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Medien : Filmpiraterie im Internet blüht

  • Aktualisiert am

Im Internet mehr Zuschauer als im Kino: „Krieg der Welten” Bild: picture-alliance/ dpa

Breitband macht es möglich: Das Internet ist zum kostenlosen Selbstbedienungsladen für Filmfans geworden. Zum Kinostart sind inzwischen 94 Prozent aller Hollywood-Streifen und 40 Prozent aller deutschen Kinofilme im „Netz“ verfügbar.

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          Breitband macht es möglich: Das Internet ist zum kostenlosen Selbstbedienungsladen für Filmfans geworden. Zum Kinostart sind inzwischen 94 Prozent aller Hollywood-Streifen und 40 Prozent aller deutschen Kinofilme als Raubkopie in Internet-Tauschbörsen verfügbar, hat die Münchner Partners 4 Management GmbH (P4M) gemeinsam mit der RWTH Aachen in der Studie „Available for Download“ herausgefunden.

          Dank schneller Breitband-Anschlüsse und Flatrates lassen sich selbst Filme, die mehrere Gigabyte Datenvolumen umfassen, über Nacht aus Internet-Tauschbörsen wie Bittorent oder E-Donkey laden. Zum Beispiel war der Spielberg-Streifen „Krieg der Welten“ schon kurz nach seiner Premiere auf mehreren hunderttausend Internet-Seiten verfügbar - und war damit wohl erfolgreicher als an der Kinokasse. Der Film „Star Wars - Episode III“ war im Mai sogar vor seinem Kinostart im Netz zu haben. Damals war die amerikanische Bundespolizei erstmals gegen Bittorent vorgegangen.

          65 Prozent der Filme als Raubkopie in Tauschbörsen

          Die Forscher haben in den vergangenen Monaten 165 Filme beobachtet und ihr Auftauchen im Internet untersucht. 65 Prozent der Filme erschienen als Raubkopie in den Tauschbörsen: Jeweils ein knappes Drittel tauchte schon vor dem Kinostart oder am Startwochenende im Internet auf, rund 45 Prozent in den ersten beiden Wochen nach der Premiere. Verleiher mit guten Sicherheitsvorkehrungen schaffen es in den meisten Fällen, die Online-Verfügbarkeit bis nach dem Kinostart hinauszuzögern, haben dann aber kaum noch Chancen gegen die Piraten. Besonders hoch ist der Online-Anteil in den Vereinigten Staaten und Großbritannien; Deutschland liegt im Mittelfeld.

          Blockbuster mit mehr als 500.000 Zuschauern am Premierenwochenende stehen meist in den ersten Tagen nach Kinostart zur Verfügung. „Das hängt mit den hohen Sicherheitsvorkehrungen der Verleiher zusammen“, sagt P4M-Geschäftsführer Wolfgang Greipl. Filme, die weniger als 100.000 Zuschauer am Eröffnungswochenende anziehen, waren häufig bereits vor dem Kinostart online.

          Sicherheitsvorkehrungen oftmals kein Hindernis

          Trotz hoher Sicherheitsvorkehrungen gelangen die Filme in hoher Qualität in die Tauschbörsen. Statt wie früher die Filme in schlechter Qualität im Kino abzufilmen, werden heute meist die Kopierschutzverfahren von DVDs aus dem Ausland geknackt. Auch aus dem Umfeld von Jury-Vorführungen gelangen die Filme häufig in die falschen Hände. Dabei werde der Film oft in einem leeren Kinosaal mit einer professionellen Digitalkamera abgefilmt. Die Bildqualität sei daher „zu sehr großem Anteil relativ gut bis sehr gut“, haben die Forscher herausgefunden. Der Ton stammt dann meist aus Kinomitschnitten und wird mit dem Film synchronisiert. Die Tonqualität kann oft mit der Bildqualität nicht mithalten.

          Als Ergebnis haben die Forscher herausgefunden, daß die Bemühungen der Filmindustrie, gegen Raubkopierer vorzugehen, bisher nicht zu einem Bedeutungsverlust der Online-Filmpiraterie geführt haben. Neben den Kinos dürfte vor allem das Geschäft mit dem DVD-Verleih unter der Piraterie leiden. Die deutsche Filmindustrie schätzt den Schaden für das Jahr 2004 auf eine Milliarde Euro.

          Hollywood-Studios unwillig

          Die Anstrengungen der Internet-Unternehmen wie T-Online oder Arcor, legale Filmangebote im Netz aufzubauen, leiden unter der fehlenden Bereitschaft der Hollywood-Studios, gute Filme schnell für das Internet-Geschäft zur Verfügung zu stellen. T-Online wirbt aktuell mit dem Film „I, Robot“ mit Will Smith, der bereits vor einem Jahr in die Kinos kam. Arcor preist gar „Chocolat“ mit Johnny Depp als neuen Top-Movie an. Der Film stammt aus dem Jahr 2000. Aus Angst vor Piraterie sind die Studios sehr vorsichtig.

          Einen neuen Anlauf nehmen nun der Chiphersteller Intel und der Schauspieler Morgan Freeman mit dem Unternehmen Clickstar. „Unser Unternehmen adressiert die wachsende Nachfrage nach digitalen Inhalten, vor allem Filme. Wir möchten, daß es leichter ist, einen Film zu kaufen, statt ihn illegal zu besorgen“, sagte Freeman. Clickstar hat das Ziel, Filme vor dem DVD-Verleih im Netz anzubieten. Allerdings sind die Hollywood-Studios weiterhin mißtrauisch, denn neben der Piraterie könnte das Internet-Geschäft das DVD-Geschäft kannibalisieren.

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