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Musikspiele : Die Videospielebranche hofft auf den Beatles-Effekt

Bild: afp

Musikspiele wie „Guitar Hero“ und „Rock Band“ sind zu Massenphänomenen geworden. Die Spieleindustrie hat damit ein ganz neues Segment geschaffen - und der Musikbranche eine neue Einnahmequelle beschert. Aber schon nach kurzer Zeit ist das Geschäft ins Stocken geraten.

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          Ist der angebliche Megatrend nur ein Strohfeuer gewesen? Die Videospielebranche hat mit Musiktiteln wie „Guitar Hero“ und „Rock Band“ in den vergangenen Jahren einen Volltreffer gelandet. Musikspiele haben sich in kürzester Zeit als eine ganz neue Kategorie in der Branche etabliert. Sie wurden daneben zu einer willkommenen zusätzlichen Einnahmequelle für die angeschlagene Musikindustrie. Aber nun gibt es Anlass zur Sorge, dass die Erfolgsgeschichte schon wieder zu Ende sein könnte. Das Geschäft mit Musikspielen ist in diesem Jahr dramatisch geschrumpft und hat sich viel schlechter entwickelt als der Rest des Videospielemarktes. Die Hersteller versuchen verzweifelt, mit einer Flut neuer Titel wieder Leben in das Segment zu bringen. Zu den größten Hoffnungsträgern gehört eine Neuauflage von „Rock Band“ mit Liedern der Beatles, die am Mittwoch in aller Welt veröffentlicht wurde.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Das Musikfieber in der Spieleindustrie begann im Jahr 2005, als „Guitar Hero“ auf den Markt kam. „Guitar Hero“ ist eine Mischung aus Reaktionsspiel und Instrumenten-Karaoke. Der Clou an dem Spiel des amerikanischen Herstellers Activision Blizzard ist die mitgelieferte Plastikgitarre, die als Steuerungsgerät fungiert. Ziel ist es, durch das Drücken bestimmter Knöpfe auf der Gitarre Lieder möglichst gut nachzuspielen. „Guitar Hero“ ist so etwas wie die elektronische Form des Luftgitarrespielens, der Spieler kann sich selbst ein bisschen wie ein Rockstar fühlen. Im Jahr 2007 erweiterte der amerikanische Medienkonzern Viacom das Konzept von „Guitar Hero“ mit seinem Spiel „Rock Band“, das neben einer Gitarre noch andere Instrumente wie Trommeln als Steuergeräte hat.

          Mangel an attraktiven Neuauflagen von Musikspielen

          Der Erfolg dieser beiden Spiele veranlasste die Hersteller, in kurzen Abständen Neuauflagen herauszubringen. Es gab Spezialversionen, die sich auf das Repertoire einzelner Bands wie Metallica oder Aerosmith konzentrierten. Spieler von „Rock Band“ können außerdem ihren Katalog durch das Herunterladen einzelner Lieder erweitern. Mehr als 800 Lieder sind mittlerweile verfügbar.

          Nach Angaben des Marktforschungsinstituts NPD Group haben Musikspiele allein in Amerika seit ihrem Start insgesamt einen Umsatz von 4,3 Milliarden Dollar eingebracht. Noch im vergangenen Jahr gab es ein stürmisches Wachstum, als der Umsatz um 60 Prozent auf 2,0 Milliarden Dollar sprang.

          In diesem Jahr zeigen sich aber auf einmal Ermüdungserscheinungen. In den ersten sieben Monaten stürzte der Umsatz mit Musikspielen nach Angaben der NPD Group gegenüber dem Vorjahr um 46 Prozent auf 452 Millionen Dollar ab. Das ist nicht allein mit der Wirtschaftskrise zu erklären, denn der Rest des Spielegeschäfts hat nicht annähernd so schlecht abgeschnitten. Der gesamte Videospielemarkt verbuchte in diesem Zeitraum ein Umsatzminus um 14 Prozent auf 8,2 Milliarden Dollar. Viacom gab bei der Vorlage seines jüngsten Quartalsberichts im August zu, dass die Sparte mit Videospielen wegen einer Abschwächung bei „Rock Band“ einen Umsatzrückgang um 41 Prozent erlitten hat. Manche Analysten fürchten nun, dass die noch junge Kategorie der Musikspiele ihren Zenit schon überschritten hat und es einen Sättigungseffekt gibt. David Riley von der NPD Group will nicht so weit gehen: Eine Sättigung sieht er nur bei den mitgelieferten Accessoires wie den Gitarren, nicht aber bei den Spielen selbst. Immer mehr Menschen kaufen also nur noch die Software und nicht mehr das teurere Komplettpaket inklusive Gitarre und anderer Steuergeräte. Dies ist seiner Meinung nach ein wesentlicher Grund für die drastischen Umsatzeinbußen der Branche. Daneben habe es in der ersten Jahreshälfte einen Mangel an attraktiven Neuauflagen von Musikspielen gegeben.

          Hoffnungsträger der Musikindustrie

          Das soll sich nun im Rest des Jahres ändern. Zu den spektakulärsten Neuheiten gehört „The Beatles: Rock Band“. Das Spiel umfasst 45 Lieder der Beatles, weitere Titel können heruntergeladen werden. Für das Spiel sind eigens Steuergeräte entworfen worden, die Nachbildungen der von den Beatles-Mitgliedern gespielten Instrumente sind. So gibt es Repliken der Rickenbacker-Gitarre von John Lennon und der Höfner-Bassgitarre von Paul McCartney. Wer das Gesamtpaket inklusive der Instrumente haben will, muss in Amerika 250 Dollar hinblättern. Für das Spiel allein sind 60 Dollar fällig.

          Den Startschuss für die Serie neuer Spiele hatte Anfang September bereits Activision Blizzard mit „Guitar Hero 5“ gegeben. Das Unternehmen plant in den nächsten Monaten noch einige Musiktitel. So soll im Oktober die „Guitar Hero“-Abwandlung „DJ Hero“ kommen. Hier ist das Steuergerät keine Gitarre, sondern ein Plattenteller, wie er von Discjockeys benutzt wird.

          David Riley von der NPD Group will das Jahr für die Musikspiele noch nicht abschreiben. Aber er gibt zu, dass die neuen Produkte zu Verkaufsschlagern werden müssen, zumal das Weihnachtsgeschäft bevorsteht, in dem die Branche üblicherweise die Hälfte ihrer Umsätze erziele. „Die Absatzzahlen der neuen Spiele im September werden uns eine bessere Vorstellung davon geben, in welcher Verfassung das Geschäft mit Musikspielen wirklich ist.“ Nicht nur die Hersteller der Spiele werden die Daumen drücken, sondern auch die Musikindustrie. Die Branche kämpft seit Jahren mit einem Niedergang ihres Stammgeschäfts mit dem Verkauf von Musik auf Tonträgern wie CDs, und sie sucht verzweifelt nach neuen Einnahmequellen. Musikspiele sind in den vergangenen Jahren zu einem großen Hoffnungsträger geworden: Sie versprechen Lizenzeinnahmen beim Verkauf der Spiele und beim Herunterladen zusätzlicher Lieder. Diesen Hoffnungsträger will die Musikindustrie nicht nach so kurzer Zeit schon wieder verlieren.

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