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Netflix-Gründer Reed Hastings : „ARD und ZDF braucht kein Mensch“

„In zehn Jahren gucken Sie nicht mehr Sonntag Abend Ihren ’Tatort’, prophezeit Reed Hastings, Gründer, Großaktionär und Vorstandsvorsitzender von Netflix. Bild: Jens Gyarmaty

Netflix-Gründer Reed Hastings revolutioniert das Fernsehen. Und das Arbeitsleben: Jeder soll so viel Urlaub machen, wie er mag.

          Herr Hastings, wollen Sie uns Deutschen das „Tatort“-Gucken austreiben?

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ja, durchaus. Sonntag Abend, 20 Uhr 15, ist bei Ihnen eine feste Zeit vor dem Fernseher. Davon habe ich gehört, kurios. Ich glaube nicht, dass Sie das in zehn Jahren noch tun werden.

          Ihr Streaming-Dienst Netflix bietet jederzeit Filme und Serien im Internet. Verabschieden wir uns damit komplett vom Fernsehen mit festen Sendezeiten?

          Das Auto hat ja auch das Pferd abgelöst oder nicht? Die junge Generation kennt das gar nicht anders. Da schaut jeder, wann er Lust und Zeit hat.

          Braucht es dann noch traditionelle Fernsehsender wie ARD, ZDF oder RTL?

          Ich vergleiche die Sender gerne mit dem Telefon. Natürlich gibt es noch das Festnetz, hier in meiner Hotelsuite steht auch so ein Gerät herum. Aber das benutzt kein Mensch. Alle haben Smartphones. Und so wird es in Zukunft auch mit dem linearen Fernsehen sein. Das bedeutet nicht, dass ARD, ZDF und RTL verschwinden, denn auch diese Sender werden sich zu Internet-TV-Sendern wandeln.

          Ausgerechnet Sie als Newcomer gerieren sich als Anführer der TV-Revolution.

          Viele Große haben den Wandel halt verschlafen, wie so oft. Das war unser Glück. In Amerika sind wir mit Netflix mittlerweile in fast jedem zweiten Haushalt. Weltweit haben wir 62 Millionen Kunden, und das ist erst der Anfang. Denn das entspricht nur einem Prozent aller Smartphone-Benutzer.

          Für Eltern sind Streaming-Dienste ein Horror. Man denkt, die Kinder schlafen, dabei liegen sie mit dem Smartphone im Bett und gucken wer weiß was.

          Wir müssen lernen, damit umzugehen und Grenzen zu setzen. Das ist bei allen digitalen Neuheiten so. Auf der anderen Seite schenkt es uns ungekannte Freiheiten.

          Wem verdanken Sie den Durchbruch von Netflix? Dem Oscar-Gewinner Kevin Spacey?

          Das war ein großes Glück, ihn als Serienheld für den Politthriller „House of Cards“ zu gewinnen.

          Das war die erste Serie, die Netflix selbst produziert hat.

          Jeder, der Filme verleiht, träumt davon, eigene Filme zu machen. So war es bei mir auch, von Anfang an. Auf diese Weise machen wir uns unabhängig von den Sendern.

          In „House of Cards“ haben Sie 100 Millionen Dollar investiert, um gleich zwei Staffeln zu produzieren. Warum das Risiko?

          Ich habe an die Serie geglaubt und hatte volles Vertrauen in das Team.

          Normalerweise dreht man eine Pilotfolge und entscheidet dann, was daraus wird.

          Im Endeffekt wird das dann viel teurer. Außerdem wollte ich, dass die Autoren nicht in 60 Minuten denken – sondern in 26 Stunden, um Charaktere und Handlung behutsam zu entwickeln.

          Was wäre passiert, wenn die Serie ein Flop geworden wäre?

          Nicht auszudenken.

          Seit einem halben Jahr ist Netflix in Deutschland. Aber die Kunden sind enttäuscht, weil sie die neue „House of Cards“-Staffel gar nicht gucken können.

