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Mobilfunk : Netzausbau stößt auf Widerstände

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Nicht immer sind Antennen so fotogen Bild: TÜV Süd

Geschätzt wird der Mobilfunk als Innovationskraft und Wachstumsstimulans. Doch die Antennen, die nötig sind, um die Netzkapazität bereitzustellen, sind unbeliebt. Trotz Fortschrittsenthusiasmus gibt es Ängste wegen der elektromagnetischen Felder.

          Geschätzt wird er vielerorts: der Mobilfunk als Innovationskraft und Wachstumsstimulans. Über 70 Millionen Mobilfunktelefone sind allein in Deutschland im Einsatz. Mit ihnen halten über 60.000 Antennen engen Kontakt, sind permanent empfangsbereit und ermöglichen immer komplexere Datenübertragungen. Allein in Metropolen wie München senden über 960 Antennen.

          Trotz Fortschrittsenthusiasmus brodeln Ängste vor Gesundheitsgefahren durch Elektrosmog unter der Oberfläche. Die Crux: Die Netzqualität wird mit der stärkeren Verbreitung mobiler und komplexerer Datendienste aus Wort, Bild und Musik Schritt halten müssen. Außerdem müssen Betreiber bei Kundenzuwächsen die Netzkapazitäten erweitern. „Das geht nur mit mehr Antennenstandorten“, sagt Markus Jodl, Sprecher der Region Süd von T-Mobile. Letztlich seien daher die Verbraucher die eigentlichen Architekten der Mobilfunknetze.

          Volksbegehren gegen Antennenwald

          In der Kommune ist die Sicht oft eine andere: Kritiker befürchten Antennen-Wildwüchse, Verschandelung des Stadtbilds und immer stärkere elektromagnetische Felder. Gefordert werden daher oft Sperrzonen um Wohngebiete oder sogenannte Negativlisten. Am 5. Dezember 2001 verpflichteten sich die mobilen Netzbetreiber, Gemeinden und Bürger transparent über den Mobilfunk zu informieren und den Verbraucher-, Gesundheits- und Umweltschutz wirksam zu verbessern. Doch trotz vieler Fortschritte bestehen nach wie vor diffuse Ängste und Unsicherheit in Teilen der Bevölkerung.

          Die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖdP) rief in Bayern in den ersten beiden Juli-Wochen sogar zum Volksbegehren auf. Ziel der Umweltinitiative war eine Gesetzesänderung zur grundsätzlichen Genehmigungspflicht von Sendemasten mit der stärkeren Bürgerbeteiligung im Genehmigungsverfahren. Denn nach geltendem Recht brauchen Mobilfunkbetreiber bei Dachstandorten von Antennenhöhen bis zehn Metern - zum Leidwesen vieler Anwohner - lediglich einen Mietvertrag mit dem Grundstücksbesitzer sowie eine Standortbescheinigung der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post.

          Zwar konnte das bayerische Volksbegehren nicht die erforderlichen zehn Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinen. „Über 400.000 Wählerstimmen sprechen allerdings eine deutliche Sprache, auch wenn die elektromagnetischen Felder durch Mobilfunkantennen als gering einzustufen sind“, sagt Thomas Gritsch, Sachverständiger bei der TÜV Industrie Service GmbH, Tochter des TÜV SÜD. Allgemein lägen in der bundesweiten Fläche die Messungen weit unter einen Prozent der zulässigen Immissionsgrenzwerte. Und das gelte selbst für den städtischen Raum, betont der Experte. Gleichwohl können im Nahbereich einzelner Sendeanlagen durchaus 20 Prozent des zulässigen Grenzwertes der Bundes-Immissionschutzverordnung (26. BImSchV) erreicht werden.

          Sperrgebiete bewirken oft das Gegenteil

          Sorgen vor Elektrosmog münden in Rufen nach Sperrgebieten. „Eine Vorbeugung durch pauschale Sperrzonen funktioniert aber meist nicht“, heißt es beim TÜV SÜD. Es klingt paradox. Pauschale Sperrzonen könnten die Strahlenbelastungen sogar verstärken. Denn bei weiter entfernten Antennen müssen die Mobiltelefone eine höhere Sendeleistung aufbringen, was die elektromagnetischen Felder verstärkt. Daher gilt Sachverständigen zufolge: je dichter das Antennennetz, desto niedriger sind grundsätzlich auch die elektromagnetischen Felder.

          „Kaum zielführend und praktikabel ist es, das bestehende und künftige Mobilfunknetz mit starren Sperrzonen in der Bauleitplanung einzufrieren und dann nicht mehr auf künftig veränderte Netzanforderungen - im Sinne aller Betroffener - reagieren zu können“, sagt Rolf Zeitler, Bürgermeister der Stadt Unterschleißheim. Nach Bürgerprotesten um eine Mobilfunkanlage im Stadtgebiet hat er mit Hilfe von Immissionsberechnungen des TÜV SÜD Standortalternativen ermittelt und diese zwischen Stadt, Netzbetreibern und Gutachtern abgestimmt.

          Transparenz und Planungssicherheit scheint auch der Mobilfunkwirtschaft besonders wichtig, will sie ihre Netzhoheit nicht regionalen oder lokalen Sonderwegen unterordnen. „Nicht nur, daß wir einen gesetzlichen Auftrag zur Netzversorgung mit einer unabhängigen Infrastruktur haben. Auch müssen die Netze letztlich wirtschaftlich sein“, sagt Markus Jodl von T-Mobile.

          Immissionsschutz durch Netzplanung

          Die vorbeugende Positivplanung und ihr Ausweis geeigneter Antennenstandorte hat zumindest in über 50 Kommunen und Städten bereits geklappt, berichtet der TÜV SÜD. Kritische Bürger hätten mit realisierbaren Standortalternativen und objektiven Messungen beruhigt werden können. In einem Fall wäre sogar aus rein emissionstechnischen Gründen ein Standort auf einem Kindergartendach sinnvoll gewesen. Derzeit ist aber solch eine Standortalternative trotz neutraler Messdaten in der Praxis kaum durchsetzbar.

          Bevor sich Proteste aus der Kommune regten, leiste die intelligente und vorurteilsfreie Netzplanung wichtige Dienste. „Da niemand weiß, welche gesundheitlichen Auswirkungen durch elektromagnetische Felder eines Tages auftreten könnten, sollte die Minimierung der Strahlenbelastung weiterhin oberstes Ziel sein“, sagt Gritsch.

          Was dabei schnell aus dem Blick gerät, ist die Handy-Telefonie direkt am Ohr. Sie belastet Messtechnikern zufolge den Organismus um ein Hundertfaches stärker, als eine hundert Meter entfernte Antennenanlage.

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