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MTV und Viva : Zahltag im Fernseh-Kinderzimmer

Der Kuchen wird neu verteilt: So feierte Viva seinen Zehnten Bild: dpa

310 Millionen Euro zahlt Viacom für die Übernahme des Kölner MTV-Konkurrenten Viva - die größte Auslandsinvestition in der Geschichte von MTV. Warum nur ist der Mini-Sender Viva dem Käufer soviel wert?

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          Tom Freston sieht mehr nach Wall Street als nach Rock`n Roll aus. Dunkler Anzug, Krawatte, die silbergraue Kurzhaar-Bürstenfrisur sitzt wie festbetoniert - das ist Mr. MTV, der Chef des größten Fernsehsenders der Welt. Der Branchen-Veteran leitet seit 17 Jahren die Musikfernsehkette und ist einer der wichtigsten Männer beim amerikanischen Medienkonzern Viacom (CBS, Paramount), dem MTV gehört. An diesem Donnerstag ist Freston in Frankfurt eingeflogen, weil er in Deutschland viel Geld ausgeben will.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          310 Millionen Euro ist Viacom die Übernahme des Kölner MTV-Konkurrenten Viva wert - die größte Auslandsinvestition in der Geschichte von MTV. Knapp drei Viertel der Aktien hat Viacom schon von den Großaktionären erworben - darunter die Medienriesen Time Warner und Universal und Viva-Gründer Dieter Gorny. 12,65 Euro je Aktie zahlte ihnen Viacom, und denselben Betrag biete er auch den Kleinaktionäre der börsennotierten Viva Media AG, sagt Freston auf der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz am Flughafen.

          Ein erstaunlicher Betrag

          Der Viacom-Manager sieht aus, als ob er ziemlich gut rechnen kann, doch 310 Millionen Euro sind ein erstaunlicher Betrag für die Viva Media AG, auch wenn sich MTV dadurch einen lästigen Konkurrenten vom Hals schafft. Zum Vergleich: Der Amerikaner Haim Saban zahlte vergangenes Jahr 525 Millionen Euro für die Kontrollmehrheit des größten deutschen Fernsehkonzerns Pro Sieben Sat.1.

          Doch die Saban-Sender machten im ersten Quartal brutto fast 760 Millionen Euro Werbeumsatz, der Popmusik-Teenager-Kanal Viva nur 20 Millionen. Die Einschaltquote des Zwergsenders liegt unter einem Prozent. Das Unternehmen macht Verluste. Und ohne den angegliederten Fernsehproduzenten Brainpool ("Anke Engelke Show"), der gut läuft, würde bei Viva alles noch viel schlimmer aussehen. "Wir sehen großartige Wachstumschancen in Deutschland", sagt Freston.

          Bewegung beim Umsatz

          Seit Wochen schon kursieren die Spekulationen, daß MTV Viva schluckt. Jetzt werden sie weitergehen: "Was hat Viacom in Deutschland vor?" lautet die große Frage. Will der mächtige Medienkonzern neben Saban und der zu Bertelsmann gehörenden RTL-Gruppe zur dritten starken Kraft im deutschen Privatfernsehen aufsteigen? "Vor dem Hintergrund des hohen Preises muß jedenfalls beim Umsatz Bewegung reinkommen", sagt ein an den Verhandlungen beteiligter Fernseh-Manager.

          Was also hat Viacom vor? Eine klare Antwort darauf gab es am Donnerstag nicht. Zur Zeit betreiben Viva und MTV in Deutschland jeweils zwei Musiksender. Im deutschen Fernsehmarkt sei Platz für zwei bis drei Musikkanäle, sagt Catherine Mühlemann, die Deutschland-Chefin von MTV. Was aber will Viacom in Zukunft auf den ein oder zwei anderen Programmen zeigen. "Das können wir Ihnen in drei Monaten erzählen", sagt Mühlemann. Noch sei nichts entschieden. Die zierliche Schweizerin soll zusammen mit dem bulligen Gorny die neue Sendergruppe leiten.

          Dicht besetzter Markt

          Viacom wird es schwer haben, hierzulande aus der Musikfernseh-Nische herauszukommen. Der deutsche Fernsehmarkt ist zwar der zweitgrößte der Welt, wie Freston am Donnerstag schwärmte, doch er ist mit mehr als 30 Sendern und dem größten öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem bereits dicht besetzt. Das hat Viacom in den neunziger Jahren schon selber erfahren: Mit ihrem Kinder-Sender Nickelodeon scheiterten die Amerikaner hierzulande.

          Auch von Seiten der mächtigen deutschen Rundfunk-Politik schlägt Viacom bereits kalter Wind entgegen. Das Fernsehgeschäft ist hochreguliert, über die Vergabe der knappen Programm-Plätze im Kabelfernsehen entscheiden die Landesmedienanstalten. Und die grummeln bereits angesichts der amerikanischen Eroberer. Norbert Schneider, Direktor der nordrhein-westfälischen Privatfernsehbehörde, forderte am Donnerstag, den Einfluß ausländischer Medienkonzerne wie der Saban Group oder Viacom in Deutschland zu berschränken, "um in einer globalisierten Medienwelt Schieflagen zu vermeiden."

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