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Musikindustrie : Spotify will Apple überrunden

Rasch wachsender Streamingdienst: Musikabonnements von Spotify gibt es heute in 28 Ländern Bild: dpa

Spotify expandiert in einem schwindelerregenden Tempo. Der schwedische Musikstreaming-Anbieter glaubt, dass die Zeit gekommen ist, den übermächtigen Konkurrenten Apple anzugreifen.

          Als Jonathan Forster 2007 bei Spotify anfängt, ist er in dem winzigen Internetunternehmen in Stockholm der einzige Mitarbeiter, der kein Programmierer ist. Es gibt kein Produkt, keine Kunden, Umsätze schon gar nicht - nur eine Idee: Der Gründer, ein Mittzwanziger aus Schweden namens Daniel Ek, will die von Raubkopierern und galoppierenden Umsatzverlusten gebeutelte Plattenindustrie vor dem Untergang retten. Ek will die Musik nicht verkaufen, wie Apple das in seinem iTunes Store macht. Er will sie quasi vermieten, indem er sie im Abonnement anbietet. Ganz neu ist der Gedanke schon damals nicht. Andere haben bereits vorher damit experimentiert - allerdings mit mäßigem Erfolg.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sechs Jahre später sitzt der Marketingmanager Forster im zehnten Stock eines Büroblocks in der Innenstadt von Stockholm. Gleich mehrere Etagen hat Spotify hier gemietet, und der Brite ist inzwischen Europa-Chef. Die digitalen Musikabonnements von Spotify gibt es heute in 28 Ländern auf vier Kontinenten und seit 2012 auch in Deutschland. Das Unternehmen expandiert in einem schwindelerregenden Tempo: Manche Mitarbeiter in der Zentrale in Stockholm sind in den vergangenen drei Jahren sechsmal umgezogen, weil ständig größere Büroflächen benötigt werden. Zurzeit hat Spotify rund 1.000 Beschäftigte.

          Spotify und Apple - das ist wie David gegen Goliath

          „Bis Jahresende wollen wir mehr als 200 neue Leute einstellen“, sagt Forster. Sie werden auf der ganzen Welt rekrutiert. Spotify ist heute die heißeste Erfolgsgeschichte der Musikindustrie. Bei Google hat der Firmengründer Ek inzwischen Hausverbot, weil er dort zu viele Mitarbeiter abgeworben hat. Das Abonnement-Geschäftsmodell, das sogenannte Musikstreaming, werde die Branche revolutionieren, prophezeit Forster. „Streaming wird größer sein als das Download-Geschäft“, sagt er. Der Satz ist ziemlich kühn. Das Start-up-Unternehmen aus Schweden fordert damit einen Konzerngiganten heraus: Apple ist heute der mit Abstand größte Tonträgerhändler der Welt und kontrolliert mit dem iTunes Store mehr als die Hälfte des digitalen Musikmarkts.

          Spotify und Apple - das ist wie David gegen Goliath. Andererseits: Schon heute sind die Schweden nach den Amerikanern der zweitgrößte Einnahmenlieferant für die Plattenfirmen. Apple, Google und Microsoft haben nach dem Erfolg von Spotify inzwischen eigene Musikstreaming-Dienste auf den Markt gebracht. Wie will das Kleinunternehmen aus Stockholm auf Dauer mit den amerikanischen Technologieriesen mithalten? „Die Geschichte des Internetzeitalters ist voller Beispiele von kleinen Unternehmen, die sehr groß geworden sind“, entgegnet Forster. Apple und Google hätten einst genauso klein angefangen wie heute Spotify.

          Spotify-Gründer Daniel Ek

          9,99 Euro im Monat kostet ein Abonnement. Die Kunden können dafür online unbegrenzt auf eine mit mehr als 20 Millionen Titeln bestückte Musiksammlung zugreifen. Es ist eine noch immer fremde und neue Form des Musikörens: Spotify-Kunden haben alles und zugleich nichts. Sie können mit dem Finger auf dem Bildschirm ihres Smartphones durch die komplette Musikgeschichte wischen - jederzeit, solange sie wollen und so viel sie wollen. Das ist eine verblüffende und faszinierende Erfahrung, die süchtig machen kann. Aber kein einziges Stück gehört ihnen. Wenn man nicht brav Monat für Monat weiter bezahlt, ist alles weg. Das Schlaraffenland der Musik verschwindet dann so schnell, wie es sich aufgetan hat.

