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Nach Abhöraffäre um Merkel : Die deutsche Industrie sorgt sich um ihre Sicherheit

Einfach von online auf offline umschalten können nur die wenigsten Unternehmen Bild: dpa

Der Lauschangriff auf das Kanzlerin-Handy hat die Diskussion über die IT-Sicherheit in den Unternehmen wieder angefacht. Sie geben viel Geld dafür aus. Das Geschäft mit Sicherheit geht in die Milliarden.

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          Thomas Diehl staunte nicht schlecht. Der Vorstandsvorsitzende und Miteigentümer der Nürnberger Diehl Stiftung & Co. KG reiste ins Ausland, wo er zum wichtigen Termin mit einem Geschäftspartner zusammenkam. Doch da lag der Vertragsentwurf schon auf dem Schreibtisch des Geschäftspartners – obwohl Diehl diesen überhaupt noch nicht ausgehändigt hatte. Wie sich herausstellte, waren die Papiere ins Ausland gelangt, nachdem der Entwurf per Fax innerhalb des Unternehmens versendet worden war. Die Faxübermittlung im Hause Diehl wurde offenbar von fremden Kräften angezapft.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

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          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das alles geschah im „analogen Zeitalter“ der achtziger Jahre im vergangenen Jahrhundert. Es hat aber die Verhaltensweisen des Chefs des fränkischen Industrie- und Rüstungsunternehmens über Jahrzehnte geprägt und war Initialzündung für ein Sicherheitsdenken besonderer, altmodischer, dafür aber umso effektiverer Art: „Sensible Daten gibt’s nur auf Papier.“ Nur selten befinden sich auf Auslandsreisen in seinem Gepäck elektronische Geräte, sei es in die Vereinigten Staaten oder in den Fernen und Mittleren Osten; ein Laptop schon gar nicht. Die würden bei der Ein- und Ausreise am Zoll oder an der Grenzkontrolle gern mal kurz abgenommen. Beamte verschwinden mit dem Gerät und kommen nach zehn oder 15 Minuten wieder zurück. Was in der Zwischenzeit wohl damit passiert, fragt sich nicht nur Diehl.

          IT-Sicherheit ist für Automobilunternehmen ernstes Thema

          Einfach von online auf offline umschalten können freilich nur die wenigsten Unternehmen. Und deshalb beschäftigen sich inzwischen sogar Topmanager mit IT-Sicherheit. „Industrielle Sicherheit muss als Managementaufgabe verstanden werden“, heißt es bei Siemens. Dahinter stünden schließlich Gesamtkonzepte und nicht einfach nur ein Malware-Abwehrprogramm. Wie diese Konzepte aussehen, wollen nur die wenigsten Unternehmen preisgeben. Schließlich könnte jede Veröffentlichung und jede daraus ableitbare Schwachstelle leicht von Angreifern ausgenutzt werden. Siemens spricht von gestaffelten Sicherheitskonzepten. Virenscanner und Verschlüsselungssysteme allein reichten nicht. Dazu gehörten Schulungen und Ausbildungen der Mitarbeiter, aber auch Warnsysteme. Die erkennen etwa, wenn an einer Stelle auffällig viele Daten abgezogen werden.

          Bild: F.A.Z.

          Auch in der Automobilindustrie wird das Thema IT-Sicherheit sehr ernst genommen. Unternehmen wie VW, Daimler und BMW müssen nicht nur dafür sorgen, dass ihre interne Kommunikation auch intern bleibt. Sie müssen auch ihre Produktionsprozesse, die ohne Computersteuerung nicht denkbar sind, vor Angriffen oder Spionageattacken schützen. Die Autohersteller nehmen sehr viel Geld in die Hand, um an dieser Front maximal hohe Mauern einzuziehen. Die Schlagzeilen rund um Snowden haben das Bewusstsein geschärft, dass die vielen Millionen auf diesem Feld gut investiert sind.

          Das Geschäft mit der Sicherheit

          In vielen Chefetagen deutscher Betriebe wird derzeit zudem nachgedacht, ob sie eine Versicherung gegen Cyberrisiken abschließen sollten. Hackerangriffe und Datendiebstahl können zu Betriebsunterbrechungen oder saftigen Vermögensschäden führen. Dagegen bietet rund ein halbes Dutzend Versicherer Deckungsschutz. Als erstes Unternehmen war hierzulande der britische Versicherer Hiscox auf dem Markt. „Wir rechnen damit, dass die Entwicklung von Cyberpolicen schneller gehen wird als die Managerhaftpflicht vor zwei Jahrzehnten“, sagt Robert Dietrich, Hauptbevollmächtigter von Hiscox in Deutschland. „Jeder sammelt Daten und ist damit ein Zielkunde“, fügt er hinzu. Im vergangenen halben Jahr hat Dietrich mehr Policen verkauft als in den zwei Jahren zuvor.

          Viele Unternehmen stellten gerade erst ihre Versicherungsbudgets für die kommenden Jahre neu auf, so dass der Nachfrageschub erst noch folgen werde. In den Vereinigten Staaten liegen die Prämien schon bei insgesamt einer Milliarde Dollar. Nach den Amerikanern wie AIG, Chubb und Ace haben in diesem Jahr auch die großen europäischen Industrieversicherer wie Allianz Global Corporate & Specialty, Zurich und HDI entsprechende Versicherungen auf den Markt gebracht. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie die Haftung gegenüber Dritten bei Datenverlusten übernehmen. Zudem bieten sie Schutz gegen Cybererpressung und zahlen die Wiederherstellungskosten, wenn Daten verlorengegangen sind.

          Wie groß die Sicherheitsgefahren tatsächlich sind, hat auch der Hightech-Verband Bitkom längst realisiert. „Wirtschaftsspionage durch Cyberangriffe können der deutschen Wirtschaft großen Schaden zufügen. Das gilt gleichermaßen für Angriffe von Cyberkriminellen wie ausländischer Geheimdienste. Die Unternehmen müssen ihre Geschäftsgeheimnisse und die Daten ihrer Kunden, Partner und Mitarbeiter bestmöglich schützen“, sagt Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. Die Nachfrage nach Technologien und Lösungen zur Verbesserung der IT-Sicherheit wächst. Der Umsatz mit Software und Services bei Virenscannern, Firewalls, Zugriffsverwaltung und Co. steigt in diesem Jahr in Deutschland voraussichtlich um 5 Prozent auf gut 3,3 Milliarden Euro. „Die Berichte über Prism und Tempora haben das Bewusstsein für IT-Sicherheit deutlich gesteigert“, sagt Verbandspräsident Dieter Kempf. Die Nachrichten über Merkels Handy dürften diesen Trend weiter verstärken.

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