https://www.faz.net/-gqe-ry73

Medien : Großaktionär will Bertelsmann an die Börse bringen

  • Aktualisiert am

Börsengang wider Willen Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der belgische Bertelsmann-Großaktionär Groupe Bruxelles Lambert will den Gütersloher Medienkonzern im nächsten Jahr an die Börse bringen. Bertelsmann muß sich damit abfinden.

          2 Min.

          Der belgische Bertelsmann-Großaktionär Groupe Bruxelles Lambert (GBL) will den Gütersloher Medienkonzern im nächsten Jahr an die Börse bringen. Der größte Börsengang eines europäischen Medienunternehmens seit langem würde Aktienexperten zufolge auf breites Anlegerinteresse stoßen.

          Der GBL-Vorstand habe beschlossen, seinen Bertelsmann-Anteil von 25,1 Prozent an die Börse zu bringen, teilte die belgische Investmentgesellschaft der Familien Frere und Desmarais am Freitag mit. Der leitende GBL-Manager Thierry De Rudder sagte der Nachrichtenagentur Reuters, er peile den Schritt im Laufe des nächsten Jahres an. Die Aktien würden möglicherweise in Frankfurt gelistet. Der Gütersloher Medienkonzern findet sich mit dem Börsengang ab: „Wir sind vorbereitet“, sagte Konzernchef Gunter Thielen. Die Eigentümerfamilie Mohn will ihre Beteiligung aber behalten.

          Keine Anteile von der Stiftung und der Familie Mohn

          Die Belgier hatten sich 2001 an Bertelsmann beteiligt, als die im Gegenzug ihre 29,9 Prozent an der Sendergruppe RTL an den Gütersloher Konzern abgaben. Damals war vereinbart worden, daß GBL ab Mai 2006 seine Anteile am Kapitalmarkt plazieren kann. „Wir haben uns in den vergangenen Jahren auf einen möglichen Börsengang intensiv vorbereitet“, erklärte Konzernchef Gunter Thielen am Freitag. „Bertelsmann hat sich gut entwickelt und die Ergebnisse deutlich gesteigert.“ Der Konzernabschluß sei auf den internationalen Standard IFRS umgestellt und die Banken- in eine Kapitalmarktfinanzierung umgewandelt.

          Alternativ hätte GBL seinen Anteil auch verkaufen können, wobei die Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG) ein Vorkaufsrecht hätte. Das GBL-Paket wäre Medienberichten zufolge aber rund fünf Milliarden Euro teuer gewesen. Die BVG übt die Stimmrechte für die Familie Mohn und die Bertelsmann Stiftung aus, die die übrigen Anteile an Bertelsmann halten.

          „Die Bertelsmann Stiftung und die Familie Mohn selbst werden keine Anteile abgeben, so daß die BVG weiter 75 Prozent der Stimmrechte in der Hauptversammlung kontrollieren und über eine Dreiviertel-Mehrheit verfügen wird“, schrieb Bertelsmann-Chef Thielen in einem Brief an die Mitarbeiter, der Reuters vorliegt. Die BVG und der Vorstand respektierten die Entscheidung der GBL. An der Ausrichtung des Unternehmens werde der Börsengang aber nichts ändern.

          In Bankenkreisen hatte es zuletzt geheißen, die Patriarchin der Familie, Liz Mohn, sei gegen einen Börsengang. „Der IPO ist sicher nicht ihre bevorzugte Option, aber sie muß der Realität vielleicht ins Auge sehen“, sagte Medienanalyst Harald Heider von der DZ Bank.

          Der Bertelsmann-Konzern, dem unter anderem Europas größter TV-Konzern RTL gehört, erzielte 2004 ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Sondereinflüssen von 1,43 Milliarden Euro. Der Umsatz lag bei 17 Milliarden Euro. Für 2005 erwartete der Vorstand eine weitere Umsatz- und Ergebnissteigerung.

          Kandidat für den Dax

          Experten meinen, ein Börsengang des Medienriesen würde die deutsche Börsenlandschaft bereichern. „Jeder freut sich, wenn interessante Werte an die Börse kommen“, sagte Thomas Körfgen, Leiter Aktienfondsmanagement der SEB Invest. „Der Medienkonzern hat ein solides, über Jahre bewährtes Geschäftsmodell“, sagte Nordinvest-Fondsmanager Markus Barth. Aktienstratege Frank Schallenberger von der Landesbank Baden-Württemberg erhofft sich von dem Börsengang „mehr Qualität im Mediensektor“. Er sieht Bertelsmann als Kandidaten für eine Mitgliedschaft im deutschen Leitindex Dax.

          Nach Einschätzung von Medienanalyst Heider käme Bertelsmann auf eine Marktkapitalisierung im zweistelligen Milliarden-Euro- Bereich kommen. Damit wäre Bertelsmann einer der größten Börsengänge eines Medienunternehmens in Europa für längere Zeit. „Es ist noch zu früh, Schätzungen über das Volumen der Emission abzugeben“, sagte Heider. Der Münchener Bezahlfernsehsender Premiere hatte etwa 1,2 Milliarden Euro mit seiner Börsennotiz eingesammelt.

          Aktienexperten wiesen jedoch darauf hin, daß bei einem Abflauen der Börseneuphorie im kommenden Jahr ein Börsengang in dieser Größenordnung schwerer zu schaffen sei. „Das Zeitfenster für einen Börsengang schließt sich auch irgendwann wieder“, sagte Fondsmanager Barth.

          Weitere Themen

           Lufthansa fliegt aus dem Dax Video-Seite öffnen

          Kursabsturz in Corona-Krise : Lufthansa fliegt aus dem Dax

          Die Corona-Krise hat dem Flugunternehmen schwer zugesetzt. Nun ist die Lufthansa aus dem Kreis der 30 deutschen Aktien Index gerutscht. Mit der Deutschen Wohnen schafft es erstmals seit 14 Jahren wieder ein Unternehmen aus der Hauptstadt in den Dax.

          Unabhängigkeit durch rechtliche Kontrolle

          FAZ Plus Artikel: Urteil zur EZB : Unabhängigkeit durch rechtliche Kontrolle

          Die Kompetenz der EZB ist limitiert und die Einhaltung ihrer Grenzen unterliegt gerichtlicher Kontrolle. Die Unabhängigkeit der Zentralbank muss das aber nicht beschneiden. Im Gegenteil. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Nicht nur Gnabry (links) und Goretzka trafen für den FC Bayern in Leverkusen.

          4:2 in Leverkusen : Der FC Bayern ist eine Klasse für sich

          Die Münchner meistern die wohl größte Hürde, die auf dem Weg zum Titel noch zu nehmen war, mit dem klaren Sieg in Leverkusen souverän. Die fußballerische Perfektion erinnert an die besten Phasen unter Pep Guardiola.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.