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„Let’s Play“ : Guck mal, wer da spielt: Die neue Youtube-Masche

  • -Aktualisiert am

Kostenlose Werbung statt grober Urheberrechtsverletzung

Noch nicht. Denn der Massenhype lockt die Spieleindustrie an. Wenn Hunderttausende auf den Kanälen der Szeneberühmtheiten zuschauen, geraten Let’s Plays zu potentiellen Werbeplattformen für das neueste Spiel, mit klar definierter Zielgruppe. „Klar ist das Werbung, wenn wir ein Spiel eines Herstellers gut finden, und das auch sagen“, gibt Profispieler Brammen zu. Doch ein echter Let’s Player sei unberechenbar und damit als Werbeträger ungeeignet: „Wenn ein Produkt schlecht ist, kann das für den Hersteller ganz schön nach hinten losgehen.“ Offerten seitens der Spielefirmen habe es gegeben, berichtet Brammen: Der Let’s Player solle dieses oder jenes Spiel doch mal vor der Veröffentlichung „anspielen“. Dabei werde auch vor direkten finanziellen Angeboten nicht zurückgeschreckt. Doch den Firmen nach dem Mund reden gilt in der Szene als grober Fehltritt. „Die Leute müssen selbst entscheiden, ob ein Spiel gut oder schlecht ist. Ich sage nur meine Meinung“, beteuert Brammen.

In der Spieleindustrie streitet niemand die enorme Wirkung der Videos ab. Dennoch traut sich kein Hersteller, das Wort „Werbung“ in den Mund zu nehmen. Let’s Plays seien eine „neue Art Berichterstattung“. So klingt es auch bei Daedalic, einem kleineren Gaming-Unternehmen, welches 2-D-Abenteuerspiele herstellt. Der Branchenwinzling hat stark von den Let’s Plays der Szenenikone Erik Range, alias „Gronkh“, profitiert. Dieser ist mit 1,2 Millionen Youtube-Abonnenten der größte Star im deutschen Let’s-Play-Universum. Nachdem Range das Spiel „Edna bricht aus“ im Video durchspielte, stieg der Bekanntheitsgrad von Hersteller Daedalic gewaltig.

Dabei galten die Videos den Rechteinhabern zu Beginn des Hypes noch als grobe Urheberrechtsverletzung. Die liege immer noch vor, wenn ein Spiel von irgendwem einfach abgefilmt werde, sagt Tobias Röttger von der Mainzer Kanzlei GGR-Rechtsanwälte: „Musik, Dialoge, Grafiken und alles andere sind weiterhin urheberrechtlich geschützt.“ Aber nun lieben die Hersteller die kostenlose Werbung, verschlingt doch schon die Entwicklung komplexer Spiele Millionen, was sich nicht immer auszahlt. Branchengiganten wie die börsennotierte Electronic Arts mit Sitz in Kalifornien, deren CEO John Riccitiello nach enttäuschenden Erlösen vergangene Woche seinen Posten räumte, (“Fifa 2013“, Konzernumsatz: 4 Milliarden Dollar), stellen den Spielern Blanko-Duldungserklärungen aus, nach denen sie das Spielmaterial zeigen dürfen. Hersteller Ubisoft, der mit Titeln wie „Assassin’s Creed“, „Die Siedler“ und „Far Cry“ berühmt geworden ist, fördert ebenfalls Let’s Plays.

„Das Wichtigste ist unsere Authentizität“

Das steigert wiederum die Klickrate - und zahlt sich für die Spieler aus. Bei einem Nebenverdienst wie beim Spieler Sinan Sözen muss es nicht bleiben. Bei bis zu zwanzig Euro pro tausend Klicks können die Werbeeinnahmen, die von Youtube überwiesen werden, eine stattliche Summe ergeben, wenn die Fanzahl in die Hunderttausende geht. Manch Spieler sieht schon den Geist des Spiels vom Kommerz bedroht. „Es gibt mittlerweile immer mehr Youtuber, die nur auf viele Fans und das Geld aus sind. Das ist eine sehr traurige Entwicklung, wenn ich bedenke, dass wir selbst mehr als ein Jahr gebraucht haben, um gerade einmal tausend Abos zu erreichen“, sagt Spieler Brammen.

Die größte Gefahr der millionenstarken Fanlager liegt jedoch in der Korruption durch Spielehersteller. Beweise, dass ein Hersteller einen Let’s Player für eine wohlwollende Rezeption des neuesten Spielehits bezahlt hat, gibt es noch keine. „Das Wichtigste ist unsere Authentizität“, sagt Brammen. „Wenn wir die nicht mehr haben, schaut uns auch niemand mehr zu.“ Für sämtliche seiner Mitstreiter will er allerdings keine Unabhängigkeit garantieren: „Wahrscheinlich gibt es auch bei uns einige schwarze Schafe.“

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