          In Schweden, wo Spotify seit fünf Jahren auf dem Markt ist, hat das Unternehmen mit seinem Streamingdienst 70 Prozent des Tonträgermarktes erobert. Weltweit hat sich in den 24 Monaten bis Ende März die Zahl der zahlenden Spotify-Abonnenten auf sechs Millionen Kunden versechsfacht. Hinzu kommen 18 Millionen Nutzer, die über eine kostenlose werbefinanzierte Spotify-Version hören. Trotzdem ist das Musikstreaming bisher klein: 2012 machte es nur 4 Prozent des globalen Tonträgergeschäfts aus.

          Wann wird Spotify die Gewinnschwelle erreichen?

          In den Vereinigten Staaten, dem größten Musikmarkt der Welt, liegt der Umsatzanteil des Streaming bisher nur bei 8 Prozent. Forster ficht das nicht an. Die Zeit spiele für Spotify: „Ich sehe keinen Grund, warum das Musikstreaming in Amerika nicht genauso groß werden kann wie hier in Schweden.“ Im vergangenen Jahr hat sich der Umsatz von Spotify auf 435 Millionen Euro mehr als verdoppelt. Das solle erst der Anfang sein, sagt Forster: „Wir rechnen mit einem nachhaltigen und sehr starken Wachstum.“ 2012 ist der globale Tonträgermarkt zum ersten Mal seit 13 Jahren wieder leicht gewachsen - auch dank der wachsenden Popularität von Spotify.

          Bei Spotify steigen allerdings nicht nur die Erlöse, sondern auch die Verluste: Die im August veröffentlichten Zahlen für das Geschäftsjahr 2012 zeigten, dass der Nettoverlust um 29 Prozent auf 59 Millionen Euro gewachsen ist. Wann wird Spotify die Gewinnschwelle erreichen? „Wenn die Erlöse höher als die Kosten sind“, sagt Forster lakonisch und grinst. Im November 2012 hat Spotify nach amerikanischen Medienberichten weitere 100 Millionen Dollar bei Investoren eingesammelt - unter anderem von Goldman Sachs und Coca-Cola. „Wir haben genügend Mittel, um alle Dinge anpacken zu können, die wir anpacken wollen“, sagt Forster dazu nur.

          Zu den weiteren Miteigentümern von Spotify zählen neben den Gründern der Internetunternehmer Sean Parker, der chinesische Investor Li Ka-shing und eine Reihe von Plattenfirmen. Während die Investoren Spotify bereitwillig große Schecks ausstellen, gilt das Unternehmen vielen Musikern als Blutsauger. Regelmäßig muss sich Spotify gegen den Vorwurf der Ausbeuterei wehren. Zuletzt platzte Thom Yorke der Kragen: „Junge Musiker werden mit diesem Modell komplett verarscht“, wetterte der Sänger der britischen Kultband Radiohead gegen Spotify. Wenn ein Spotify-Kunde ein Lied anhört, dann bekommen Plattenlabel und Musiker dafür von dem Streamingdienst nur rund einen halben Cent.

          Ein Download-Lied bei iTunes kostet dagegen typischerweise einen Euro, und Apple reicht davon 66 Cent weiter. Einige der kommerziell erfolgreichsten Bands der Welt wie AC/DC und die Beatles boykottieren Spotify bisher. Europa-Chef Forster hält die Kritik für unfair. Das Entgelt je Stream möge zwar winzig sein. Aber anders als beim Verkauf von Downloads verdienten die Musiker eben nicht nur einmal, sondern jedes Mal, wenn ein Fan ihre Lieder höre. „Mit manchen ihrer Musiker verdienen die Plattenfirmen auf Spotify Millionenbeträge“, sagt Forster. Namen könne er allerdings nicht nennen. „Das ist vertraulich.“

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