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Netflix : Das große Fernsehspiel

Netflix will auch Deutschland revolutionieren - als Konkurrent der Fernsehsender. Bilderstrecke
Netflix will auch Deutschland revolutionieren - als Konkurrent der Fernsehsender. :

Gegründet hat Hastings Netflix im Jahr 1997, die Idee entstand aus einem Alltagsärgernis. Hastings musste 40 Dollar Säumnisgebühr zahlen, weil er den Film „Apollo 13“ zu spät in eine Videothek zurückgebracht hatte. Er startete Netflix zunächst als Versanddienst, der Kunden gegen monatliche Gebühr DVDs per Post nach Hause lieferte, die sie beliebig lange behalten konnten, Porto inklusive. Wann immer Nutzer eine DVD zurückschickten, kam automatisch die nächste aus einer Favoritenliste. Der Gang zur Videothek entfiel ebenso wie Strafgebühren. Das kam bei den Amerikanern an, und die Kundenzahlen wuchsen rasant.

Aber Hastings hatte viel größere Ambitionen, als DVDs zu versenden. Er wollte sein Unternehmen schon früh zu einem Onlinedienst machen, daher auch der Name Netflix. Die DVDs per Post gibt es zwar in Amerika bis heute, aber es ist ein schrumpfendes Geschäft. Das Gewicht verlagert sich mehr und mehr auf Streaming. Die Kunden spielen Filme oder Fernsehshows also über das Internet ab, ob auf Fernsehern, Computern oder Smartphones. Sie können jederzeit auf eine zwar nicht topaktuelle, aber riesige Bibliothek von Filmen und Fernsehshows zugreifen.

In seinen Auslandsmärkten hat es Netflix gar nicht erst mit DVDs versucht, sondern sich gleich auf Streaming konzentriert, und so wird es auch in Deutschland sein. Netflix ist heute in 40 Ländern vertreten und hat 50 Millionen Streaming-Kunden. Mehr als 70 Prozent davon sind noch in Amerika, aber das Unternehmen erwartet, langfristig die Mehrheit seiner Nutzer im Ausland zu haben.

Netflix spielt beim Medienkonsum der Amerikaner heute eine so große Rolle, dass der Dienst zu Stoßzeiten am Abend für mehr als 30 Prozent des gesamten Datenverkehrs im Internet von Netzbetreibern zu Verbrauchern steht. Mit Netflix hat sich das Fernsehverhalten verändert. Viele Amerikaner geben sich dem „Binge-Watching“ hin, also Fernsehmarathons, bei denen sie etliche Folgen einer Serie hintereinander ansehen. Netflix verführt dazu auch mit seinen selbst produzierten Serien wie „House of Cards“, die auf einen Schlag statt episodenweise veröffentlicht werden.

In dieser neuen Fernsehwelt, bei der jeder sein eigenes Programm zusammenstellt, geht auch einiges verloren. Zum Beispiel morgendliche Gespräche in der Kaffeeküche über die spannende neue Folge von „Breaking Bad“ am Vorabend. Oder auch das gemeinsame Fernseherlebnis zu Hause. Der Netflix-Chef etwa kann sich selbst nicht erinnern, wann er das letzte Mal mit seiner ganzen Familie ferngesehen hat. Der typische Fernsehabend im Hastings-Haushalt sieht eher so aus: Er und seine Frau sehen sich „Mad Men“ an, während sich die beiden Kinder, die 16 und 19 Jahre alt sind, in separaten Räumen von Comedy-Serien wie „The Office“ unterhalten lassen. „Jede Technologie hat gute Seiten, aber auch nicht so gute“, gibt Hastings zu.

Bis vor nicht langer Zeit war Netflix vor allem ein Fundus für Serien und Filme, die im Fernsehen oder im Kino schon gelaufen sind. Hastings war aber nach eigenem Bekunden nicht glücklich damit, nur eine Plattform für ältere Inhalte zu sein, weshalb die Entscheidung fiel, exklusive Serien zu produzieren. Um sich seine erste große Serie „House of Cards“ zu sichern, ging Netflix mehr Risiko ein als in der Branche üblich. Das Unternehmen verlangte vom Produzenten David Fincher keine Pilotfolge, sondern kaufte gleich zwei Staffeln mit jeweils 13 Episoden auf einmal ein, Kostenpunkt 100 Millionen Dollar.

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