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Medien : Götterdämmerung in der Musikindustrie

Muß BMG verlassen: Deutschland-Chef Thomas Stein Bild: dpa/dpaweb

Nach Universal-Chef Renner verliert binnen 24 Stunden auch BMG-Manager Thomas Stein seinen Posten. In der Musikindustrie herrscht Götterdämmerung. Die Krise erreicht endgültig die Chefetagen der Konzerne.

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          Der Freitag war kein guter Tag für Thomas Stein. Heute abend sitzt der Deutschland-Chef der Bertelsmann Music Group (BMG) wieder auf der Jury-Couch der RTL-Fernsehshow "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS). Gestern hat er bei der BMG ziemlich abrupt die Kündigung erhalten. Man habe sich darauf geeinigt, daß er das Unternehmen mit sofortiger Wirkung verlassen werde, teilte die BMG mit.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Stein ist damit binnen 24 Stunden der zweite Topmanager in der deutschen Musikindustrie, der seinen Posten verliert. Erst am Donnerstag war Tim Renner, Geschäftsführer beim Branchenprimus Universal Music Deutschland, zurückgetreten.

          In der Musikindustrie herrscht Götterdämmerung. Die Krise erreicht endgültig die Chefetagen der Konzerne. Schon vergangenen Sommer mußte Udo Lange, Deutschland-Geschäftsführer der britischen EMI seinen Arbeitsplatz im Kölner Mediapark räumen. Stein, Renner und Lange folgten damit zahlreichen Mitarbeitern.

          Nimmt seinen Hut bei Universal: Tim Renner

          Personalabbau nach beispiellosem Umsatzrückgang

          Die BMG etwa hat in den vergangenen beiden Jahren in Deutschland 250 ihrer 550 Beschäftigten entlassen. Zugleich verloren rund 100 Künstler ihren Plattenvertrag. "Im Schnitt haben die fünf großen Konzerne die den Markt beherrschen, 30 bis 40 Prozent ihres Personals abgebaut", schätzt ein Branchenkenner. Damit reagierten die Konzerne auf einen beispiellosen Umsatzrückgang.

          Zwischen 1998 und 2002 sind die Einnahmen aus dem Verkauf von CDs und anderen Tonträgern hierzulande um rund 600 Millionen Euro auf unter 2 Milliarden Euro geschrumpft. Und vergangenes Jahr wurde wohl erneut ein prozentual zweistelliges Minus verbucht. Trotz des dahinschwindenden Marktes arbeiten allerdings sowohl die BMG als auch Universal wegen der tiefgreifenden Kürzungen in Deutschland nach eigenen Angaben profitabel. Zahlen zum nationalen Geschäft veröffentlichen die Plattenriesen nicht.

          Streichkonzert in der Musikindustrie

          Der Rausschmiß des BMG-Chefs dürfte nun zugleich der Auftakt für ein weiteres Streichkonzert in der Musikindustrie sein. Denn die BMG steht vor der Fusion mit dem Konkurrenten Sony Music. Wenn die Elefantenhochzeit kommen sollte, fallen erneut viele Stellen weg. Gut möglich, daß auch Steins Nachfolger, der BMG-Manager Maarten Steinkamp, diesen Posten nur ein paar Monate behält, bis er bei der Zusammenlegung der beiden Deutschland-Zentralen gestrichen wird.

          Zwei Manager, die unterschiedlicher nicht sein können

          Mit Stein und Renner holt die wirtschaftliche Misere zwei Manager ein, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite der 54 Jahre alte Branchenveteran Stein mit dem Habitus eines autoritären Onkels, der wie kein anderer deutscher Musikmanager die Orientierung am Mainstream des Musik-Geschmacks.

          Er setzte stark auf Teenager-Idole, die zuvor der Bertelsmann-Haussender RTL bekannt gemacht hat. Im Grunde sind Künstler wie der DSDS-Gewinner Alexander oder die frühere Seifenoper-Darstellerin Yvonne Catterfeld Fernsehstars, deren CDs den Charakter von Merchandising-Artikeln haben. "Stein hat im Rahmen dieses Bertelsmann-Konzepts eigentlich einen guten Job gemacht", sagt Gerhard Braum, Geschäftsführer der Berliner Plattenfirma Fourmusic, der seit 20 Jahren im Geschäft ist und unter anderem "Die Ärzte" und "Die Fantastischen Vier" entdeckt hat.

          Tatsächlich war die BMG in den deutschen Verkaufscharts 2003 der große Gewinner. Doch das genügte offensichtlich nicht: "Hohe Marktanteile sind nicht das entscheidende Kriterium, was zählt ist die Rendite, und die war zu schlecht", hieß es am Freitag aus Kreisen des BMG-Konzerns.

          „Wunderkind“ Renner

          Der mit 39 Jahren wesentlich jüngere und oft als "Wunderkind" bezeichnete Renner, setzte zwar ebenfalls auf die Fernseh-Musiker: Mit den "No Angels" landete Universal unter seiner Führung vor Jahren den ersten großen Erfolg nach diesem Strickmuster. Doch seinen Posten hat Renner verloren, weil er mehr Geld als die amerikanische Konzernmuttergesellschaft für die Entwicklung von deutschen Künstlern abseits des aktuellen Mainstreams ausgeben wollte.

          "Fernseh-Musikstars laufen immer Gefahr, daß ihr Glamour nur geliehen ist und sofort verschwindet, wenn die Unterstützung vom Fernsehen fehlt", sagt Renner. In kleineren Musik-Szenen und Nischen könnten Plattenfirmen oft die spannenderen Inhalte finden. "Und wir brauchen Inhalte, die die Leute bewegen, wenn wir aus der Krise kommen wollen."

          Angesichts der gegensätzlichen Strategien von Stein und Renner, mit denen aber beide scheiterten, hat der Abgang der Topmanager eine kuriose Note: "Stein hat das gemacht, was von Renner gefordert wurde - nämlich auf den Mainstream zu setzen. Und jetzt sind beide ihren Job los", sagt Fourmusic-Chef Braum lakonisch.

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