https://www.faz.net/-gqe-77wk6

„Let’s Play“ : Guck mal, wer da spielt: Die neue Youtube-Masche

  • -Aktualisiert am

Zuschauen, wie ein Wildfremder ein Spiel zockt, und lauschen, wie er dabei über Gott und wie Welt palavert - das gefällt Millionen Internetnutzern Bild: Getty Images

Computerspieler filmen sich beim Zocken am heimischen PC - und Millionen schauen im Internet zu. „Let’s Play“ heißt der Trend.

          “Servus und willkommen“, schallt es aus den PC-Lautsprechern, wenn Sinan Sözen alias „SinanGaming“ wieder eins seiner Videos dreht. Der Münchner betreibt ein skurriles Hobby: Er filmt sich selbst beim Computerspielen - und jeden Tag schauen ihm dabei Leute zu. Der Sinn dabei erschließt sich erst auf den zweiten Blick: Sözen ist ein sogenannter „Let’s Player“, der von ihm moderierte Spielevideos auf der Internetplattform Youtube veröffentlicht. 2300 Menschen wollen das tagtäglich sehen, so viele haben seinen Kanal abonniert.

          Der Trend stammt aus Amerika, jetzt setzt er sich in Deutschland durch. Als wäre es ein Actionfilm im Fernsehen, klicken Millionen von Internetnutzern bei Youtube die Videos an, in denen PC-Spiele vorgespielt werden - zu sehen ist das Ballerspiel oder die Städtebausimulation, sonst nichts. Der Zuschauer erlebt das Spiel in dem Video genau aus der Perspektive, in der er es auch zu Hause am eigenen PC sehen würde, nur dass er nicht selbst spielt. Das übernehmen Let’s Player wie Sözen, die Computerspiele ähnlich wie eine Sitcom in täglich erscheinenden Episoden aufzeichnen und auf ihren persönlichen Video-Kanal hochladen.

          Längst hat die deutsche Szene ihre Idole

          Nicht das Spiel allein, die Kombination mit den flotten Sprüchen des Moderators macht dabei den Reiz aus. Sei es das klassische Rollenspiel „World of Warcraft“ oder auch ein gruseliges Horrorspektakel - die Fans von Sözen hören dem 25-Jährigen einfach gerne zu. Dieser redet nicht nur über das Spielgeschehen, der Student plappert über Gott und die Welt: „Deutschland hat Mitschuld am Integrationsproblem!“ Sözen sagt, als Let’s Player müsse man vor allem Spaß am Sprechen“ haben. „Ohne eine gewisse Qualität als Entertainer wird das nichts.“ Ziel ist, das Spielgefühl mit den Zuschauern zu teilen und diese wie in einer Comedyshow zu unterhalten.

          Die Produktion eines Let’s Play und das Verwalten eines solchen Kanals ist dabei kein Kinderspiel: Die technische Umsetzung und alles, was nach dem reinen Spielen passiere, die Audiobearbeitung und das Verkleinern der Videos, koste eine Menge Zeit, berichtet Student Sözen, der von seinem Hobby nicht leben kann. Über ein Youtube-Partnerprogramm gibt es zwar Geld für Werbung, die vor, nach und auch zwischen des Videos läuft. „In meinem Fall ist das aber allenfalls ein netter Nebenverdienst.“

          Längst hat die deutsche Let’s-Play-Szene ihre Idole, deren Videos nicht nur tausendfach, sondern gleich millionenfach geklickt werden, wie bei Dennis Brammen. Der gelernte Personalberater ist besser bekannt unter seinem Youtube-Namen „Br4mm3n“. Zusammen mit fünf weiteren Spielern betreibt er den Kanal „PietSmiet & Co“. „Wir machen das alles, weil wir Spaß dran haben. Das ist das Wichtigste.“ Let’s Plays sind eine ideelle Angelegenheit. „Richtig Geld verdienen war nie die Motivation.“

          Kostenlose Werbung statt grober Urheberrechtsverletzung

          Noch nicht. Denn der Massenhype lockt die Spieleindustrie an. Wenn Hunderttausende auf den Kanälen der Szeneberühmtheiten zuschauen, geraten Let’s Plays zu potentiellen Werbeplattformen für das neueste Spiel, mit klar definierter Zielgruppe. „Klar ist das Werbung, wenn wir ein Spiel eines Herstellers gut finden, und das auch sagen“, gibt Profispieler Brammen zu. Doch ein echter Let’s Player sei unberechenbar und damit als Werbeträger ungeeignet: „Wenn ein Produkt schlecht ist, kann das für den Hersteller ganz schön nach hinten losgehen.“ Offerten seitens der Spielefirmen habe es gegeben, berichtet Brammen: Der Let’s Player solle dieses oder jenes Spiel doch mal vor der Veröffentlichung „anspielen“. Dabei werde auch vor direkten finanziellen Angeboten nicht zurückgeschreckt. Doch den Firmen nach dem Mund reden gilt in der Szene als grober Fehltritt. „Die Leute müssen selbst entscheiden, ob ein Spiel gut oder schlecht ist. Ich sage nur meine Meinung“, beteuert Brammen.

