherer, Makler, Ratingagenturen, Berater und Anwälte über die Marktlage diskutieren.

          Marktführer Munich Re ist schon seit Jahren bemüht, eigene Akzente zu setzen und die Diskussionen von Preisen und Konditionen wegzulenken. Ihnen gehe es darum, die Grenzen der Versicherbarkeit permanent zu verschieben, teilten die beiden Vorstände Torsten Jeworrek und Thomas Blunck mit.

          Schon jetzt erziele die Munich Re mit innovativen neuen Deckungen eine halbe Milliarde Euro Prämien. Cyberrisiken und Schutz gegen Epidemien hätten Priorität. „Wir möchten dem wachsenden Bedarf unserer Kunden entsprechen“, sagte Blunck. Daher bauen wir unsere Fähigkeiten bei der Beurteilung der verschiedenen Cyberrisiken systematisch aus.“

          Eine besondere Herausforderung besteht darin, schwer einschätzbare Kumulschäden vorherzusagen – wenn etwa durch einen Cyberangriff ganze Wertschöpfungsketten geschädigt werden.

          Es ist offensichtlich, dass die zunehmende Vernetzung der Wirtschaft neue Risiken für die Industrie entstehen lässt. Doch bis der Markt reif ist, dauert es. Die Munich Re erwartet, dass die globalen Prämien für Cyberversicherungen von 3 Milliarden Dollar bis 2020 auf 8 bis 10 Milliarden Dollar steigen könnten.

          Positive Marktausrichtung für Industrie 4.0

          Wettbewerber Swiss Re hat in den vergangenen Jahren die Erwartungen gebremst, ist aber ebenfalls dabei. „Wir sind dran, neue Versicherungslösungen für Cyberrisiken weiter zu entwickeln. Aber bis sie andere im Volumen einholen, ist es noch ein weiter Weg“, sagt Konzernchef Mumenthaler.

          Generell sieht er durch die digitale Verknüpfung der Wertschöpfungsketten und den Trend zur Industrie 4.0 positive Marktaussichten. „Industrie 4.0 ist eine große Chance für uns, denn je schwieriger und komplexer die Risiken werden, desto besser ist es für uns“, sagt Mumenthaler.

          Schon früher waren Rückversicherer auch für ihre Beratungsdienstleistungen bekannt, mit denen sie Erstversicherer zu Innovationen ermutigten. Inzwischen haben sie diese Rolle intensiviert.

          Sie treiben den Einsatz von Telematik in der Autoversicherung voran und versuchen, die künstliche Intelligenz für eigene Zwecke zu nutzen. Die Swiss Re hat im vergangenen Oktober eine langfristig angelegte exklusive Kooperation mit IBM geschlossen, um auszuloten, wie das Watson-Computerprogramm für die Versicherungswirtschaft genutzt werden kann.

          „Rückversicherer müssen ihre Rolle neu bewerten und anerkennen“

          Die Munich Re gab wenige Tage vor dem Branchentreff in Südfrankreich bekannt, dass sie den kalifornischen Versicherer Trov dabei unterstützt, seine Ad-hoc-Versicherungen per Smartphone auf dem amerikanischen Markt zu etablieren. Allerdings setzt Trov-Gründer Scott Walchek in anderen Märkten auf andere große Partner wie die Axa oder Suncorp, so dass die Partnerschaft für die Munich Re nicht exklusiv ist.

          Wie dringlich die Notwendigkeit ist, sich zu verändern, wurde in Monte Carlo an den Worten von Victoria Carter deutlich, die als stellvertretende Präsidentin den Rückversicherungsmakler Guy Carpenter repräsentiert.

          „Rückversicherer müssen ihre Rolle neu bewerten und anerkennen, dass ihr traditionelles Geschäftsmodell nicht dazu geeignet ist, um die heutigen Bedürfnisse eines gewandelten Umfelds zu bedienen – selbst wenn es weiterhin beträchtliche Umsätze abwirft.“ Es reiche nicht, Schlüsse aus der Vergangenheit zu ziehen, Rückversicherer müssten sich Partnerschaften öffnen – auch mit Fintech-Start-ups.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump und Biden am Dienstag bei der ersten Fernsehdebatte.

          Präsidentenwahlkampf : Trump und die „Proud Boys“

          Donald Trump hatte gehofft, die erste Fernsehdebatte werde die Wende im Präsidentenwahlkampf bringen. Doch sein Auftreten hat das Gegenteil bewirkt – ebenso wie seine Äußerungen zu den „Proud Boys“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.