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Mobilitätsdienstleistungen : Wie die Bahn als Start-up das Teilen lernt

  • -Aktualisiert am

Apps zur Nutzung und Verknüpfung verschiedener Verkehrsmittel werden immer beliebter. Bild: dpa

Das Geschäft mit Mobilitätsdienstleistungen boomt. Jeden Tag entstehen neue Apps, die auf preiswerte Fahrgelegenheiten verweisen. Damit die Bahn nicht ins Hintertreffen gerät, verknüpft sie in ihrem Projekt „Qixxit“ verschiedene Verkehrsmittel.

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          Mitten in Frankfurt wird an der Zukunft des Verkehrs gebastelt. An der Mainzer Landstraße, nicht allzu weit vom Hauptbahnhof entfernt, hat das Projekt Qixxit seinen Sitz in einem unscheinbaren Bürogebäude. An den Wänden kleben Rauhfasertapeten, und auch ansonsten gibt es keinerlei sichtbare Extravaganzen, wie man sie von einem Start-up erwarten würde. Dabei handelt es sich genau darum – wenngleich Qixxit kein eigenständiges Unternehmen ist. Mit einem halben Dutzend Designern, Informatikern und Marketingspezialisten arbeitet hier die junge Managerin Friederike Aulhorn an einer Website samt App, die sämtliche Verkehrsmittel miteinander verknüpft: Vom eigenen Auto über den öffentlichen Nahverkehr und das Carsharing über das Fahrrad und die eigenen Füße bis hin zu Zug, Fernbus und Flugzeug. Nutzer können die Start- und Zieladressen eingeben und bekommen dann mit einem Klick Angaben darüber, wie schnell und zu welchen Kosten sie mit verschiedenen Verkehrsmitteln von Tür zu Tür unterwegs sind. Wer umweltverträglich reisen will, bekommt auch Informationen zum Kohlendioxidausstoß. Qixxit will „deutschlandweit eine verkehrsmittelübergreifende, flächendeckende und hausnummerngenaue Reiseplanung“ ermöglichen.

          „Wir haben Start-up-Charakter im Konzern. Wir dürfen Sachen machen, die etwas außerhalb der üblichen Entscheidungswege der DB liegen, weil das der Markt erfordert“, sagt Qixxit-Chefin Aulhorn, eine hochgewachsene junge Frau um die dreißig, die erst vor wenigen Jahren ihr BWL-Studium abgeschlossen hat. Zum Beispiel unterscheidet sich Qixxit im Auftritt der Marke vom Rest des Konzerns Deutsche Bahn. Das sei zwingend notwendig, damit Qixxit schnell vorankommt, sagt Aulhorn. Ziel des ungewöhnlichen Projekts ist es, Leute auf die Alternative Bahn aufmerksam zu machen, die bisher eher andere Verkehrsmittel benutzen. Das beinhaltet natürlich auch das Risiko, dass die Sache genau umgekehrt läuft – nämlich dass Bahnfahrer auf Alternativen wie den ebenfalls bei Qixxit berücksichtigten Fernbus aufmerksam werden. Aber dieses Risiko wird bewusst in Kauf genommen, weil man davon ausgeht, dass die Chancen überwiegen. Geteilte Autos, Mitfahrgelegenheiten, Taxi-Apps oder Fernbusse: „Die Shared Mobility wird sich in Zukunft schnell weiterentwickeln, weil Informations-, Buchungs- und Bezahlprozesse über das Netz noch schneller und einfacher werden“, heißt es in einer Studie von Roland Berger über die geteilte Mobilität. Die Unternehmensberatung geht davon aus, dass der Markt der Anbieter von Carsharing, Bikesharing oder Mitfahr- und Taxidiensten sowie Parkplatzdiensten jedes Jahr um bis zu 35 Prozent wachsen wird und bis 2020 ein Volumen von ungefähr 15 Milliarden Euro erreichen kann. Rund 60 Prozent aller Autobesitzer in den Industrieländern seien prinzipiell bereit, ihr Fahrzeug mit anderen zu teilen.

          Autohersteller arbeiten mit Hochdruck an neuen Verkehrsangeboten

          Auch die Verknüpfung von Carsharing mit anderen Verkehrsmitteln liegt im Trend. Die Bahn tummelt sich also mit Qixxit, das als App für Smartphones angeboten wird, in einem zukunftsträchtigen, aber schon jetzt hart umkämpften Markt. Autohersteller wie Daimler, BMW und Volkswagen arbeiten derzeit mit Hochdruck an neuen Verkehrsangeboten. Mobilitätskonzepte der Zukunft nennen sie es – oder „intermodale Mobilität“. Das Motiv dahinter ist klar: „Autohersteller sind besorgt darüber, dass es eine Entwicklung gibt, die ihr Geschäftsmodell erschüttert“, sagt Lorenzo Veronesi vom IT-Beratungsunternehmen IDC. Vielleicht wollen die Autokonzerne gerade deshalb von Anfang an Teil der neuen Entwicklung sein, um sie besser zu verstehen.