          Leider hat Sky in Deutschland die Erstausstrahlungsrechte. Wir konnten uns 2012 die Weltrechte schlicht nicht leisten, das gilt auch für alle künftigen Staffeln von „House of Cards“. Natürlich ist das ärgerlich, auf Dauer gesehen aber nur eine winzige Fußnote. Alle anderen Serien, die wir produzieren, laufen natürlich zuerst bei uns.

          Hat Ihnen das den Start in Deutschland verhagelt?

          Nein, wir sind sehr zufrieden mit der Entwicklung hier.

          Etwas konkreter, bitte!

          Wir geben keine Zahlen für die einzelnen Länder heraus. Aber weltweit wachsen wir beachtlich. Im Jahr 2014 lag der Umsatz bei 5,5 Milliarden Dollar. Seither konnten wir weiter zulegen. Und wir haben in nur drei Monaten 4,8 Millionen Neukunden hinzugewonnen. Daran hat auch Deutschland seinen Anteil.

          Liegt Ihr Fokus jetzt auf Europa?

          Auf jeden Fall. Europa ist ein riesiger Markt. Darüber hinaus ist es unser Ziel, Ende 2016 in allen Ländern der Welt zu sein.

          Auch in so instabilen Ländern wie Nigeria oder Afghanistan?

          Überall. Es wird spannend sein, zu sehen, ob die Kunden dort unser Programm annehmen und welche Serien sie schauen.

          In Deutschland wollen Sie mit Netflix in fünf bis sieben Jahren in jedem dritten Haushalt vertreten sein. Davon sind Sie meilenweit entfernt.

          Bislang liegen wir voll im Zeitplan. So lange hat die Entwicklung in Amerika gedauert, und das schaffen wir auch in Deutschland. Heute läuft in Amerika abends ein Drittel des gesamten Internet-Traffics über Netflix.

          Kein Wunder, wegen Ihnen hocken Leute die halbe Nacht vor der Glotze und schauen sich 13 Folgen einer Serie am Stück an.

          Ich finde es merkwürdig, dass es gesellschaftlich anerkannt ist, einen Roman am Stück zu lesen – „Wow, du hast die ganze Nacht gelesen?“, heißt es dann –, während das andere verdammt wird. Es schaut ja auch niemand wirklich 13 Folgen am Stück. Das Schöne ist doch, dass Sie endlich gucken können, wann, wo und wie lange Sie wollen.

          Planen Sie speziell deutsche Serien?

          Im Sommer startet die Science-Fiction-Serie „Sense 8“. Ein Teil davon spielt in Berlin, den hat Regisseur Tom Tykwer gedreht. Max Riemelt spielt eine der Hauptrollen.

          Sie nehmen einen berühmten Schauspieler, einen Promi-Regisseur, einen massentaugliches Stoff – und fertig. Ist Filmemachen so einfach?

          Die Kunst ist es, die Serien den richtigen Kunden zu zeigen. Es wird immer jemanden geben, der etwas auszusetzen hat, egal, wie gut eine Serie ist. Den müssen Sie umgehen.

          Dazu sammeln Sie akribisch Daten von Ihren Kunden – was sie gucken, wie lange und wann sie wegschalten.

          Kevin Spacey, Hauptdarsteller im Netflix-Hit „House of Cards“.

          Wir wollen dem Kunden genau das anbieten, was er mag. Wenn wir wissen, jemand schaut gerne Horrorfilme an, dann schlagen wir ihm weitere Horrorfilme vor. Andere, die Romanzen schauen, belästigen wir damit erst gar nicht. Sonst schalten sie weg.

          Und wechseln zur Konkurrenz.

          Oder sie gehen joggen oder spielen Poker.

          Das bedeutet auch, dass Sie alles aus Drehbüchern streichen, was beim Publikum nicht ankommt. Das ist das Ende der Kunst.

          Falsch. Viele denken, wir schreiben die Plots um, je nachdem, welche Szenen oder Figuren am beliebtesten sind. Aber unsere Daten spielen beim Verfassen der Drehbücher überhaupt keine Rolle. Unsere Autoren und Schauspieler sind in ihrer Arbeit sehr frei.

