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Medienkonsum : Fernsehen macht unglücklich

Zahl der Fernsehkanäle mindert das Wohlbefinden Bild: ddp

Jeden Abend das gleiche. Statt zu lesen oder Sport zu treiben, landet man nach der Arbeit vor der Glotze. Ist der Fernseher abgeschaltet, ärgert man sich. Das macht unglücklich - wofür Wissenschaftler den Beweis liefern.

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          Wohl jeder kennt diese Erfahrung. Der Arbeitstag war lang, man ist müde und hat zu nichts mehr Lust. Wahrscheinlich wäre es jetzt am gescheitesten, sich am Riemen zu reißen, ein paar Runden joggen zu gehen oder sich sonstwie körperlich zu betätigen. Oder man könnte zu einem guten Buch greifen. Oder sonst etwas Sinnvolles tun. Oder gleich ins Bett gehen.

          Werner Mussler

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Macht man natürlich nicht, sondern hält sich an die nächstliegende Alternative: die Glotze. Hat man genug Programme zur Auswahl, durch die man sich zappen kann, wird man schon an irgendwas hängenbleiben.

          Mangel an Selbstdisziplin

          Und hat man nach zwei oder mehr Stunden endlich abgeschaltet, ärgert man sich und denkt: Die Zeit hätte sich besser verbringen lassen. Hätte man - beispielsweise - Sport getrieben, fühlte man sich jetzt besser. Wäre man ins Bett gegangen, wäre man morgen ausgeschlafen.

          „Herr A et al.”

          Eigentlich ist solches Alltagsverhalten ja einfach erklärt. Nennen wir es Trägheit, Bequemlichkeit, Willensschwäche, Mangel an Selbstdisziplin. Allzu menschlich, eigentlich. Nicht so für Ökonomen. Die tun sich in der Regel schwer damit, solches Verhalten in ihr Standardmodell des Homo oeconomicus zu integrieren. Denn dieser handelt ja bekanntlich vollkommen rational.

          Auftretende Kopfschmerzen

          Auch als Fernsehkonsument: Er wägt den Nutzen, den er aus dem Betrachten einer Sendung zieht, gegen die Kosten ab - wobei er in sein Kostenkalkül nicht nur möglicherweise auftretende Kopfschmerzen einbezieht, sondern auch den entgangenen Nutzen, der ihm daraus erwächst, daß er die (Fernseh-)Zeit nicht anders verbracht hat.

          Die Dauer seines Fernsehkonsums ist das Ergebnis seines Rationalkalküls und damit per se optimal. Ein schlechtes Gewissen nach übermäßigem Glotzen oder die Selbsteinschätzung, man sehe mehr fern, als angemessen sei, passen nicht in dieses Schema.

          Sie sehen mehr fern, als sie eigentlich wollten

          Genau diese Selbsteinschätzung vieler Fernsehzuschauer ist aber - wenig überraschend - empirisch hinreichend belegt. Darauf weist eine Studie aus der Schule des Züricher Vielseitigkeitsökonomen Bruno Frey hin. Die Autoren zitieren eine Umfrage, die in Israel bald nach der dortigen Einführung des Kabelfernsehens gemacht wurde. 41 Prozent der Befragten bekundeten darin, sie sähen mehr fern, als sie eigentlich wollten. Als es noch kein Kabel (und damit weniger Auswahl) gab, hatten nur 28 Prozent so geantwortet.

          Frey und seinen Mitautoren geht es allerdings nicht per se um den (jedenfalls für Nichtökonomen) reichlich trivialen Befund, daß viele Leute mehr fernsehen, als sie eigentlich wollen. Das Fernsehbeispiel dient ihnen vielmehr als weiterer Beleg dafür, daß der Homo oeconomicus als generelles Modell für menschliches Verhalten an Grenzen stößt, daß er jedenfalls ergänzt werden muß um Erkenntnisse der Verhaltenspsychologie oder der Soziologie.

          „Glücksforschung“

          Das ist in der Ökonomik spätestens seit der Vergabe des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften an den Psychologen Daniel Kahneman vor vier Jahren im Prinzip auch anerkannt. Der „irrationale“ Fernsehzuschauer sieht nur den geringen Aufwand für das Fernsehen: Wer fernsieht, muß weniger Ressourcen aufwenden als jemand, der Sport treibt oder Gäste einlädt.

          Was der Fern-Seher aber (systematisch) übersieht, sind die langfristigen, nicht unmittelbar anfallenden Kosten, etwa in Form von zuwenig Schlaf oder von nachlassenden sozialen Kontakten.

          Die Schweizer Ökonomen verknüpfen diese kaum bestreitbaren Befunde mit der von ihnen betriebenen „Glücksforschung“. Verkürzt gesagt, beruht diese auf der Hypothese, daß bestimmte Menschen weniger glücklich sind, als sie sein könnten, und daß dies empirisch feststellbar ist.

          Das Glück von außen „objektiv“ bestimmen

          Die empirische Überprüfung beruht vor allem auf Befragungen von Personen über deren Wohlbefinden. Für das Fernsehbeispiel haben die Autoren Daten aus 45 Ländern ausgewertet, mit denen sich ein Zusammenhang zwischen der Zahl der einer Person zur Verfügung stehenden Fernsehkanäle und dem von ihr bekundeten Wohlbefinden herstellen läßt. Das Ergebnis lautet: Das Wohlbefinden sinkt mit der Zahl der Kanäle. (Zuviel) Fernsehen macht also unglücklich.

          Was folgt aus dem geschilderten Befund, daß manche Menschen glücklicher sein könnten, wenn sie sich anders verhielten? Ein wenig Vorsicht ist geboten: Die Behauptung, das Glück eines einzelnen lasse sich von außen „objektiv“ bestimmen, stößt zunächst an erkenntnistheoretische Grenzen.

          Beschränkung der Zahl der Fernsehkanäle

          Kosten und Nutzen - und damit auch jedes wie immer definierte Glück - sind subjektive Kategorien. Das bedeutet: Niemand sollte auf die Idee kommen, daß irgend jemand, gar der Staat, in die Lage versetzt werden sollte, die Unglücklichen zu ihrem Glück zu zwingen.

          Die Schweizer Ökonomen weisen denn auch die Idee weit von sich, aus ihren Erkenntnissen ließe sich ein Ruf nach dem Staat ableiten, etwa nach einer staatlichen Beschränkung der Zahl der Fernsehkanäle.

          „How to Make Your Life Happier“

          Statt dessen empfehlen sie, man solle die willensschwachen Fernsehjunkies darin unterstützen, ihre Schwäche zu überwinden - etwa durch „Vorschläge für Selbstbindungsmechanismen“.

          Das wäre dann wohl eine Marktlücke für einen weiteren Lebenshilfe-Bestseller. Nach „Simplify Your Life“ vielleicht „How to Make Your Life Happier“. Frey hat schon viele Bücher geschrieben. Dieses fehlt noch.

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