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Medien : „Verleger müssen wie Google denken“

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„Zeitungsmacher müssen verstehen, wie sich Informationen im Internet verbreiten”, sagt Medienforscher Jeff Jarvis Bild: Andreas Müller

Die graphische Werbung im Internet hat den klassischen Medien bisher nicht die erhofften Umsätze gebracht. Jetzt beginnt die Suche nach einem neuen Modell für den Online-Journalismus und das Geschäft im Netz.

          „Die Zeitungsmacher müssen sich mit der neuen Internetwelt beschäftigen. Sie müssen nicht alles mitmachen, aber sie müssen verstehen, wie sich Informationen über Netzwerke, Blogs oder Twitter verbreiten und wie sie diese Informationswege für sich nutzen können“, sagte Jeff Jarvis, Journalismus-Professor aus New York und einer der Vordenker der Online-Medien.

          Viele traditionelle Medien, zurzeit ohnehin stark unter dem Einbruch der Werbemärkte leidend, begehen nach seiner Meinung einen kapitalen strategischen Fehler im Netz: Sie wollen möglichst viele Nutzer auf ihre Seite locken, schotten sich aber ab und vernachlässigen dabei die Vernetzung.

          Jarvis: Das Schlüsselwort lautet „Links“

          „Verleger müssen wie Google denken. Sie denken aber meist noch wie Yahoo, der letzte Vertreter der alten Medienunternehmen im Netz. Yahoo will die Inhalte besitzen und die Menschen dazu bewegen, auf die Yahoo-Seite zu kommen. Diesen Menschen soll dann so viel Werbung wie möglich gezeigt werden. Das ist das alte Modell. Google dagegen verteilt seine Produkte über das Internet, seine Landkarten, seine Videos und seine Werbung. Das ist das neue Modell. Ich wünschte, mehr Medien würden diesen Weg gehen. Denn Google versteht das Internet besser als jeder andere“, sagte Jarvis der F.A.Z. Das Schlüsselwort laute „Links“. „Mit diesen Empfehlungen von anderen Internetseiten werden neue Leser gewonnen, die über die Marke nicht gekommen wären. Inhalte ohne Links haben wenig Wert im Netz“, sagte Jarvis.

          Guardian-Chefin Carolyn McCall: Blogs sind sehr wichtig

          Auf dem Weg, der geänderten Mediennutzung der Menschen ins Internet zu folgen, sind viele traditionelle Medien ebenso wie Yahoo im Web 1.0 steckengeblieben. Sie scheuen auf ihren Internetseiten vor Links auf externe Quellen zurück, um die Nutzer nicht wieder fortzuschicken - schon gar nicht zur Konkurrenz. Neue Leser kommen fast ausschließlich von Google. Dagegen machen konsequent gesetzte elektronische Verweise auf andere Quellen und deren Integration die eigenen Inhalte wertvoller und bringen - bei gegenseitiger Verlinkung - am Ende mehr Nutzer zurück. Angenehmer Nebeneffekt: Links erhöhen die Trefferquote bei Google. Denn: "Google mag Links", sagte Heiko Eckert, Fachmann für Suchmaschinenoptimierung. Es ist vor allem diese Verlinkung, die Blogs in den Suchmaschinen so weit nach oben gespült hat, dass sie jetzt auf Augenhöhe mit den traditionellen Medien stehen und mit ihnen um die Werbegelder konkurrieren.

          Burda: Inhalte von außen holen

          Als Protagonist dieses neuen Medienmodells gilt das amerikanische Frauennetzwerk Glam, das in nur drei Jahren eine Reichweite von 110 Millionen Menschen aufgebaut hat. "Das Glam-Modell zeigt, wie man ein großes Publikum schnell und zu geringen Kosten erreicht. Dabei ist Glam noch nicht einmal perfekt; es ist aber der erste große Erfolg seiner Art. Es ist für das Internet-Zeitalter gemacht", sagte Jarvis. Glam vernetzt mehr als 700 Blogs und andere Online-Quellen und gehört zu den am schnellsten wachsenden Internetunternehmen.

          Aus diesem Grund ist Hubert Burda im vergangenen Jahr mit einem zweistelligen Millionenbetrag bei Glam eingestiegen. Burda plädiert für ein Umdenken in den Printhäusern: "Die Verlage sollten ihr Geld nicht nur in einzelne Internetseiten investieren, sondern auch in neue Modelle wie Glam. Die holen Inhalte von außen in das Netzwerk herein, statt sie alle selbst zu erstellen", sagte Burda der F.A.Z.

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