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Netflix-Gründer Reed Hastings : „ARD und ZDF braucht kein Mensch“

„In zehn Jahren gucken Sie nicht mehr Sonntag Abend Ihren ’Tatort’, prophezeit Reed Hastings, Gründer, Großaktionär und Vorstandsvorsitzender von Netflix. Bild: Jens Gyarmaty

Netflix-Gründer Reed Hastings revolutioniert das Fernsehen. Und das Arbeitsleben: Jeder soll so viel Urlaub machen, wie er mag.

          5 Min.

          Herr Hastings, wollen Sie uns Deutschen das „Tatort“-Gucken austreiben?

          Bettina Weiguny
          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ja, durchaus. Sonntag Abend, 20 Uhr 15, ist bei Ihnen eine feste Zeit vor dem Fernseher. Davon habe ich gehört, kurios. Ich glaube nicht, dass Sie das in zehn Jahren noch tun werden.

          Ihr Streaming-Dienst Netflix bietet jederzeit Filme und Serien im Internet. Verabschieden wir uns damit komplett vom Fernsehen mit festen Sendezeiten?

          Das Auto hat ja auch das Pferd abgelöst oder nicht? Die junge Generation kennt das gar nicht anders. Da schaut jeder, wann er Lust und Zeit hat.

          Braucht es dann noch traditionelle Fernsehsender wie ARD, ZDF oder RTL?

          Ich vergleiche die Sender gerne mit dem Telefon. Natürlich gibt es noch das Festnetz, hier in meiner Hotelsuite steht auch so ein Gerät herum. Aber das benutzt kein Mensch. Alle haben Smartphones. Und so wird es in Zukunft auch mit dem linearen Fernsehen sein. Das bedeutet nicht, dass ARD, ZDF und RTL verschwinden, denn auch diese Sender werden sich zu Internet-TV-Sendern wandeln.

          Ausgerechnet Sie als Newcomer gerieren sich als Anführer der TV-Revolution.

          Viele Große haben den Wandel halt verschlafen, wie so oft. Das war unser Glück. In Amerika sind wir mit Netflix mittlerweile in fast jedem zweiten Haushalt. Weltweit haben wir 62 Millionen Kunden, und das ist erst der Anfang. Denn das entspricht nur einem Prozent aller Smartphone-Benutzer.

          Für Eltern sind Streaming-Dienste ein Horror. Man denkt, die Kinder schlafen, dabei liegen sie mit dem Smartphone im Bett und gucken wer weiß was.

          Wir müssen lernen, damit umzugehen und Grenzen zu setzen. Das ist bei allen digitalen Neuheiten so. Auf der anderen Seite schenkt es uns ungekannte Freiheiten.

          Wem verdanken Sie den Durchbruch von Netflix? Dem Oscar-Gewinner Kevin Spacey?

          Das war ein großes Glück, ihn als Serienheld für den Politthriller „House of Cards“ zu gewinnen.

          Das war die erste Serie, die Netflix selbst produziert hat.

          Jeder, der Filme verleiht, träumt davon, eigene Filme zu machen. So war es bei mir auch, von Anfang an. Auf diese Weise machen wir uns unabhängig von den Sendern.

          In „House of Cards“ haben Sie 100 Millionen Dollar investiert, um gleich zwei Staffeln zu produzieren. Warum das Risiko?

          Ich habe an die Serie geglaubt und hatte volles Vertrauen in das Team.

          Normalerweise dreht man eine Pilotfolge und entscheidet dann, was daraus wird.

          Im Endeffekt wird das dann viel teurer. Außerdem wollte ich, dass die Autoren nicht in 60 Minuten denken – sondern in 26 Stunden, um Charaktere und Handlung behutsam zu entwickeln.

          Was wäre passiert, wenn die Serie ein Flop geworden wäre?

          Nicht auszudenken.

          Seit einem halben Jahr ist Netflix in Deutschland. Aber die Kunden sind enttäuscht, weil sie die neue „House of Cards“-Staffel gar nicht gucken können.

          Leider hat Sky in Deutschland die Erstausstrahlungsrechte. Wir konnten uns 2012 die Weltrechte schlicht nicht leisten, das gilt auch für alle künftigen Staffeln von „House of Cards“. Natürlich ist das ärgerlich, auf Dauer gesehen aber nur eine winzige Fußnote. Alle anderen Serien, die wir produzieren, laufen natürlich zuerst bei uns.

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