          Wo fühlen Sie sich wohler – im Silicon Valley zwischen all den Computer-Nerds oder in Hollywood bei den Stars?

          Den Glamour brauche ich nicht. Es reicht mir, wenn ich einmal im Jahr mit Kevin Spacey essen gehe. Ich habe selbst Informatik und Mathe studiert, passe also ins Valley.

          Sie haben verschiedene Dinge ausprobiert, waren unter anderem Lehrer in Swasiland. Wollten Sie wirklich Lehrer werden?

          Nein, ich bin damals zum Friedenscorps gegangen, das machen viele junge Amerikaner. Die schicken einen irgendwohin. Swasiland war ein großes Abenteuer. Wenn du mit zehn Dollar in der Tasche durch Afrika getrampt bist, hast du keine Angst mehr davor, ein Unternehmen zu gründen. Außer ein paar Briefen hatte ich zweieinhalb Jahre keinen Kontakt nach Hause. Das Unterrichten hat mir Spaß gemacht, aber auf Dauer fehlte die intellektuelle Herausforderung. Ich dachte, etwas mit Computern könnte spannender sein.

          Vor allem lukrativer: Ihr erstes Start-up Pure Software haben Sie für 750 Millionen Dollar verkauft.

          Wir wurden übernommen.

          Zuvor hatten Sie den Aufsichtsrat gebeten, Sie zu feuern.

          Das stimmt, wobei feuern das falsche Wort ist. Ich wollte, dass sie mich vom Vorstandsvorsitz befreien, in den Vertrieb oder ins Marketing stecken – Bereiche, von denen ich keine Ahnung hatte. Ich war so jung, Pure ist so schnell gewachsen, irgendwann war ich schlicht überfordert. Der Aufsichtsrat aber hat gesagt: „Stimmt, du hast Mist gebaut, aber das wäre anderen auch passiert.“ Also musste ich weitermachen, bis zur Übernahme.

          Netflix propagiert eine außergewöhnliche Firmenphilosophie. Haben Sie wirklich kein eigenes Büro?

          Ja, ich brauche keinen festen Arbeitsplatz. Die meiste Zeit bin ich unterwegs oder in Meetings. Wenn nicht, setze ich mich mit dem Laptop in die Kantine. Da kann ich auch unauffällig früh gehen.

          Jeder Mitarbeiter kann arbeiten wann und wo er will?

          Stimmt. Wir haben viele junge Eltern, die nachmittags erst mal ihre Kinder abholen und sich dann abends noch mal hinsetzen. Oder morgens, wie es passt. Das Ergebnis zählt, nicht die Arbeitszeit.

          Jeder darf auch Urlaub machen, solange er will?

          So ist es. Ich glaube, dass Urlaub für die Kreativität wichtig ist. Wir kennen das doch alle: Die besten Ideen kommen, wenn man ganz woanders ist, Neues sieht und erlebt. Ich selbst fahre jedes Jahr mit meiner Frau mindestens fünf, sechs Wochen weg. Letzten Sommer waren wir Rad fahren in Dänemark, im Winter fahren wir Ski.

          Das klingt alles nach flauschiger Start-up-Philosophie. Kann man so einen Konzern führen?

          Davon bin ich überzeugt. Ich war früher ein absoluter Kontroll-Freak. Bei Pure Software wollte ich alles wissen, konnte nichts abgeben – wie Chefs halt meistens so sind. Den Fehler will ich bei Netflix nicht wiederholen.

          Haben Sie eigentlich Ideen für weitere Firmen?

          Ja, ständig. Aber ich verfolge sie nicht weiter, aus gutem Grund.

          Wieso?

          Als Student hat mich die Maus am Computer gestört. Ich konnte nie so schnell tippen, wie ich wollte, weil ich zwischendurch zur Maus greifen musste. Da dachte ich, eine Maus, die man mit dem Fuß bedient, wäre viel praktischer. Also haben wir Prototypen gebaut und getestet. Dabei zeigte sich: Der Fuß ist für Feinmotorik ungeeignet. Außerdem zerstört der Dreck am Boden die Elektronik. Sie sehen: Nicht jede meiner Ideen ist gut.

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