          Zwischen Autokonzernen, IT-Konzernen und Nahverkehrsbetrieben entbrennt ein Wettbewerb. Um das Geschäft mit der Vernetzung der Verkehrsträger konkurrieren Plattformen wie Smile (Wiener Stadtwerke), Moovel (Daimler) oder das Berliner Start-up Waymate. Ähnliche Konzepte haben auch die beiden Hamburger Anbieter Comove und Switchh. In Stuttgart gibt es von 2015 an die Mobilitätskarte „Service Card“. Ziel des staatlich subventionierten Projektes ist die für den Kunden möglichst umstandslose Nutzung und Verknüpfung verschiedener Verkehrsmittel – vom Elektroauto-Carsharing über Verkehrsbetriebe und Bikesharing bis hin zu einer Bezahl- und Bonusfunktion.

          Neben den altbekannten Verkehrsmitteln gibt es mittlerweile auch viele verschiedene, neue Mobilitätskonzepte auf dem Markt. City-Bikes, Taxi-Apps, Chauffeurdienste wie Uber, Carsharing-Lösungen wie DriveNow von BMW, Mitfahrgelegenheiten wie Carpooling oder der Ridesharing-Anbieter Flinc sind einige der bekanntesten Angebote. Den Überblick zu behalten, für welche Anwendungsfälle welche Mobilitätsangebote am besten geeignet sind, wird immer schwieriger.

          Der offensichtlichste Unterschied zwischen den Konzepten liegt in der Streckenlänge, die jeweils vom Start bis zum Ziel zurückgelegt wird. Besonders innerhalb der Stadt gibt es mittlerweile einen bunten Strauß an Alternativen in verschiedenen Preisklassen.

          Geteilte Mobilität

          Der Feind aller Taxifahrer

          Das Unternehmen Uber ist noch jung. Es wurde erst im Jahr 2009 in den Vereinigten Staaten gegründet. Dennoch ist die App heute schon in 30 Ländern vertreten und macht überall von sich reden, weil Taxifahrer durch Uber ihre Existenz bedroht sehen. Die Idee von Uber ist einfach: Die Kunden nutzen eine Smartphone-App, um Fahrten zu bestellen, und können dabei zwischen allen möglichen Autos wählen – von der alten Rostmühle bis hin zur Luxuslimousine. Die App zeigt dem Kunden die voraussichtliche Wartezeit an sowie ein Profil des Fahrers und Bewertungen des Fahrers durch andere Kunden. Die Bezahlung erfolgt über die App, und 20 Prozent der Fahrtkosten gehen an Uber. Das Unternehmen sieht sich ausschließlich als Vermittler: Die Fahrer stellen ihre privaten Autos zur Verfügung und arbeiten für sich selbst.

          Das intelligente Fahrradschloss

          Das kalifornische Start-up Mesh Motion, gegründet im Jahr 2013, hat das Bügelschloss Bitlock entwickelt – ein Fahrradschloss, das man per Smartphone öffnen und schließen kann. Fahrräder können so künftig problemlos an Dritte vermietet werden. Über eine App, die das Rad lokalisiert und das Schloss für Nutzer öffnet. Die Hoffnung ist, dass dies dem Fahrradverleih von Privatpersonen an andere Privatpersonen Schwung verleiht. Das intelligente Schloss soll schon in Kürze weltweit in den Verkauf gehen. Gleichzeitig soll auch der Startschuss für die damit verbundene App erfolgen. Einen Teil des dafür benötigten Kapitals hat Bitlock über das Crowdfunding-Portal Kickstarter eingesammelt, das Privatpersonen Investments mit kleinen Beträgen ermöglicht.

          Der Parkplatzoptimierer

          Das Unternehmen Parkatmyhouse wurde im Jahr 2006 in Großbritannien gegründet. Über die Online-Plattform können Privatpersonen und Unternehmen ihre ungenutzten Parkplätze an Dritte vermieten und dabei die Höhe der Miete selbst festsetzen. Parkatmyhouse selbst erhebt für seine Leistung eine Servicegebühr von 6 Prozent bis 40 Prozent der gesamten Miete – abhängig vom Ort des Parkplatzes und dem Umfang der Mietgebühr. Im Gegenzug dafür erledigt Parkatmyhouse alle Formalitäten mit dem Mieter und bietet eine Geld-zurück-Garantie für den Fall, dass sich der reservierte Parkplatz als besetzt herausstellen sollte. Schon jetzt ist das Unternehmen in fast ganz Europa vertreten. Rund 250000 Kunden nutzen die Online-Suchfunktion, die zurzeit rund 60000 Parkplätze abdeckt.

          Elektrofahrrad-Welle aus Aachen

          Das Unternehmen Velocity wurde im Jahr 2014 in Deutschland gegründet. Angeboten werden 1000 Elektrofahrräder an 100 Mietstationen, ergänzt durch 1750 Ladepunkte. Mit Velocity soll die 250000-Einwohner-Stadt Aachen an den Grenzen zu Belgien und Holland zum Modell für Elektromobilität werden. Ein eng geknüpftes Netzwerk soll sicherstellen, dass kein Kunde mehr als 300 Meter laufen muss, um das nächste „Pedelec“ zu finden. „Pedelecs“ sind Elektrofahrräder, deren Motor den Fahrer umso stärker unterstützt je stärker er in die Pedale tritt. In Kürze beginnt eine Testphase mit einer Auswahl von Kunden und einer Handvoll Mietstationen. Im Verlauf des Jahres 2015 soll dann der Startschuss für den offiziellen Service mit zunächst 25 Verleihstationen fallen.

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