          In der Spieleindustrie streitet niemand die enorme Wirkung der Videos ab. Dennoch traut sich kein Hersteller, das Wort „Werbung“ in den Mund zu nehmen. Let’s Plays seien eine „neue Art Berichterstattung“. So klingt es auch bei Daedalic, einem kleineren Gaming-Unternehmen, welches 2-D-Abenteuerspiele herstellt. Der Branchenwinzling hat stark von den Let’s Plays der Szenenikone Erik Range, alias „Gronkh“, profitiert. Dieser ist mit 1,2 Millionen Youtube-Abonnenten der größte Star im deutschen Let’s-Play-Universum. Nachdem Range das Spiel „Edna bricht aus“ im Video durchspielte, stieg der Bekanntheitsgrad von Hersteller Daedalic gewaltig.

          Dabei galten die Videos den Rechteinhabern zu Beginn des Hypes noch als grobe Urheberrechtsverletzung. Die liege immer noch vor, wenn ein Spiel von irgendwem einfach abgefilmt werde, sagt Tobias Röttger von der Mainzer Kanzlei GGR-Rechtsanwälte: „Musik, Dialoge, Grafiken und alles andere sind weiterhin urheberrechtlich geschützt.“ Aber nun lieben die Hersteller die kostenlose Werbung, verschlingt doch schon die Entwicklung komplexer Spiele Millionen, was sich nicht immer auszahlt. Branchengiganten wie die börsennotierte Electronic Arts mit Sitz in Kalifornien, deren CEO John Riccitiello nach enttäuschenden Erlösen vergangene Woche seinen Posten räumte, (“Fifa 2013“, Konzernumsatz: 4 Milliarden Dollar), stellen den Spielern Blanko-Duldungserklärungen aus, nach denen sie das Spielmaterial zeigen dürfen. Hersteller Ubisoft, der mit Titeln wie „Assassin’s Creed“, „Die Siedler“ und „Far Cry“ berühmt geworden ist, fördert ebenfalls Let’s Plays.

          „Das Wichtigste ist unsere Authentizität“

          Das steigert wiederum die Klickrate - und zahlt sich für die Spieler aus. Bei einem Nebenverdienst wie beim Spieler Sinan Sözen muss es nicht bleiben. Bei bis zu zwanzig Euro pro tausend Klicks können die Werbeeinnahmen, die von Youtube überwiesen werden, eine stattliche Summe ergeben, wenn die Fanzahl in die Hunderttausende geht. Manch Spieler sieht schon den Geist des Spiels vom Kommerz bedroht. „Es gibt mittlerweile immer mehr Youtuber, die nur auf viele Fans und das Geld aus sind. Das ist eine sehr traurige Entwicklung, wenn ich bedenke, dass wir selbst mehr als ein Jahr gebraucht haben, um gerade einmal tausend Abos zu erreichen“, sagt Spieler Brammen.

          Die größte Gefahr der millionenstarken Fanlager liegt jedoch in der Korruption durch Spielehersteller. Beweise, dass ein Hersteller einen Let’s Player für eine wohlwollende Rezeption des neuesten Spielehits bezahlt hat, gibt es noch keine. „Das Wichtigste ist unsere Authentizität“, sagt Brammen. „Wenn wir die nicht mehr haben, schaut uns auch niemand mehr zu.“ Für sämtliche seiner Mitstreiter will er allerdings keine Unabhängigkeit garantieren: „Wahrscheinlich gibt es auch bei uns einige schwarze Schafe.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Offizieller Wahlkampfauftakt : Groß, größer, Trump

          Donald Trump wird im Wahlkampf 2020 auf volle Lautstärke drehen und seine Bilanz in die Waagschale werfen. Es bleibt aber abzuwarten, ob dazu auch ein Krieg am Golf gehört.

          Amerikanische Staatsanleihen : China verkauft im großen Stil

          China war jahrelang der größte Abnehmer amerikanischer Staatsanleihen. Doch der Bestand ist auf das niedrigste Niveau seit zwei Jahren gesunken. Das löst Befürchtungen über eine neuerliche Eskalation im Handelskonflikt aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.